Sexualbegleiter:"Meine Tätigkeit ist eine Gratwanderung"

Als Sexualbegleiter trifft Gerald Kummer behinderte Menschen, um sie, wie er sagt, »Sinnlichkeit erleben zu lassen« und Erotik von Tabus und Beklemmungen zu befreien. Wie genau sein Alltag aussieht, erzählt der 49-Jährige im Interview.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Herr Kummer, sind Sie ein Callboy?

Gerald Kummer: Nein. Sexualbegleitung hat nichts mit Prostitution zu tun. Ich biete keinen Geschlechtsverkehr an. Auch keinen Oralverkehr oder Zungenküsse. Also keine Handlungen, bei denen Schleimhäute miteinander in Berührung kommen. Generell werde ich nicht für eine konkrete Dienstleistung bezahlt, sondern für die Zeit, die ich mit meinen Kundinnen verbringe.

 

Was passiert in dieser Zeit?

Das ist breit gefächert und reicht von gegenseitigen Berührungen wie beispielsweise Händchenhalten über Streicheln bis hin zu intimer Stimulation – etwa als Masturbationshilfe. Bei meiner Tätigkeit geht es in erster Linie nicht darum, jemandem zu einem Orgasmus zu verhelfen, sondern um Nähe und Körperlichkeit. Denn über diese Körperlichkeit kann ich einen Menschen erreichen. Auch dann, wenn er sich sonst vielleicht in seiner Krankheit bzw. Behinderung gefangen fühlt.

 

Macht eine Masseurin, die auf Wunsch auch sexuelle Dienste anbietet, nicht in etwa dasselbe?

Nein, so kann man das nicht sehen, das ist etwas ganz anderes. Meine Tätigkeit mag zum Teil eine Gratwanderung sein. Aber bei mir steht die gemeinsame Zeit, die ich mit meinen Kundinnen verbringe, im Vordergrund. Dabei kommt es nicht immer zu sexuellen Handlungen.

 

Es soll ja auch Männer geben, die zu Prostituierten gehen, nur um zu reden oder umarmt zu werden.

Natürlich.

 

Haben Sie eigentlich auch männliche Kunden?

Nein, nur Frauen. Es gibt in Österreich aber zwei Sexualbegleiter, die auch Männer betreuen.

 

Was ist mit Pärchen?

Grundsätzlich ja, wobei man sich in so einem Fall die Situation genau anschauen müsste. Bis jetzt hat bei mir allerdings noch kein Pärchen angefragt.

 

Was genau wollen Ihre Kundinnen von Ihnen?

Die Wünsche sind so unterschiedlich und vielseitig wie die Menschen selbst. Im Wesentlichen wollen sie frei von Leistungsdruck und fremden Anforderungen selbstbestimmt ihre Sexualität ausleben. Genau dafür sind wir Sexualbegleiter da. Keine Frau muss etwas darstellen, sein oder machen, was sie nicht will.

Warum bestellen diese Frauen keinen Callboy und nehmen das, sagen wir, volle Programm in Anspruch?

Gute Frage, das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht so genau. Vielleicht, weil es bei meiner Tätigkeit nicht nur ums Geld geht, sondern um Respekt und Achtung. Die meisten meiner Kunden haben nämlich den Anspruch, ihre Körperlichkeit auszuleben und Situationen zu entfliehen, die ihre Sexualität blockieren. Ich arbeite beispielsweise auch immer wieder mit Psycho- und Sexualtherapeuten zusammen, deren Klientinnen sich bei mir melden. Gemeinsam besprechen wir dann, welche Ziele wir erreichen wollen und können.

 

Was kostet eine Stunde mit Ihnen?

75Euro. Hinzu kommen eventuelle Kosten für Anfahrt und zu mietende Räume wie etwa ein Hotelzimmer. Ich selbst habe noch keinen Begegnungsraum. Mit einer Stunde ist es aber bei den meisten Begegnungen nicht getan. In der Regel werden zwei oder drei Stunden gebucht.

Wie viele Kundinnen haben Sie durchschnittlich pro Monat?

Das will ich nicht verraten. Nur so viel: Ich lebe nicht davon, das könnte man auch nicht. Aber in den vergangenen drei Jahren konnte ich schon einiges an Erfahrung sammeln.

Betreuen Sie auch Frauen mit geistiger Behinderung?

Nein. Zwar gibt es die Möglichkeit der Sexualbegleitung auch für intellektuell eingeschränkte Menschen, aber hier muss zwischen Männern und Frauen unterschieden werden.

Inwiefern?

Bei Männern äußert sich das sexuelle Verlangen deutlicher – wie etwa durch Erektion oder vereinzelt auch durch Übergriffe. Darauf können Betreuer und Angehörige reagieren und eventuell einen Sexualbegleiter beiziehen. Bei Frauen hingegen sind diese Bedürfnisse äußerlich kaum sichtbar oder regulieren sich von selbst, etwa durch Masturbation. Sie müssten ihre Wünsche schon konkret äußern, was wohl eher selten vorkommt.

Und wenn sie solche Wünsche doch einmal äußern?

