Dany Boon: "Ich will bei guter Gesundheit sterben"

Seine Komödie "Willkommen bei den Sch'tis" ist der erfolgreichste Film in der französischen Geschichte. Nun will Dany Boon die Menschen als Hypochonder zum Lachen bringen.

Dany Boon:
Dany Boon:
Dany Boon – APA (HERBERT PFARRHOFER)

Machen Sie wirklich Türen mit dem Ellbogen auf, wie ein Chirurg?

Dany Boon: Oh ja, zumindest wenn ich auf öffentliche WCs gehe. Dann verwende ich meine Ellbogen, meine Knie, meinen Fuß ... Ja, ich bin auch ein Hypochonder. Aber das ist nicht der Grund, warum ich darüber einen Film gemacht habe. Ich hatte die Idee vielmehr wegen einer Diskussion, die ich mit meinem Arzt hatte. Oder genauer gesagt mit einem meiner Ärzte. Es geht darum, wie sehr sich die Art verändert hat, wie wir zum Arzt gehen. Unsere Art, wie wir über Krankheiten denken.

 

Wie denn?

Wir sorgen uns immer mehr über unsere Gesundheit, und wir glauben, dass wir uns besser auskennen als früher. Manchmal glauben wir sogar, dass wir mehr als die Ärzte wissen. Mein Arzt erzählte mir, dass die Ärzte sich schon beraten, wie sie damit umgehen sollen. Es wird für sie immer schwieriger, uns zu beruhigen, und auch, ihre Macht zurückerobern. Ich glaube, um gesund zu werden, ist auch Psychologie notwendig. Es ist dasselbe wie mit einem Placebo. Manchmal braucht man gar keine Medizin, man muss nur glauben, dass man wieder gesund wird.

 

Das Internet hat Patienten aber auch mündiger gemacht.

Ja, aber das Problem mit dem Internet ist gleichzeitig, dass, sobald wir nach etwas suchen, alles schlimmer wird. Man findet verrückte Blogs, wo Leute sagen, dass sie die gleichen Symptome wie du hatten, und jetzt sind sie seit zwei Jahren im Krankenhaus und schon fast gestorben ... Und du denkst dir, Scheiße, ich habe dasselbe. Früher haben wir doch alle diese medizinischen Lexika aufgeschlagen, mit all diesen Bildern, und uns gefürchtet. So geht's meiner Figur in „Super-Hypochonder“.


Haben Sie selbst einschlägig gegoogelt?

Ja. Viel. Tu ich noch.


Und was hatten Sie schon so in Ihrer Vorstellung? Krebs?

Natürlich Krebs, alle Arten. Hautkrankheiten ... erst unlängst. Da war ich auf Tour für die Premieren meines Films. Wir waren gerade in der Bretagne und übernachteten in einem Hotel mit Pool. Ich trainiere viel, auch, um mit meiner Angst umzugehen. Ich radle, ich schwimme. Ich brauche das. Also habe ich mir eine Badehose besorgt, bin früh aufgestanden und eine Stunde geschwommen, dann bin ich zurück ins Zimmer, um zu duschen. Ich habe in den Spiegel geschaut und dachte: Oh Scheiße! Meine Augen waren geschwollen, rundherum war alles rot. Ich dachte, das muss etwas wirklich Arges sein, vielleicht ein Quincke-Ödem. Das ist eine schlimme Allergie, bei der alles anschwillt. Also habe ich gegoogelt, habe meinen Arzt angerufen und meinen Bodyguard alarmiert und ihm gesagt, dass wir sofort eine Apotheke finden müssen. Zwei Minuten später fiel mir ein, dass es die Schwimmbrille war. Ich hatte sie mir ausgeborgt, und sie war zu klein. Das hatte ich vergessen. Also musste ich Arzt und Bodyguard wieder anrufen: Es ist ok, mir geht's schon besser! Die Allergie ist weg!

 

Sie sagen, Sie leiden auch an Angst? Wovor?

