Angela Gheorghiu: "Natürlich will ich bewundert werden!"

Auf den Rat anderer hat sie noch nie Wert gelegt. Die rumänische Opernsängerin Angela Gheorghiu trifft ihre Entscheidungen ganz alleine, seitdem sie 18 Jahre alt ist.

Sie haben am 16. Februar „Adriana Lecouvreur“-Premiere an der Wiener Staatsoper. Für die Proben haben Sie sich vier Wochen Zeit genommen

Angela Gheorghiu: Ja, ich habe mir viel Zeit genommen, obwohl ich die Rolle in- und auswendig kenne, ich habe sie ja schon an der Covent Garden gesungen. Aber es geht hier nicht um mich. Fast alle Sänger geben in Wien ihr Rollendebüt, und sie brauchen mich. Wenn sie singen, schauen sie zu mir, warten, dass ich mit dem Kopf nicke. Meine Bestätigung hilft ihnen.

 

Sie fühlen sich für das Gelingen verantwortlich?

Das tue ich! Es ist ja eigentlich meine Produktion, ich wollte sie immer machen, und zwar genau so. Ich habe bei jeder Entscheidung, jedem Detail mitgewirkt. Die Royal Opera Covent Garden wollte schon früher, dass ich die Adriana mache, aber ich fand, es war zu früh für mich. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt.

 

Das Libretto basiert auf einer wahren Geschichte. Adrienne Lecouvreur war in ihrer Zeit eine der bekanntesten Schauspielerinnen Frankreichs.

Ja, und ich liebe das Theater so sehr! Ich könnte auch eine Schauspielerin sein. Ich bekomme auch immer wieder Angebote, Rollen zu spielen. Aber ich weiß genau, was es heißt, Schauspielerin zu sein. Man braucht dafür eine ganze andere Technik als für das Singen. Ich hätte große Angst, meine Stimme zu zerstören, darum spiele ich nicht. Aber ich habe die größte Bewunderung für all jene, die singen und sprechen. Bei der Operette ist das notwendig.

 

War Ihnen schon als Kind bewusst, dass Ihre Stimme besonders ist?

Ja, immer. Und ich habe meine Stimme immer als Geschenk empfunden, für die ich, nur ich verantwortlich bin.

 

Ihre Mutter ist eine Schneiderin, Ihr Vater war Zugführer. Haben sie Ihren Weg unterstützt?

Ja, sie, und viele andere auch. Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Tochter, die schon als Kind die Stimme einer Opernsängerin hat! Darüber kann niemand hinweggehen. Wo immer ich gesungen habe, konnte ich Tränen in den Augen der Zuhörer sehen. Jeder sagte mir, du kannst und wirst eine großartige Sängerin werden. Gleichzeitig achtete mein Vater sehr darauf, dass ich eine gute Ausbildung bekomme. Als ich ein Kind war, lief im Fernsehen eine Serie. Der Dirigent Leonard Bernstein gab jungen Musikern Lektionen. Wenn ich auf der Straße spielte, rief mein Vater: „Gina, komm hinein, schau dir Bernstein an!“ Ich habe keine einzige Sendung versäumt. In Rumänien wird jemand, der eine schöne Stimme hat, besonders verehrt.

Mehr als in anderen Ländern?

Das kann sein. Ich habe auch eine Erklärung dafür. In Rumänien gehört der Großteil der Bevölkerung der orthodoxen Kirche an, und dort spielt die Stimme eine ganz besondere Rolle. Es wird viel gesungen, aber es dürfen keine Instrumente in der Kirche gespielt werden. Die menschliche Stimme ist also alleine die Basis und alles, was zählt.

 

Auch Ihre Schwester Elena war eine sehr gute Sängerin.

Das war sie. Als sie starb (Anm.: 1996 bei einem Autounfall), habe ich sehr gelitten, ich habe jeden Abend geweint. Wir waren wie Zwillinge und einander sehr nahe.

Fünf Jahre nach ihrem Tod haben Sie Elenas Tochter Ioana adoptiert.

Sie war sechs Jahre alt, als meine Schwester gestorben ist. Fünf Jahre später starb auch ihr Vater.

 

Das ist ja schrecklich!

Das ist nicht schrecklich, das ist die größtmögliche Tragödie, die man sich vorstellen kann. Seitdem habe ich versucht, was immer mir möglich war, für Ioana zu tun. Sie ist eine wunderbare junge Frau.

 

Sie haben betont, dass nur Sie es sind, die für Ihre Stimme, also für Ihr Leben verantwortlich ist. Gibt es Menschen, deren Rat Ihnen wichtig ist?

Ich frage nie jemanden um Rat, ich habe das auch nie getan, nie. Und über meine Stimme habe ich schon mit 18 Jahren mit niemandem gesprochen.

Das heißt, Sie sind unabhängig, und Sie können eine falsche Entscheidung auch nur sich selbst zum Vorwurf machen.

Genauso ist das. Meine Unabhängigkeit war mir immer besonders wichtig. Es gab Männer, die damit ein Problem hatten. Aber ich bin so wie ich bin. Ich brauche keinen Coach, keinen Therapeuten, keinen Lehrer.

 

Wieso nicht?

Weil ich mir meiner Stimme sehr sicher war. Technisch war sie früh ausgereift. Ich hatte schon mit 14 Jahren einen Lehrer, der für mich ideal und für meine Entwicklung entscheidend war. Während einer der ersten Stunden sagte er zu mir, ich solle einatmen. Ich habe eingeatmet und gesungen. Er sagte: „Mache es nie in deinem Leben anders, als du es gerade getan hast!“

 

Sie müssen heute vereinbaren, was und wo Sie 2016 singen. Woher wissen Sie, für welche Rollen Ihre Stimme bereit sein wird.

