Ein Ort für Experimente: Lichtfabrik bekommt ein Café

Kinderlieder und Kaffeepreise je nach Spendierfreudigkeit. Erika Büttner setzt in der Lichtfabrik auf soziales Unternehmertum.

Erika Büttner
Erika Büttner
Erika Büttner – (C) Erika Büttner/ Facebook

Aus dem Nebenraum dringt etwas seltsame Musik. „Fuchs, du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her“, singen Frauen und Männer. Der Rest des Liedes geht im Geräusch der Kaffeemaschine unter, die Erika Büttner gerade aufdreht. Sie muss sich beeilen. Die Kartoffeln gehören noch geschnitten, der Fruchtsalat muss hergerichtet, die Nachspeise zubereitet werden. Alles rechtzeitig, bis das Sprechseminar im Seitenraum fertig ist für die Mittagspause. Erika Büttner ist die Chefin der Lichtfabrik im 15.Gemeindebezirk und damit auch Köchin, Workshop-Organisatorin, Schauspielerin, Netzwerkerin und bald auch Cafébesitzerin in einem.

Denn seit gut einem Jahr wird in dem Gassenlokal auf dem Sparkassaplatz Soziales, Kreatives und Wirtschaftliches miteinander verbunden. Hier veranstaltet Erika Büttner Tanz- und Theaterworkshops, hier organisiert sie No-Violence-Communications-Seminare, aber auch Ausstellungen von jungen Designern, die sich mit Nachhaltigkeit befassen. Oder sie vermietet den Raum an Firmen. Ende Dezember oder im Jänner wird nun ein Café hinzukommen. Das Grundprinzip: „Nachhaltigkeit“. Die Lebensmittel stammen vom Biobauern, der Kaffee wird direkt bei einem Freund aus Kolumbien gekauft, der Wein kommt aus Österreich. Im Hintergrund helfen Freunde.

„Eigentlich ist es komisch, dass es nicht mehr solcher Projekte gibt. Sozial und kreativ ist ja gut, aber wenn es nicht finanziell nachhaltig ist, dann hilft dir das ja auch nichts“, sagt sie. Sie selbst hat – über Umwege – in New York die Inspiration für ihre Lichtfabrik gefunden.

Büttner hat nach der HAK Schauspiel studiert, eine Tanzausbildung gemacht und anschließend in New York bei den Green Chimneys gearbeitet. „Das ist ein Verein, der einerseits Firmenfeiern veranstaltet, andererseits ein Projekt für schwer erziehbare Kinder und eine Tierauffangstation hat“, erzählt sie. Die Idee hat ihr damals schon gefallen, trotzdem hat es sie zuerst für drei Jahre (mit Pausen) nach Südamerika verschlagen, wo sie mit einem Wandertheater herumgezogen ist. Vor einer (geplanten) Tanzausbildung kam der Umbruch. „Ich habe bemerkt, dass ich gern tanze, aber nicht davon leben will.“ Die Krise folgte postwendend, denn „Ich kann irrsinnig viel sehr gut, aber nichts perfekt.“ Nachsatz: „Wohl eine Krankheit unsere Zeit.“ Darauf folgte die Erkenntnis, dass sie so etwas wie Green Chimneys machen will.

„Kreatives, Soziales und Wirtschaftliches, alles verbinden“, sagt sie. Zurück in Wien war ein Freund und Kollege gerade dabei, ein Unternehmen zu gründen. Er stellt Möbel und sogar Bühnenbilder aus Papier und Karton her. Mittlerweile teilt Büttner mit ihm den Raum, die Papierfirma und die Kartonmöbel. An dem großen Esstisch, bestehend aus Dokaplatten und Tischbeinen aus Karton, werden später die Seminarteilnehmer essen. Nach einem Jahr erhalten sich sowohl Papierfirma als auch die Lichtfabrik selbst. „Unser Ziel ist es jetzt, Gewinn zu machen und Leute anzustellen“, sagt die 29-Jährige. Ein Beweis, dass Nachhaltiges auch Geld bringen kann. Dabei ist Büttner keine Verfechterin des Kapitalismus. „Mir wäre es anders lieber, aber in der derzeitigen Welt geht es nicht anders“, sagt sie. Also experimentiert sie lieber. Etwa damit, dass man im Café nur so viel zahlen muss, wie man will (ein Preis wird empfohlen).

 

Über den Tellerrand

Das Über-den-Tellerrand-Blicken und das Experimentieren schlagen sich auch in diversen Workshops nieder. Da gibt es ein „Secret Dinner“, bei dem nur Menschen eingeladen werden, die etwas gemeinsam haben. Oder „Sozial-Experimente“, bei denen die Gruppe gemeinsam Aufgaben zu erledigen hat. Etwa: Sieh deinem Gegenüber länger in die Augen. „Uns geht es darum, schöne Moment zu erzeugen“, sagt sie. Auch wenn die Situationen, die daraus entstehen, etwas unangenehm sein können. „Es geht auch darum, den Horizont zu erweitern. Man muss raus aus der Komfortzone“, sagt Büttner.

DIE IDEE

Kultur und mehr. Die Lichtfabrik ist eine Art Kulturverein, der sich dem sozialen Unternehmertum verschrieben hat. Inhaberin Erika Büttner hält hier Workshops ab oder lässt sie abhalten. Sie vermietet den Raum an Firmen und veranstaltet Designausstellungen. Im Dezember oder Jänner wird noch ein Café hinzukommen. Der Grundsatz auch hier: Alles muss nachhaltig sein. Vom Wein bis zu den Möbeln, die zum Großteil aus Karton bestehen. Bezahlt wird im Café so viel, wie man zahlen will.

Infos: dielichtfabrik.wordpress.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2013)

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