Barbara Albert: Mein SS-Großvater war kein Monster

Regisseurin Barbara Albert hat einen Film über die Generation der Enkel von NS-Verbrechern gedreht – mit autobiografischem Hintergrund.

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Barbara Albert – (c) APA/NICK ALBERT (NICK ALBERT)

Sitas Großvater war SS-Wachmann. Ihre Mutter hatte davon keine Ahnung, ihr Vater redete nie darüber. Also begibt sich die 25-Jährige auf die Suche, spricht mit alten Nachbarn, die ihren Großvater gekannt haben mussten, stöbert nach Dokumenten – um so ein Stück Familienwahrheit auszugraben. Das ist, kurz gefasst, der Plot von Barbara Alberts neuem Film „Die Lebenden“, der Ende September seine Erstaufführung beim spanischen Filmfestival in San Sebastián hatte.

„Nicht der ganze Film ist autobiografisch“, sagt die Regisseurin im Gespräch mit der „Presse“. Doch auch sie habe versucht, die Vergangenheit ihrer Familie zu erforschen, als sie erfuhr, dass ihr eigener Großvater SS-Wachmann war. Doch zum einen habe sie auf ihrer Suche viel mehr Orte bereist als Sita. Zum andern sei sie eine Generation älter als die Protagonistin. „Aber natürlich ist Sita mein Alter Ego.“

Albert, die 1999 mit ihrem Debüt „Nordrand“ internationales Lob erntete und damit auch den österreichischen Film ins Rampenlicht rückte, ist inzwischen 42. „Böse Zellen“ und „Fallen“, ihre beiden Nachfolgerfilme, erfuhren gemischte Reaktionen. „Die Lebenden“, ihr erster Film seit einigen Jahren, stieß in San Sebastián ob des Themas auf leise Kritik. „Ist es nicht ein weiterer: ,My grandfather was a Nazi‘-Film?“, habe sie ein Kritiker gefragt. Und warum behandelten österreichische Filme eigentlich ständig die NS-Vergangenheit, war eine andere Frage.

„Es ist nicht nur eine Holocaust-Auseinandersetzung, sondern die einer Täterenkelin“, meint Albert. Sie kenne Dokumentarfilme und historische Filme zur Thematik, aber keine Spielfilme. Daher sei die Idee für einen Gegenwartsfilm über Täterenkel nahegelegen. Außerdem „sind wir noch lange nicht overholocausted“, sagt sie. „Wenn ich mit 20-Jährigen über den Zweiten Weltkrieg rede, meinen die, sie wüssten alles. Wenn ich aber nach Details frage, haben sie keine Ahnung vom Unterschied zwischen Wehrmacht und SS.“

Albert selbst habe sich als Kind bereits mit Anne Frank identifizieren können. „Erst als ich 30 Jahre alt war, habe ich mir meine eigene Familie angeschaut. Leider zu spät, mein Großvater war da schon gestorben und ich konnte ihn nicht mehr befragen“, meint sie. Nach einiger Recherche habe Albert erfahren, dass ihr Großvater ein SS-Wachmann gewesen war: „Am Anfang war ich schockiert und habe mich geschämt, obwohl ich wusste, für die Taten meines Großvaters nicht verantwortlich zu sein.“

Mit der Arbeit zu ihrem Film habe sich dieses Gefühl verändert. Albert habe mit der Zeit akzeptiert, dass das ihre Herkunft sei. „Aber der Film war keine Therapie und ist kein Tagebuch.“ Der Film solle Täterenkeln dabei helfen, über ihre Herkunft zu sprechen. „Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass Großväter jetzt sterben. Sie können nicht mehr lange darüber sprechen, wie es als Täter war.“ Täter hätten jahrzehntelang geschwiegen. Das sei aber ein großes Problem: „Wir müssen ihre Erfahrungen für die Nachkommen bewahren und damit zeigen, dass niemand vor solchen Taten gefeit ist“, meint sie „Nicht sie waren die Monster, sondern das System dahinter.“


Waren Sitas Eltern den Eltern von Barbara Albert ähnlich? „Nein, natürlich nicht“, sagt Albert. „Grundsätzlich war die SS-Vergangenheit meines Großvaters kein Thema, bis ich den Film gedreht habe. Aber als meine Familie ihn dann gesehen hat, hat er etwas bewirkt. Dadurch sind wir uns alle wieder ein Stück näher gekommen.“

Viele Täterenkel hätten aber trotzdem noch Scham und Schuldgefühle. Deswegen sei die Auseinandersetzung mit dem Thema so wichtig: „Wenn Opfer- und Täterenkel miteinander sprechen, hat das schon eine therapeutische Wirkung“, so Albert. Es helfe niemandem, sich ein Leben lang mit Schuldgefühlen zu geißeln. „Besser ist, wir lernen etwas daraus, damit so etwas wie der Zweite Weltkrieg nicht noch einmal passiert.“

Zur Person

Barbara Albert (geb. 1970) feierte als Regisseurin und Drehbuchautorin ihren ersten großen Erfolg mit dem Film „Nordrand“ aus dem Jahr 1999, der beim Filmfestival in Venedig für den „Goldenen Löwen“ nominiert wurde. Die Wienerin studierte Theaterwissenschaften, Publizistik und Germanistik an der Uni Wien, danach Regie- und Drehbuch an der Wiener Filmakademie. Am 23. November startet ihr neuer Film „Die Lebenden“ über die Suche einer Enkelin nach der NS-Vergangenheit ihres Großvaters.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2012)

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