Ich habe eine unglaublich gute Intuition, nicht nur, was meine Stimme betrifft. Aber mit ihr bin ich extrem sorgsam. Eine schöne Opernstimme ist so selten, man muss sie wie einen Diamanten, wie ein Juwel behandeln.

 

Darum sagen Sie auch Vorstellungen ab, wenn Sie sich nicht wirklich wohlfühlen.

Natürlich tue ich das! Wozu soll ich, wozu soll das Publikum leiden? Das macht keinen Sinn. Stattdessen gehe ich in mein Hotelzimmer und ruhe mich aus. Man macht sich zwar manchmal keine Freunde, wenn man „Nein“ sagt, aber es ist mein, es ist jedermanns gutes Recht.

 

Unter dieser Prämisse muss für Sie jede Vorstellung ein Erfolg gewesen sein.

Ich bin tatsächlich von meinem Publikum verwöhnt, aber ich gebe auch wirklich immer alles in jeder einzelnen Vorstellung, die ich singe. Denn ich will bewundert werden, deshalb stehe ich auf der Bühne. Man braucht doch nicht so verlogen zu sein und etwas anderes behaupten. Ich nehme alles auf mich für den Applaus und den Jubel nach der Aufführung. Das ist mein Lohn, er macht mich zufrieden.

Das kann ich mir vorstellen, nur im Badezimmer zu singen, wäre Ihnen sicher nicht genug.

Definitiv nicht, da hört mich ja niemand! Ich verstehe auch nicht, wenn Kollegen beklagen, dass über sie geschrieben und berichtet wird. Wenn sie berühmt sind und einmal ihre Tür geöffnet haben, dann stehen sie vor Menschen. Das gehört dazu, und ich habe es auch nie anders gekannt.

 

Dann stört es Sie auch nicht, wenn Ihr Privatleben in den Medien Thema ist?

So ist es eben. Aber die Leute haben auch viele Phantasien, die mit mir, Angela, und meinem privaten Leben nichts zu tun haben. Vieles davon ist nichts als Legende. Was ich auf der Bühne bin, bin ja auch nicht ich, sondern ich spiele eine andere.

 

Apropos spielen. Sie sind auf der Bühne schon oft gestorben. Beschäftigt Sie der Tod?

Nicht ich, sondern Violetta, Adriana oder Mimi. Die Leute gratulieren mir übrigens oft, weil ich so überzeugend sterben kann. Ich habe manchmal Angst vor dem Tod, aber eigentlich bin ich mir jeden Tag bewusst, wie schön mein Leben ist. Das ist schon sehr viel. Wieso sollte ich mich also mit dem Tod beschäftigen, Darling? Glauben Sie mir, er kommt ohnehin früh genug.

 

Ein pragmatischer Zugang.

Das ist wohl, weil ich in der Vergangenheit immer wieder Tragödien erlebt habe. Meine Adoptivtochter hat ihre Eltern verloren, meine Eltern ihre Tochter. Mein Vater lebt heute als Mönch in einem Kloster auf dem Berg Athos.

 

Glauben Sie, er ist Mönch geworden, weil Ihre Schwester gestorben ist?

Ich glaube es nicht, ich weiß es. Ich akzeptiere seine Entscheidung auch, wenngleich ich es nicht einfach finde. Er ist nicht tot, er betet für uns, aber er ist nicht bei meiner Mutter und mir. Und er lebt in einem Kloster, in dem die Anwesenheit von Frauen nicht erlaubt ist.

 

Haben Sie Kontakt zu ihm?

Ja, das habe ich. Aber er lebt als Mönch in seiner anderen Welt. So ist das. – Es gibt einfach nichts Schlimmeres, als das eigene Kind zu verlieren. Das weiß ich.

Steckbrief

1965 in Rumänien in Adjud geboren. Schon früh fiel sie durch ihre besondere Stimme auf.

1990 verließ sie ihre Heimat und wurde an das Royal Opera House engagiert. Dort debütierte sie als Zerlina in „Don Giovanni“. Mit „La Traviata“ unter dem Dirigat von Sir Georg Solti wurde die Sopranistin berühmt.

1992 sang sie erstmals an der Wiener Staatsoper.

1996 heiratete sie den Tenor Roberto Alagna und trat mit ihm in vielen Produktionen (etwa „Faust“, „La Rondine“, „La Bohème“) gemeinsam auf. Vor kurzem wurde die Ehe geschieden.

2014 am 16. Jänner ist die Premiere von Adriana Lecouvreur an der Wiener Staatsoper. Gheorghiu singt die Hauptrolle.




1. . . ob Sie planen, einmal Wagner zu singen?
Seine Musik ist ganz fantastisch. Aber Wagner will meine Stimme zerstören. Das Problem ist, man muss bei ihm immer schreien, laut und lange. Das ist nicht gut für mich.
2. . . ob Sie sich Kinder gewünscht haben?
Warten Sie ab, morgen werde ich eine Pressekonferenz geben... (lacht). Nein, ich hatte Ioana, meine Adoptivtochter, und Ornella, die Tochter meines Exmannes Roberto Alagna. Das war wunderschön und traurig zugleich. Zwei Mädchen und beide ohne Mutter. Die zwei haben sich sehr gut verstanden. Ihnen habe ich versucht, eine gute Mutter zu sein.
3... ob das Aussehen der Sänger eine zu große Bedeutung hat?
Ja, das Publikum hört heute viel mit den Augen, das ist nicht gut. Ich stehe nämlich nicht auf der Bühne, weil ich schön oder schlank bin. Meine Stimme ist der einzige Grund dafür.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2014)

Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Angela Gheorghiu: "Natürlich will ich bewundert werden!"

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.