Echte Doktoren auf der Bühne

Bühnenluft und Applaus statt Rezeptblock und Skalpell: Wenn Ärzte Kabarett machen, stehen sie Professionisten oft um nichts nach. Aus dem Leben von Medizinern, deren Herz auch für die Schauspielerei schlägt.

(c) Clemens Fabry

Erst ging sie auf die Straße, um zu demonstrieren, dann debütierte die auf einen Turnusplatz wartende Ärztin in einer Baulücke in Naschmarktnähe. Bei dieser ersten Rolle leckte Regina Hofer vor 28 Jahren Blut. Heute spielt die engagierte Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie noch immer Kabarett, schreibt alle drei Jahre ein neues Stück. „Dafür nehme ich mir regelmäßig eine Auszeit“, sagt die 57-Jährige. Jugendlich wirkt sie und voller Vitalität und Tatendrang. Das Geheimrezept dafür?

„Das zu tun, was einem wirklich Freude macht“, verrät die gebürtige Oberösterreicherin, „und sich nicht ständig von Zwängen, nicht von Das-tut-man-nicht-Vorschriften und nicht von Das-gehört-sich-Regeln einengen lassen.“ Das ist auch das Hauptthema ihres aktuellen Kabarettprogramms „Saus und Braus“, das Ende Jänner Premiere hatte.

Hofers siebentes Solostück handelt von einer Frau, die auf Etikette pfeift und sich auch traut, im Pyjama im Stammcafé zu lesen. Nun gut, das würde sie im wirklichen Leben vielleicht nicht gerade tun, aber Zwänge und Unterordnen gehören nicht in ihr Lebenskonzept. Dagegen wehrte sie sich schon als Gymnasiastin. Einen Professor, der die Mädchen gern begrapschte, stieß sie mehrfach vor den Kopf und büßte es mit Fünfern und anderen Schikanen – letztlich brach sie auch seinetwegen die Mittelschule ab. Nächste Stationen: Maturaschule, Buchhandelslehre, Medizinstudium, Gründung einer Bürgerinitiative und Proteste gegen eine Autostraße und der Bau eines Motels am Naschmarkt, der geschleift werden sollte. Im Rahmen diverser Protestaktionen lernte sie einen Kabarettmacher kennen, Premiere, wie erwähnt, in einer Baulücke.

Seither steht Regina Hofer mit Leib und Seele auf der Bühne. Mit derselben Leidenschaft ist sie aber auch Ärztin. „Die Menschen, ihre Schicksale interessieren mich, liegen mir am Herzen.“ Keine Worthülsen, das ist spürbar. Ebenso spürbar ist die Lebensfreude der Psychiaterin. Freude bereiten ihr neben Medizin und Kabarett, Partner, Freunde, Theater, Konzerte, Spaziergänge, die Sommerakademie Venedig und Kochen.

Rote Bar: Arzt im Dienst. Kochen ist auch eine der Leidenschaften eines Mannes, der mit Kochlöffel und Skalpell gleichermaßen gut umgehen kann: Peter Jiru, Chirurg am Evangelischen Krankenhaus, und der Erste, der sich in Wien über die Schlüsselloch-Chirurgie traute, steht aber nicht nur leidenschaftlich gern am OP-Tisch, sondern auch auf der Bühne – demnächst das allererste Mal ganz offiziell: am 12.Februar, im Rahmen der Mittwochreihe Wort & Spiele in der Roten Bar des Volkstheaters. Bei „Arzt im Dienst: Zwischenbilanz“ wird Jiru sprechend und singend aus seinem Leben erzählen, von der Kindheit im Karl-Marx-Hof bis zu Erlebnissen aus dem Medizinerleben.

„Ich habe drei Töchter, zwei gescheiterte Ehen und lebe momentan ohne feste Partnerin“, erzählt der Gitarrespieler und Gedichteschreiber. Ein großer Teil seines Lebens gehört den Patienten. „Chirurgie ist meine Leidenschaft, ich wusste schon mit vier Jahren, dass ich einmal Chirurg werden wollte.“ Der 61-Jährige bezeichnet sich selbst auch gern als Theaternarr: Seit den 1970er-Jahren hat er alle Stücke im Burg- und Akademietheater gesehen. „In meinem Freundeskreis sind auch etliche Schauspieler.“ Die, die Zeit haben, werden wohl auch zu Jirus Debüt am 12. Februar kommen.

Lampenfieber, aufgeregt? „Nein“, beteuert der Chirurg, „ich habe ja alle Geschichten, die ich erzähle, auch wirklich erlebt, und da kann eigentlich nicht viel passieren.“ Und so ganz zum ersten Mal begibt er sich nun auch wieder nicht ins Rampenlicht. Einen ersten größeren Auftritt hat er zu seinem 60er gehabt. „Da wollte ich meine Freunde überraschen, hab eine Band gegründet und bin mit ihr vor 180 Geburtstagsgästen aufgetreten. Ich habe gesungen und aus meinem Leben erzählt.“ Jiru hat seine Sache offensichtlich gut gemacht, denn alle waren begeistert und wollten mehr. Und bekamen mehr: Im erweiterten Freundeskreis und als Charity-Aktion wurde das (ausgebaute) Dreistundenprogramm im Vorjahr noch viermal wiederholt. Der Chirurg ist also spielfest, nur Gesangsstunden hat er in der Zwischenzeit genommen.