Vor dem Leben vielleicht? Ich war kein sehr sportliches Kind, auch wenn ich damals schon geschwommen und geradelt bin. Als junger Erwachsener war ich auch nicht gerade verrückt nach Sport. Das kam erst mit dem Dasein als Komödiant. Ich war jeden Abend auf der Bühne, für eine fast zweistündige Show. Seither trainiere ich intensiv, mein Puls wurde niedriger. In der Früh liegt er bei ungefähr 45. Eines Tages werde ich null erreichen (lacht). Aber das ist nicht mein Ziel. Es ist gut, einen niedrigen Puls zu haben. Man fühlt sich besser, erholt sich schneller. Auch mein Herz ist größer geworden, wie bei professionellen Sportlern. Das will ich erhalten. Weil ich mich vor dem Tod fürchte. Ich will nicht sterben. Ich meine, es ist okay, dass ich sterben muss, aber das will ich bei guter Gesundheit tun.

 

Ist die Hypochondrie, die Sie beschreiben, das Symptom einer Gesellschaft, die sicherer ist denn je, die sich aber vor allem fürchtet? Vor Krankheiten, Verbrechen, Einwanderern?

Ich glaube, unser großes Problem ist die Überinformation. Unser Hirn ist nicht dafür gemacht, mit so viel Information umzugehen. Wir haben gar nicht die Zeit, alles richtig zu verarbeiten. Also fürchten wir uns vor allem. Und wir kippen in Klischees. Das ist gefährlich für unsere Gesellschaft, weil unsere paranoide Seite überhand nimmt. Weil wir plötzlich überall Abkürzungen nehmen. Wir wissen zum Beispiel genau, was in der Sache mit dem verschwundenen Flugzeug passiert. Seit einem Monat verfolgen wir alle diese Geschichte. Und wenn wir jetzt in ein Flugzeug steigen, fürchten wir uns. Oder wir denken, wir fahren besser nie nach Malaysia. Das ist eine normale menschliche Reaktion auf diese Überinformation. Außerdem befördert sie Xenophobie und Rassismus. Terrorismus zum Beispiel ist schrecklich. Wir wissen, dass es passieren könnte. Wenn wir jemanden mit einem islamischen Zeichen sehen, denken wir schon: oh Mist, vielleicht ...? Dieses Vielleicht ist schrecklich. Es ist wie bei einem Thriller, bei dem man darauf wartet, dass etwas Schlimmes geschieht. Das Problem ist, dass es sich um das echte Leben handelt.

 

Sie haben selbst Einwandererwurzeln. Ist Ihren Zuschauern das bewusst? Sie spielen ja immer schräge, aber echte Franzosen.

Schon. Ich wurde in Nordfrankreich geboren, meine Mutter stammt von dort, mein Vater kommt aus der Kabylei. Das ist eine Region in Algerien und eine sehr spezielle Community. Eine kleine Gemeinschaft, die schon da war, bevor die Araber kamen. Sie haben ihre eigene Sprache, ihre eigene Kultur und waren Christen und Juden. Ich bin wirklich stolz auf diesen Mix. Ich sage meinen Kindern immer, dass sie ein Mix aus vielen verschiedenen Ethnien sind, was gut ist. Und ich bin auch selbst zum Einwanderer geworden, weil ich jetzt in Los Angeles lebe.

 

Hauptsächlich?

Ja, wenn ich nicht reise. Schon seit viereinhalb Jahren.

 

Fühlen Sie sich dort fremd?

Ja. Ich fühle mich wie ein Fremder, wie ein Immigrant, so wie sich mein Vater in Frankreich gefühlt hat. Auch wenn er ein Boxer und LKW-Fahrer war – er musste definitiv mehr kämpfen als ich. Aber ich bin glücklich, dass meine Kinder etwas anderes kennen lernen, eine neue Gesellschaft, neue Freunde, andere Nachbarn. Der beste Weg, die Kinder zu erziehen. Ich habe ein Haus in Pacific Palisades gekauft, zwischen Santa Monica und Malibu. Meine Frau wollte, dass unsere Kinder in eine Schule namens The Village School gehen, eine bekannte Schule mit einem tollen Ruf. Wir haben sie angeschaut und ich habe Nein gesagt. Weil dort nur weiße Kinder waren. Ich wollte, dass meine Kinder in eine Schule gehen, in der alle möglichen Leute und Religionen vertreten sind. Sie gehen jetzt ins französische Lycée, um Französisch nicht zu vergessen. Natürlich ist die Schule teuer, daher sind da auch nur Kinder aus wohlhabenden Familien. Aber immerhin aus Asien, Afrika, von überall her. Das ist besser so. Mit Kad Merad (Hauptdarsteller in „Willkommen bei den Sch'tis“ und „Super-Hypochonder“, Anm.) ist es übrigens das gleiche wie mit mir. Auch er ist ein Mix aus einer französischen Mutter und einem algerischen Vater.

