Gustav Peichl: "Für mich hat jedes Haus erogene Zonen"

Seit sieben Jahrzehnten ist der Architekt als Karikaturist tätig. Dabei hat er elf Bundeskanzler und ebenso viele Chefredakteure kennengelernt. Ein Gespräch über Geschmack, Eheglück und kaputte Hochschulen.

Gustav Peichl Fuer mich
Gustav Peichl Fuer mich
Gustav Peichl – (c) APA FRANZ NEUMAYER (FRANZ NEUMAYER)

Was können Sie über das einstige Mährisch-Trübau im heutigen Tschechien erzählen?

Gustav Peichl: Von dort stammte meine Mutter. Ich bin in Wien geboren, aber 1938 in die Oberschule des Geburtsortes meiner Mutter gekommen. Ich hatte ab 1944 ein Praktikum im Stadtbauamt, auch noch, als der Krieg bereits zu Ende war. Dann wurden die Deutschen vertrieben, als die tschechischen Partisanen kamen, aber ich als Österreicher bin übrig geblieben. Man hat mir nichts getan. Das habe ich trickreich ausgenützt, ich habe mich unentbehrlich gemacht. Denn die Partisanen hatten keine Ahnung vom Stadtbau. Ich durfte die Häuser zuweisen und Straßen benennen. Ich habe rasch Tschechisch gelernt. Man hat mich immer wieder geprüft. Das Dokument, das mich als „unersetzliche Kraft“ bezeichnet, habe ich noch.


Nach dem Krieg muss es für Architekten ideal gewesen sein. So viel Wiederaufbau!

Es wurde in Wien wenig bis nichts aufgebaut. Die Gemeinde hat Schreckliches bewilligt. Ich habe zuerst mein eigenes Haus gebaut, vor 50 Jahren in Grinzing, es schaut aus, als wäre das erst gestern gewesen, weil ich gegen jede modische Architektur bin.


Wie ist Ihr Geschmack?

Der lässt sich nicht dirigieren, ist aber für einen Architekten sehr wichtig. Für mich hat jedes Haus erogene Zonen, sobald man es betritt, wirkt das, ganz im Sinne Sigmund Freuds und seiner Erkenntnis des Unbewussten. Loos mit seinem jüdischen Intellekt hat genau gewusst, was im Unbewussten geschieht. Nicht nur das Sehen, auch das Spüren ist wichtig. Ein Architekt muss Begabung haben, aber das ist nicht das Wichtigste. So ist es auch mit dem Geschmack. Er wird in der Familie und der Schule geformt. Im Beruf muss die Begeisterung dazukommen. Prägend für mich war die Loos-Zeit. Er und Hoffmann waren aus Mähren. Manche Kritiker schreiben auch, ich sei einer der mährischen Architekten.


Ein kreativer Landstrich. Von dort kommen angeblich die meisten Nobelpreisträger.

Freud stammt auch von dort. Die Tschechen sind sehr intelligent, aber natürlich auch verschlagen.


Bleiben wir beim Thema des Sinnlichen. Gibt es den idealen Bleistift? Und was bedeutet „mit spitzer Feder“?

Das sagt man eben so. Ganz einfach: Wenn einer gut zeichnet, kann er das mit allem, mit Bleistift, Feder, Kugelschreiber. Es ist nur Werkzeug. Ich mag den Bleistift, denn er gibt mir nach. In den Fünfzigerjahren habe ich mir den klaren Ironimus-Strich angewöhnt. Die Karikatur ist aus anderen Gründen eine schwere Kunst. Man muss politisch interessiert sein


Wie hat das mit dem Zeichnen bei Ihnen begonnen? Viele Kinder zeichnen Krokodile.

Das stimmt, die sind einfach zu zeichnen. Aber ich mag keine Krokodile. Meine Erinnerung geht zurück in die Oberschule für Jungen in der Nazi-Zeit. Wir mussten Würfel und Kugeln zeichnen. Das war so fad! Ich habe dann immer Gesichter dazugezeichnet. Das hat der Lehrer nicht mögen, er hat mir das Reißbrett nachgeschmissen. Ich zeichne gern Affen und Vögel. Raben! Das sind ganz intelligente Tiere.


Neigen Sie eigentlich zur Metaphysik?

Nein. Ich bin ein Optimist par excellence. Nachteile habe ich ganz andere: die Neugier und die Ungeduld, unter der die Familie zu leiden hat.

Ihre Ehe hält doch schon seit 55 Jahren. Was ist das Geheimnis dabei?


Meine wunderbare Frau macht es immer so, dass ich glaube, die Entscheidungen treffe immer ich. Natürlich werden sie von ihr getroffen, sie macht das sehr intelligent, sie ist mein Glück. Ich kenne sie seit ihrer Schulzeit, ich habe schon studiert. Sie ist beim Bundeskanzler Raab im Büro gesessen, so habe ich ihn näher kennengelernt. Der war, ganz anders als er heute dargestellt wird, ein humorvoller, gescheiter und auch großartiger Mensch.


Da drängen sich Vergleiche auf.