Kaum Zeit für die Ehefrau. Früh geübt hat hingegen Ronny Teutscher, heute Ronny Tekal. Schon als Zehnjähriger komponierte der Klavier spielende Bub Singspiele und Weisen, finanzierte sich später auch als Komponist (etwa des Musicals Hospital) sowie als Bar- und Kaffeehauspianist sein Medizinstudium. Heute sehen Patienten den 45-jährigen Arzt allerdings nur noch auf der Bühne: Doktor Tekal ordiniert nicht mehr, behandelt wird nur noch bei „Peter & Tekal“, einem kritischen Medizinkabarett mit Tiefgang. Bei 80 bis 100 jährlichen Auftritten in Österreich, Deutschland und Südtirol blieb für die drei Kinder zwischen acht und 13 Jahren und die Ehefrau ohnehin nicht viel Zeit. Da stand dann irgendwann die Entscheidung an: Arzt oder Doktorspiel? Tekal entschied sich vor Kurzem für Letzteres und ist heute wohl einer der bekanntesten Medizinkabarettisten Österreichs. Derzeit sind „Peter & Tekal“ mit dem Programm „Verarzten kann ich mich selber“ unterwegs.

„Ich bewege mich aber weiterhin im Dunstkreis der Medizin“, betont der Arzt: unter anderem als Sprecher und Gestalter im Ö1-Radiodoktor und als Verfasser von Beiträgen in Fachzeitschriften. Auch sein Buch „Sorry, das waren die Hormone“ berichtet auf amüsante Art Sachliches, und „ich halte auch viele Vorträge auf Ärztekongressen und Gesundheitstagen“. Eines seiner Lieblingsthemen: die Arzt-Patienten-Beziehung, „damit steht es ja nach wie vor nicht zum Besten“, kritisiert er und gibt – im Kabarett und in Vorträgen – „wertvolle Tipps, wie man seinen Arzt gut abrichten kann“.

Humorvoller Ernst ist auch das Würzmittel der Vorträge, Erlebnisseminare und Moderationen von Roman Szeliga. Auch er hat seinen Job als Arzt an den Nagel gehängt und ist als Botschafter in Sachen „Humor im Business“ in Österreich, Deutschland und der Schweiz fast mehr auf Achse als zu Hause. Aber wenn er zu Hause ist, werden Ehefrau und „viele Freunde“ mit den Ergebnissen seiner Kochkünste – „sehr gern asiatisch und italienisch“ – oft verwöhnt. „Medikamente sind wichtig, aber mit Humor und Freude kann man oft mehr bewegen“, betont der ehemalige Internist, der schon einige traurige Erfahrungen im Leben machen musste. „Ich habe meine Eltern relativ früh verloren und als 21-Jähriger mich und meinen jüngeren Bruder mit magischem Entertainment und Moderationen erhalten. Auch mein Studium habe ich damit finanziert.“


Anfang mit Zauberkästen. Die Magie, das war etwas, was schon den fünfjährigen Roman fasziniert hat. „Ich habe mir fast immer nur Zauberkästen gewünscht.“ 2004 wurde er österreichischer Staatsmeister der Zauberkunst. Der 52-Jährige tanzte schon immer auf mehreren Bällen gleichzeitig, absolvierte während des Medizinstudiums auch zahlreiche Ausbildungen in den Bereichen Präsentation, Inszenierung und Moderation, bildete sich stets in neuen interaktiven Kommunikationsformen fort, arbeitete als Arzt in einem Spital, gründete 1991 die CliniClowns in Österreich mit, zauberte selbst als CliniClown vielen Patienten ein Lächeln auf die Lippen, gründete eine Kommunikationsagentur, tourte mit seinem Kabarett „Ärztlich willkommen“ mehrere Jahre durch das Land, schrieb das Buch „Erst der Spaß, dann das Vergnügen – mit einem Lachen zum Erfolg“. Und das, so der umtriebige Exarzt und Vollblutreferent (er wurde unter anderem zum Top Speaker of the Year 2013 gewählt), sei auch sein Vitalitäts- und Erfolgsgeheimnis. Zum Lachen bringen ihn auch sehr häufig seine beiden Katzen Sugar und Frizzante, „meine eigenen zwei kleinen Therapeuten“, sagt er, „denn Lachen ist die beste Medizin.“

Ärztliche KUNST

Arzt im Dienst: Zwischenbilanz. Der Chirurg, Peter Jiru, erzählt am 12. Februar singend und sprechend aus seinem Leben (Rote Bar des Volkstheaters).
www.volkstheater.at/home/spielstaetten/rote+bar

Verarzten kann ich mich selber ist der Titel des neuesten Stückes von „Peter & Tekal“. www.medizinkabarett.at

Erlebnisseminare veranstaltet der Exarzt Roman Szeliga. www.roman-szeliga.com

PSYCHIATERIN

Regina Hofer, Fachärztin für Psychiatrie, ist Medizinerin, aber auch leidenschaftliche Kabarettistin.

„Saus und Braus“ heißt ihr neuestes Stück, das Ende Jänner Premiere hatte. www.regina-hofer.at

Astrid Knie

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2014)

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