Werner Bootes unbequeme Wahrheit

In seinem neuen Film „Population Boom“ macht Regisseur Werner Boote, was er am besten kann: kritische Fragen stellen und hinter die Kulissen blicken.

A poor residential district and squatter colonies are overlooked by high rise residential and commercial buildings in Taguig
A poor residential district and squatter colonies are overlooked by high rise residential and commercial buildings in Taguig
A poor residential district and squatter colonies are overlooked by high rise residential and commercial buildings in Taguig – REUTERS

Für seinen Dokumentarfilm „Plastic Planet“ (2009) reiste Werner Boote praktisch um die halbe Welt. Interviewte Wissenschaftler und Politiker, ließ einen japanischen Künstler einen „Miniatur-Werner“ aus Kunststoff formen und sein animiertes Alter Ego in Zeichentrick-Sequenzen agieren. Zehn Jahre lang recherchierte er zu seinem Thema, vier Jahre wurde gedreht. Das Projekt war ein Herzensanliegen. Schließlich ist Boote nicht nur „ein Kind des Plastikzeitalters“, sondern auch der Enkel des früheren Geschäftsführers der deutschen Interplastik-Werke. Daher wurde aus „Plastic Planet“ neben einer aufklärerischen Dokumentation unversehens auch ein Familienfilm. Der Aufwand lohnte sich: Allein in Österreich lockte der Streifen 150.000 Besucher in die Kinos – kaum ein Spielfilm erreicht hierzulande so ein großes Publikum.

Für seinen neuen Film bereist er erneut den Planeten und untersucht für „Population Boom“ (Kinostart: 20. September) ein über Jahrzehnte festgefahrenes Weltbild. Das Horrorszenario ist bekannt: Sieben Milliarden Menschen leben auf der Erde. Schwindende Ressourcen, giftige Müllberge, Hunger und Klimawandel – eine Folge der Überbevölkerung? Für Boote stellen sich ganz andere Fragen: Wer treibt dieses Katastrophenszenario eigentlich an? Wer behauptet, dass die Welt übervölkert ist? Und wer von uns ist zu viel?

„Mir war wichtig, als Identifikationsfigur durch den Film zu führen, damit die Zuschauer mit mir auf Entdeckungstour gehen und die Spannung erleben können, die ich erlebe“, sagt Boote. Die große Herausforderung lag seiner Meinung nach darin, einen Blickwinkel zu finden, der dieses Thema nicht von den immer gleichen zwei Seiten beleuchtet – die eine, streng religiöse Sichtweise, die Verhütung strikt ablehnt. Und die andere, auf kurzfristigen Profit ausgelegte, die mit Zwangssterilisationen und Geburtenregelung die angebliche Überbevölkerung eindämmen will. „Aber es ist nicht alles schwarz und weiß, ich wollte einen Weg dazwischen finden, um mich dieser Thematik zu nähern“, betont der 48-Jährige. „Denn es muss möglich sein, die Überbevölkerung zu hinterfragen, ohne gleich einer dieser Fronten zugeteilt zu werden.“

Die Idee für diesen Film sei ihm nach „Plastic Planet“ gekommen, als er wiederholt gefragt worden sei, wie man das Plastikproblem lösen könne – schließlich gebe es immer mehr Menschen auf der Welt. „Auf diese Frage hatte ich keine Antwort, also begann ich, mich mit dem Thema Überbevölkerung auseinanderzusetzen“, sagt Boote, der in „Population Boom“ westliche Macht- und Finanzzentren ebenso besucht wie gigantische Slums und menschenleere Weiten – um nach und nach herauszufinden, dass der Kern des sogenannten Überbevölkerungsproblems auch und insbesondere im Unwillen westlicher Vermögenseliten liegt, der Dritten Welt das gleiche Recht auf Leben und Sicherheit zuzugestehen wie sich selbst.


Am Ende des Films ist Boote in einer Szene zu sehen, die medial immer wieder als Symbolbild für Bevölkerungswachstum herangezogen wird: In einer Menschenmenge auf dem Dach eines überfüllten Zugs in Bangladesch. Seine Angst ist ihm anzusehen. Und später auch die Erleichterung und Freude, als er bemerkt, wie ihn die Menschen ganz selbstverständlich festhalten, um ihn und auch sich selbst zu sichern.

„Das war ein unglaublich irrealer, emotionaler Moment. Diese Szene ist für mich zu einem Sinnbild für Menschlichkeit geworden“, erinnert sich der Wiener, der sich in seiner neuen Dokumentation „Bürger B.“ dem Zeitgeist entsprechend auf die Erkundung der Überwachungsgesellschaft macht. „Details will ich noch keine verraten“, so Boote. „Nur so viel: Im Zuge der Affäre um den Whistleblower Edward Snowden wird das Augenmerk fast ausschließlich auf die technischen Aspekte von Überwachung gelegt. Und dabei ein bisschen der Überblick außer Acht gelassen.“

Auf einen Blick

Werner Boote wurde 1965 in Wien geboren. Er besuchte die Filmakademie und studierte Theaterwissenschaft, Publizistik und Soziologie. Nach Tätigkeiten als Regieassistent unter anderem für Robert Dornhelm und Ulrich Seidl begann er 1993, eigene Filme zu machen.

Seinen Schwerpunkt legte er anfangs auf Musik, drehte beispielsweise das Video „Andrea Bocelli – Cieli di Toscana“ (2002) sowie zahlreiche Musikdokumentarfilme wie etwa „Kurt Rydl – der Gladiator“ (2007).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2013)

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