Ich habe bisher elf Kanzler kennengelernt. Vranitzky? War der gut? Gescheit war er, und er hat auch gute Sachen gemacht, aber an Kreisky kommt keiner ran, auch nicht Schüssel. Den liebe ich, weil er aufrichtig ist. Die Fehler, die er gemacht hat, machen wir irgendwann einmal alle. Ich konnte mit ihm über alles diskutieren, so wie mit Kreisky, der konnte und wollte streiten, war allgemein gebildet, von seiner Vergangenheit gefestigt. Er wusste immer genau, was gespielt wird. Heute gibt es wenige im Kabinett, die ein Charisma haben, die auch an anderen Sachen als an der Politik interessiert sind.


Worüber redet man mit Regierungschefs? Mit dem jetzigen zum Beispiel?


Faymann lächelt mich immer an, ist freundlich, nett, aber wir haben uns nichts zu sagen. So ist er halt, umgeben von lauter Leuten, die er aus seiner sozialdemokratischen Jugend kennt. Er vertraut ihnen, sie widersprechen ihm nicht. Die interessantesten Gespräche zwischen Politikern und Karikaturisten sind die, bei denen Erstere neugierig sind. Auf das, was der Karikaturist sagt. Mit Faymann kann man schwerlich über Karikaturen reden.

Sind die Gespräche mit Chefredakteuren ergiebiger? Sie haben doch genug gekannt.


Allein bei der „Presse“ waren es, von Milan Dubrović angefangen, so viele wie die Kanzler, die ich kannte. Ihn hat alles Kulturelle interessiert, das war noch die Zeit von Friedrich Torberg. Dubrović hat mir nie Vorschriften gemacht. Wenn man anfängt zu vergleichen, sieht man gleich, wie unterschiedlich die sind. Thomas Chorherr war ein guter Chefredakteur und ist ein lieber Kerl, aber doch das Konträre zu seinem Vorgänger Otto Schulmeister. Der hat mich beschimpft, im Positiven, ich war mit ihm am Ende eng befreundet. Schulmeister war unsicher, ein Intellektueller, er ließ dann aber sehr viel Raum zum Diskutieren.


Wie hat sich die Zeitungslandschaft für Sie als eifriger Leser verändert?

Das Heute kann man überhaupt nicht mit den Kategorien von früher beschrieben. Nehmen Sie die Kabarettisten vor 50 Jahren, Qualtinger, Farkas, Wiener, Wehle. Heute geht doch keiner mehr Tauben vergiften im Park. Stattdessen füllen jetzt Leute, die sich „Comedians“ nennen, ganze Stadien. Die brauchen nur ein paar Verrenkungen zu machen, schon jubeln die Zuschauer. Das sind Popstars! Früher sprach man von Conférencier. Aber so Kasperln wie Stermann und Grissemann haben doch keinen Humor, sie machen zwar eine professionelle Show, aber es fehlen das Subtile und der Hintergrund.


Wie sieht es bei den jüngeren Karikaturisten von heute aus?

Alle bestens, wenn ich zum Beispiel an Klein oder Pammesberger oder Schopf denke. Der ist ein Künstler. Jedes Blatt hat heute mindestens zwei Karikaturisten. Es gibt viel mehr Möglichkeiten als damals, als ich angefangen habe.

Sie haben einmal im Jahre 1967 einen berühmten Tiger gezeichnet, der Ihnen viele Möglichkeiten gab.

Den Gerd Bacher, den habe ich ja praktisch gemacht, mit einer Karikatur in der „Presse“. Ich stand mit Chefredakteur Schulmeister in der Wohnung des damaligen Mercedes-Chefs in der Argentinierstraße, weil gegenüber gerade über Bacher abgestimmt wurde. Dann ist er tatsächlich Generalintendant des ORF geworden. Schulmeister sagte: „Jetzt wird nicht getrunken, jetzt zeichnest du was dazu.“ Ich schau aus dem Fenster. Da war ein Esso-Plakat: „Pack den Tiger in den Tank!“ Ich habe Bacher im Fernseher gezeichnet, darunter stand: „Tu den Tiger in den Kasten“. Bacher hat die Karikatur als Dankkarte drucken lassen. Von da an war er für alle der Tiger.


Sie waren auch für die Öffentlichkeit tätig, an der Akademie. In welchem Zustand sind Hochschulen und Universitäten heute?

Ich war 21 Jahre Ordinarius und Meisterschulleiter. Die Situation heute? Kaputt! Weil die Leute nicht mehr da sind, weil die Rektorate nicht mehr nach Kunst ausgesucht werden, sondern nur noch nach Marketingkriterien. Die derzeitige Rektorin am Schillerplatz ist eine Managerin und Marketingexpertin. Das macht sie auch gut. Nur mit Kunst hat sie nichts im Sinn.


Wir sitzen hier im Café Tirolerhof gegenüber der Albertina. Dort gibt es seit 1975 Zeichnungen von Ihnen. Schauen Sie die manchmal an?


Die liegen dort irgendwo. Aber der jetzige Chef des Grafischen Kabinetts Albertina hat überhaupt keinen Bezug zu Zeichnungen. Klaus Albrecht Schröder macht großartige Blockbuster zur Malerei. Er will eben das größte Kunsthaus Österreichs sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2013)

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