Aufbruch in vollkommenes Neuland

Die Fotografin Marion Trestler porträtiert österreichische Frauen, die nach 1945 nach Großbritannien auswanderten.

Aufbruch vollkommenes Neuland
Aufbruch vollkommenes Neuland
Aufbruch vollkommenes Neuland – (c) www.BilderBox.com (www.BilderBox.com)

Als die britischen Truppen nach der Befreiung Österreichs 1945 Kärnten, Steiermark und Teile Wiens unter ihre Kontrolle nahmen, wurde an die Soldaten ein Handbuch mit dem Titel „Austria: A Soldier's Guide“ ausgegeben. Darin heißt es: „Obwohl es wenig Zweifel gibt, dass die Österreicher uns mehrheitlich als Befreier willkommen heißen, bedeutet das nicht, dass sie alle unsere Freunde sind.“ Für manche aber öffnete das Eintreffen der Briten das Tor zu einer neuen Welt: Die Fotografin Marion Trestler setzt 26 österreichischen Frauen, die nach 1945 nach Großbritannien emigrierten, mit dem Buch „Destination UK“ und einer gleichnamigen Fotoausstellung ein einfühlsames und stimmungsvolles Denkmal.

Die erste Gruppe österreichischer Frauen kam Ende 1946 nach Großbritannien. Was heute gerade einmal ein Kurzstreckenflug ist, war damals viel mehr – nämlich der Aufbruch in vollkommenes Neuland. Nicht nur sprachen die Frauen in der Regel kein Englisch, auch die britische Lebensart war ihnen unbekannt. „Ich hatte keine Idee, nicht die leiseste Ahnung“, berichtet Paula Gardner, die 1927 im kärntnerischen Windisch Bleiberg geboren wurde, in Trestlers Buch. „Es war ein riesengroßes Abenteuer, meine Mutter sagte: ,Du meinst, dass du nach England gehen willst? Du hast ja keine Ahnung, wie es dort ist.‘ Und ich erwiderte: ,Ich werde es herausfinden.‘“


Flucht vor der Not. Zentrales Motiv für die meisten Auswandererinnen war es, der drückenden Not im Nachkriegsösterreich zu entkommen. „Wir waren alle so arm“, erinnert sich die 1921 in Mühldorf, Kärnten, geborene Paula Seaton. „Wir hatten praktisch kein Geld und lebten vom Ertrag unseres Kleinhofs.“ Da erwies es sich als glückliche Fügung, dass in Großbritannien nach dem Kriegsende akuter Mangel an Arbeitskräften herrschte. Interessierte Frauen fanden rasch Arbeit, vorwiegend als Textilarbeiterinnen, Krankenpflegerinnen, Hausangestellte und Bürohelferinnen. Waren die ersten Frauen noch auf eigene Faust aufgebrochen, startete die britische Regierung später ein offizielles Rekrutierungsprogramm in Zusammenarbeit mit den österreichischen Behörden. Die britische Historikerin Jill Lewis, die derzeit als Fellow am Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien tätig ist, schreibt, dass unter dem sogenannten „Blue Danube Scheme“ zwischen 1948 und 1950 insgesamt 2200 Frauen von Österreich nach Großbritannien zur Arbeit vermittelt wurden.

Die erste organisierte Reise von Österreich auf die Insel startete am 9.Juli 1948 in Villach mit 30 Frauen. Agnes Jodrell, in Kärnten 1930 in eine slowenischsprachige Familie geboren, erinnert sich: „Es war derselbe Zug, mit dem die britischen Soldaten auf Heimaturlaub fuhren. Als wir in Hoek van Holland (an der Kanalküste, Anm.) ankamen, wurden wir in ein Lager gebracht. Nach der Überfahrt mit dem Schiff kamen wir wieder in ein Lager. Es war eine alte Kaserne umzäunt mit Stacheldraht, und da wurden wir schon etwas besorgt. Aber man sorgte gut für uns, wir bekamen Essen, ein Bett und sogar etwas Geld. Dann brachten sie uns zu unserer Arbeit, und was mir als Erstes auffiel, waren die riesigen Schornsteine.“ Jordell war in einer Spinnerei in Whaley Bridge im nordenglischen Peak District untergekommen. Sie sollte hier bis zur Werksschließung in den 1990er-Jahren arbeiten.

Der neue Anfang in Großbritannien war für die Einwanderinnen nicht immer einfach: „Ich schaute aus dem Zugfenster und sah überall diese schmutzigen Häuser. Überall hing Wäsche zum Trocknen. Ich dachte mir: ,Worauf habe ich mich da nur eingelassen?‘“, berichtet etwa die 1934 in Wien Leopoldstadt geborene Erika Lang. „Die Leute haben mich nicht verstanden, und ich habe sie nicht verstanden.“ Das, wie so vieles andere, hat sich geändert: „Ich bin gleich schlecht in beiden Sprachen“, scherzt Lang gegenüber der „Presse am Sonntag“.