Selbst dann ist es immer noch unwahrscheinlich, dass sich ihre Angehörigen entschließen, einen Sexualbegleiter zu engagieren. Daher kommt es nicht besonders oft vor, dass Frauen mit geistiger Behinderung einen Sexualbegleiter aufsuchen.

Sind Sie und Ihre Kundin immer allein im Raum?

Ja. Sexualität ist etwas zwischen mir und meiner Kundin.

Werden Sie auch von nicht behinderten Menschen gebucht?

Ja, einige meiner Kundinnen haben keine Behinderung. Ich betrachte es als einen enorm mutigen Schritt von diesen Frauen, wenn sie es wagen, ihre Sexualität auf diesem Weg zu erforschen und auszuleben.

Kommt es vor, dass Ihre Kundinnen in intimen Augenblicken auch Sex von Ihnen wollen?

So gut wie nie, da ich beim Erstgespräch sehr deutlich abkläre, was erlaubt ist und was nicht. Sollte ich das Gefühl haben, dass die Erwartungen andere sind, reden wir darüber und versuchen, zu einem Einvernehmen zu kommen. Ich gebe meinem Gegenüber und mir immer die Möglichkeit zu sehen, ob wir einander auch wirklich sympathisch sind. Denn keine Frau soll das Gefühl haben, mit mir vorliebnehmen zu müssen, weil gerade kein anderer Mann da ist.

Wurden Sie selbst schon einmal von einer Kundin zurückgewiesen?

Bis jetzt kam es nur zwei Mal vor, dass die Chemie nicht gestimmt hat.

Wie sind Sie überhaupt zu dieser Tätigkeit gekommen?

Inspiriert hat mich vor einigen Jahren ein TV-Beitrag über einen Mann aus Holland, der nach einem Unfall im Rollstuhl gelandet ist und in der Folge gerichtlich durchgesetzt hat, dass ihm seine Krankenkasse einmal im Monat eine Prostituierte bezahlt. Das fand ich großartig. Später habe ich durch Zufall von dem Beruf des Sexualbegleiters erfahren und mich beim sozialen Dienstleistungsunternehmen Alphanova bzw. bei ihrer Fachstelle.hautnah beworben, die Sexualbegleiter in Österreich ausbildet.

Was war Ihre persönliche Motivation, sich dort zu melden?

Ich hatte immer das große Glück, Sexualität frei und ungezwungen erleben zu dürfen. Musste nie Demütigungen erleiden oder negative Erfahrungen machen. Sex ist etwas Wunderschönes und Wichtiges. Durch meine Arbeit kann ich vielleicht ein bisschen was von diesem Gefühl zurückgeben. Menschen mit Behinderungen können nicht ohne Weiteres Kontakte knüpfen und Erotik erleben bzw. Sex haben. Wir Sexualbegleiter bieten diese Möglichkeit unkompliziert an.

Wie sieht die Ausbildung für Sexualbegleiter aus?

Man muss eine zehn Module umfassende Ausbildung in wichtigen Bereichen wie Selbsterfahrung, Hygiene, Rollenklarheit, Aggression, Motivation etc. absolvieren, die von der Fachstelle.hautnah im Lehrgang „Libida-Sexualberater“ angeboten wird. Darüber hinaus nehme ich laufend an Weiterbildungen teil. Einmal in sechs Monaten lasse ich einen Bluttest machen, um mich auf ansteckende Krankheiten wie Hepatitis und Aids untersuchen zu lassen.

80 Prozent der Kunden sind Männer

Österreichweit gibt es fünf Sexualbegleiter und 14 Sexualbegleiterinnen. Der Kontakt zu ihnen wird meist durch Betreuer und Angehörige von Menschen mit Behinderungen hergestellt.

Rund zwei Drittel der Kunden nimmt Sexualbegleitungen mehr als einmal in Anspruch. Mehr als die Hälfte von ihnen hat Mehrfachbehinderungen, rund sieben Prozent sind nicht behindert. 54 Prozent der sogenannten Begegnungen finden bei den Kunden zuhause statt, 40 Prozent in den Praxen der Sexualbegleiter. Der Rest an anderen Orten wie etwa Hotels.

Im vergangenen Jahr gab es in Österreich 707 Sexualbegleitungen. Insgesamt nahmen 206 Personen diesen Dienst in Anspruch. 79,5 Prozent waren Männer, 19 Prozent Frauen, 1,5 Prozent Paare. Die meisten Begleitungen fanden in Oberösterreich (27 Prozent), Niederösterreich (20 Prozent) und Wien (20Prozent) statt. Nähere Informationen dazu finden Sie unter:www.sexualbegleitung.net und www.libida-sexualbegleitung.at.

Steckbrief

1964
wurde Gerald Kummer in Wien geboren und lebt als Unternehmer in Eisenstadt. Der gelernte Bürokaufmann arbeitet seit drei Jahren auch als Sexualbegleiter für Frauen mit und ohne körperliche Behinderungen.

75 Euro
kostet eine Stunde mit ihm. Hinzu kommen eventuelle Kosten für Anfahrt und zu mietende Räume wie etwa ein Hotelzimmer, da er selbst keinen eigenen „Begegnungsraum“ hat. Wie viele Kundinnen er bisher betreut hat, will er nicht verraten. Leben könne man von dieser Tätigkeit jedenfalls nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2013)

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