 

Sie sind auch religiös, Sie sind zum Judentum konvertiert. Warum?

Das war ein Liebesbeweis. Es war meiner Frau wichtig, einen Juden zu heiraten. Ich wurde katholisch erzogen. Die Familie meiner Mutter ist sehr religiös, sie sind jeden Sonntag in die Kirche gegangen, ich war Ministrant. Die beiden Religionen haben dieselbe Wurzel. Ich bin einfach vom Neuen Testament zum Alten gewandert. Ich glaube an Gott. Und es war damals eine Weile her, dass ich in der Kirche war. Es war ein guter Weg, um zur Religion zurückzukehren und zu dieser privaten Beziehung zum Göttlichen. Aber wir leben eine sehr progressive Vorstellung von Religion. Ich glaube nicht, dass ich dieses und jenes muss. Der Geist ist frei. Es liegt an dir. Aber wir halten die Feiertage ein und versuchen, gute Menschen zu sein.

 

Ist Ihre Mutter stolz auf Sie? Sie war Ihr erstes Publikum ...

Als ich Kind war, hatte sie ein ziemlich hartes Leben. Es war schwierig für sie. Sie hatte ihr Zuhause verlassen müssen, weil sie mit einem Kabylen ausging, der noch dazu älter war als sie. Sie war 17, als sie mit mir 17 schwanger wurde. Ich erinnere mich, dass meine Mutter traurig war, jung und traurig. Und es stimmt, dass ich sie zum Lachen gebracht habe, um ihr zu helfen das Leben zu akzeptieren. Das war mein Ziel. Darüber habe ich vergessen, ein Kind zu sein, unbeschwert zu sein. Meine Mutter hat mich oft umarmt. Vielleicht sogar mehr, um selbst umarmt zu werden.

Steckbrief

1966
wurde Dany Boon als Sohn eines LKW-Fahrers und einer Putzfrau in der Region Nord-Pas-de-Calais geboren. Sein eigentlicher Name ist Daniel Hamidou. Sein Künstlername stammt aus der Westernserie Daniel Boone.

1989
begann Boon, in Paris in kleinen Straßentheatern aufzutreten, daneben arbeitete er als Zeichner. Mitunter lebte er von Baguette und Milch.

Ab 1992
trat er als Komödiant im französischen Fernsehen auf, ab 1994 arbeitete er auch als Schauspieler („Mein bester Freund“).

2008
kam „Willkommen bei den Sch'tis“ ins Kino, eine Komödie über seine Heimatregion. Boon war dabei Regisseur, Drehbuchautor und übernahm selbst eine Rolle. Allein in Frankreich sahen den Film 20 Millionen Menschen.

Herr Boon, darf man Sie auch fragen...


1... wie es sich anfühlt, mehr Geld als Brad Pitt zu verdienen?
Ich verdiene gar nicht mehr, und das ist auch gar nicht wichtig. Wichtig ist im Leben, dass wir alle wissen, dass wir hübscher sind als Brad Pitt. Und nicht reicher.


2... was das teuerste oder unnötigste Ding war, das Sie gekauft haben?
Das Letzte war ein Disney-Prinzessinnenkleid für meine vierjährige Tochter. Schrecklich teuer. Aber sie sieht darin hinreißend aus.


3... ob
Sie sich immer noch einer Psychoanalyse unterziehen?
Nicht wirklich, aber ich versuche weiterhin, meine Gefühle und die Welt um mich herum tiefgehend zu analysieren. Und hie und da lege ich mich auch noch auf die Couch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2014)

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