Heimweh nach Österreich. Viele Frauen planten auch nur vorübergehend in Großbritannien zu bleiben: „Ich wollte nach England, um Geld zu sparen. Ich dachte, ich komme für ein oder zwei oder maximal drei Jahre“, erinnert sich Berta Tehver, 1928 in Zillingdorf in Niederösterreich geboren und heute im walisischen Cardiff zu Hause. Viele litten an Heimweh. Emma Nicklen, 1937 im burgenländischen Litzelsdorf geboren, fand ihr ganz persönliches Gegenrezept: „Ich sparte eisern, bis ich immer so viel Geld bei mir hatte, wie eine Rückfahrkarte nach Österreich kostete. Damit wusste ich immer, dass ich nach Hause zurückkehren konnte. Aber ich habe es nie getan.“

Ein neues Zuhause von Anfang an planten hingegen jene Frauen, die als Bräute britischer Soldaten ins Land kamen. Lewis schildert in ihrem Vorwort zu Trestlers Buch die zahlreichen Hürden, die von den britischen Militär- und Zivilbehörden errichtet wurden. Bis Juli 1946 galt ein Eheverbot, selbst danach musste erst das Einverständnis der Armee eingeholt und eine sechsmonatige „Abkühlungsphase“ abgewartet werden. Die österreichischen Bräute hatten ein Gesundheitszeugnis vorzulegen – und auch nachzuweisen, dass sie nicht Mitglied bei der NSDAP gewesen waren.

Wahre Liebe aber kann warten. Als der 28-jährige Harry Slowman im März 1947 nach 14-monatiger Wartezeit endlich die behördliche Ehegenehmigung erhielt, berichtete der Reporter des Lokalblattes „The Star“ aufgeregt: „Two minutes before I spoke to him, the Friends Committee of Aliens and Refugees notified Mr. Slowman that his 21-year-old fiancee, blonde Fraulein (sic!) Klara Erika Pessel, was on her way from Vienna by train.“ Harry und Erika hatten zwei Kinder. Er starb unerwartet 1983. Sie lebt heute in Hertford, nördlich von London.

Wie die meisten der von Trestler vorgestellten Frauen hat Slowman ein ambivalentes Verhältnis sowohl zu ihrer alten als auch zu ihrer neuen Heimat. „Beides ist ja so ein Zwiespalt“, sagt sie. Für viele lebt Österreich vor allem in Küche und Kultur weiter: „Ganz tief in meinem Herzen, da bin ich immer noch ein Wiener Mädel“, meint Susanne Bittner, „mit Eröffnungstanz und all dem. Aber leben könnte ich dort heute nicht mehr. Ich kann zu Besuch kommen, es ist wunderbar, aber mein Leben, das ist jetzt hier.“ Auch Paula Gardner zieht es nicht mehr zurück: „Ich gehöre hierher, weil meine Familie hier ist. Aber Österreich wird immer meine Heimat sein.“


Zusammen geweint.Trestlers Buch verknüpft geschickt Bild und Text. Zu ihren warmen und stimmungsvollen Porträtfotos stellt sie historische Aufnahmen, Faksimileausrisse und Originalzitate aus langen Gesprächen. „Ich habe fünf Jahre an diesem Projekt gearbeitet“, sagt die in London lebende Fotografin. „Wir haben zusammen gelacht, wir haben zusammen geweint, wir haben hunderte Stunden miteinander gesprochen, und erst so sind diese Fotos entstanden.“ Trestler sieht sich selbst vor allem als Dokumentaristin. Mit ihren Fotos und ihrem Buch gelingt es ihr, das Objekt ihrer Beschreibung zum Subjekt ihrer Erzählung zu machen. Und ein Kapitel der österreichischen Geschichte sichtbar zu machen, von dem viele gar nicht wussten, dass es überhaupt existiert hat.

Steckbrief

Marion Trestler
Die österreichische Fotografin lebt und arbeitet seit mehr als 25 Jahren in London. Sie widmete sich nach dem Studium der Rechtswissenschaften der Fotografie, in den letzten Jahren setzte sie ihren Fokus vor allem auf dokumentarische Aspekte.

Ausstellung
Destination UK: Immigrantinnen aus dem Nachkriegsösterreich; Buchpräsentation und Ausstellungseröffnung am 16.Mai 2013, 19 Uhr, Galerie base-level, 1010 Wien, Rudolfsplatz 13, bis 8.Juni.

www.mariontrestler.com

Trestler

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2013)

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