Clara Immerwahr: Liebe, Dünger und Giftgas

In Wien wird das Leben der Chemikerin Clara Immerwahr verfilmt, die aus Protest gegen den Gaseinsatz im Ersten Weltkrieg Selbstmord begangen hat.

(c) ORF (Hubert Mican)

Schnauzbart, Nickelbrille, Glatze unterm Hut: Der Mann, der da vor der Döblinger Villa Kattus in einen dunkelgrünen Gräf & Stift-Wagen steigt, sieht tatsächlich aus wie Fritz Haber. Wie jener Fritz Haber, nach dem das Haber-Bosch-Verfahren benannt ist: Er entdeckte, wie man aus Stickstoff und Wasserstoff Ammoniak macht. Und damit Düngemittel. In Friedenszeiten. Und Giftgas. Für den Krieg.

Das Leben des Deutschen ist bekannt – wenn auch weit weniger, als man annehmen könnte, sagt Regisseur Harald Sicheritz. Nahezu unbekannt, und dabei unglaublich, ist die Geschichte der Frau an Habers Seite (und am Steuer des Wagens): jene der Chemikerin Clara Immerwahr. Über sie, erzählt Sicheritz beim Gespräch im weitläufigen Park der Villa Kattus, gebe es nur eine Biografie – entstanden, weil die Autorin auf eine Randbemerkung unter Chemikern aufmerksam wurde.

Als eine „außergewöhnlich starke, gesunde, weil sehr geliebte Frau“ aus einem liberalen, warmen Elternhaus beschreibt sie die deutsche Schauspielerin Katharina Schüttler, die Immerwahr spielt – der ORF verfilmt die Geschichte in Zusammenarbeit mit der ARD zum Gedenkjahr 2014. „Und sie hat eine Berufung empfunden, das Erbe ihres Vaters anzutreten, der Chemiker war.“ Gänzlich andere Voraussetzungen also als ihr späterer Mann Fritz Haber: Seine Mutter starb bei der Geburt, sein Vater fand nie zu einem normalen Verhältnis zu ihm. „Er war ein Mensch, der nicht sehr geliebt war“, schildert Schüttler, „der nicht die Stärke hatte wie Clara, und der viel mehr Bestärkung von außen brauchte.“ Ein Bedürfnis, das ins Unheil führen sollte. Doch zunächst forschen Haber und Immerwahr gemeinsam. Gerade Immerwahr, sagt Schüttler, habe der Traum angetrieben, mithilfe der Wissenschaft, mithilfe der Chemie die Welt besser zu machen. „Sie hatte immer einen engen Bezug zur Landwirtschaft, und wusste, ohne künstlichen Dünger würde man die Weltbevölkerung nicht mehr ernähren können.“

Doch Immerwahr scheitert – zunächst an der Zeit, an der Gesellschaft, die für Frauen noch kein neues Rollenbild hat, in der Frauen allenfalls als unbezahlte Laborkräfte durch den Hintereingang die Universität betreten. Selbst ihr Mann zweifelt an der „Mode, dass Frauen Sachen machen, für die sie nicht gemacht sind“. Währenddessen macht er selbst Karriere, mit der anderen Verwendung von Ammoniak als Giftgas.

Haber wollte Anerkennung

„Er will Anerkennung“, sagt Schauspieler Maximilian Brückner, der samt Schnauzer und rasiertem Kopf in die Rolle Habers geschlüpft ist. „Er will dazugehören, auch aus seinem jüdischen Ursprung heraus. Und bietet sich dabei immer mehr feil auf diesem Wahnsinnsmarkt für chemische Waffen.“ Dabei sei Haber freilich „kein dummer Mensch gewesen. Er wusste natürlich, was er da tut. Aber er redet sich das selbst schön, damit es für ihn funktioniert, damit er leben kann.“ Seine Frau kann – und will – das nicht: Ihr Mann pervertiere die Wissenschaft, schreibt sie. Die Beziehung geht daran kaputt, Haber will Immerwahrs Bedenken nicht hören. „Sie hatte niemanden, mit dem sie sprechen konnte“, schildert Schüttler. „Und das Schlimmste ist passiert: Das, was eigentlich den Krieg verhindern sollte, wird jetzt benützt, um Menschen umzubringen. Sie hat alles, was in ihren Kräften lag, versucht, um das aufzuhalten.“ Am Ende wählte Immerwahr die letzte Form des Protests – und erschoss sich mit der Dienstwaffe ihres Mannes. „Das ist das ultimative Zeichen, das man setzen kann“, sagt Sicheritz. Schüttler: „Umso tragischer, dass auch dieses Zeichen nicht gehört wurde.“

Ihr Mann wurde später mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Hundert Jahre später schließt sich für Brückner ein Kreis – mit dem gleichen Preis für die Chemiewaffeninspektoren.

AUF EINEN BLICK

Clara Immerwahr (1870–1915) war eine deutsche Chemikerin und Frauenrechtlerin und die Frau des späteren Nobelpreisträgers Fritz Haber, der die Herstellung von Dünger, Sprengstoff und Giftgas erforschte. Als er für einen erfolgreichen Giftgaseinsatz im Ersten Weltkrieg befördert wurde, erschoss sie sich. Immerwahrs Geschichte wird derzeit mit Katharina Schüttler („Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki“) und Maximilian Brückner („Tatort“, „Spieltrieb“) in Wien verfilmt. Harald Sicheritz führt Regie. Der Film wird Teil des ORF-Schwerpunkts zu 1914.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2013)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Clara Immerwahr: Liebe, Dünger und Giftgas

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.