Capito? Besser lesen und verstehen

Das Unternehmen Atempo bereitet Texte für Menschen mit Lernschwierigkeiten auf, macht so Gesetze oder Gebrauchsanweisungen verständlich – ganz ohne Förderungen.

Walburga Fröhlich
Walburga Fröhlich
(c) Clemens Fabry / Die Presse

Lange war Walburga Fröhlich nicht bewusst, dass es in ihrer Familie einen Menschen mit Behinderung gab. Großonkel Hans gehörte auf dem elterlichen Bauernhof in der Südsteiermark einfach dazu: Er konnte nicht sprechen, nicht lesen, „aber er hat seine Funktion gehabt und mitgearbeitet“. Nie sei darüber gesprochen worden, dass Hans nicht so sei wie die anderen. Er war, wie er war. Und das war okay. „Das ist Inklusion.“ In der Gesellschaft, in Schule und Berufsleben funktioniere die Einbeziehung von „Menschen mit Lernschwierigkeiten“, wie Fröhlich lieber sagt, aber selten so reibungslos. Bald hat sie ihren Wunsch, Chemie zu studieren, für ein Sozialstudium aufgegeben.

 

Der Beipacktext als Hürde

Eine der größten Hürden sei, dass Texte nicht verstanden werden: „Es gibt in Österreich etwa ein Prozent Menschen mit schweren Lernschwierigkeiten. Und wir wissen, dass vierzig Prozent der Erwachsenen kaum lesen können.“ Sie könnten keine „Presse“, keinen Beipacktext verstehen, scheitern an Info-Broschüren und Gebrauchsanweisungen. „In unserer Gesellschaft ist Information alles – wer nicht lesen kann, hat keine Chance. Wir müssen verstehen, dass eine nicht verständliche Information eine Barriere ist – so wie eine Treppe für einen Rollstuhlfahrer.“

Im Jahr 2000 gründete Fröhlich gemeinsam mit Klaus Candussi das Sozialunternehmen Atempo: „Wir haben vorher für eine große, sehr professionelle Dienstleistungsorganisation für Menschen mit Behinderung gearbeitet. Sie hat einen sehr guten Ruf, aber die Betroffenen hatten dort kein Gewicht, hatten nichts zu sagen oder mitzuentscheiden.“ Deshalb wollten die beiden „etwas Neues ausprobieren“: „Wir haben mit Atempo aus hilfsbedürftigen Schützlingen Experten gemacht, die ein produktiver Teil der Gesellschaft sind.“ Zwanzig der achtzig Mitarbeiter haben Lernschwierigkeiten. Sie arbeiten selbstbestimmt und gleichgestellt, nicht als Hilfsarbeiter, sondern als Fachkräfte, die als Evaluatoren oder Prüfer beschäftigt sind.

Ein Standbein nennt sich Capito: Texte von Auftraggebern werden in leicht verständliche Formulierungen übersetzt und grafisch übersichtlich gestaltet. Zur Qualitätskontrolle gibt es die Mitarbeiter mit Lernschwäche: Sie prüfen, ob der Text den Anforderungen von Menschen mit Behinderungen gerecht wird. Gleichzeitig soll es sich „nicht patschert anhören“, sagt Fröhlich. Idealerweise geht z.B. ein so gestalteter Folder an alle Haushalte. Behörden, Banken, Krankenhäuser, Kirchen oder Unternehmen mit vielen ausländischen Arbeitskräften zählen zu den Kunden. Förderungen gibt es nicht.

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Hilfseinrichtungen evaluieren

Das zweite Standbein von Atempo sind Schulungen: „Wir bieten Bildung für Menschen mit Lernschwierigkeiten an, die oft den Sprung von der Pflichtschule in die Lehre oder auf den Arbeitsmarkt nicht schaffen.“ Das dritte Standbein: „Wir haben eine in Europa einzigartige Methode zur Evaluierung aus Sicht von Nutzern von Hilfseinrichtungen entwickelt.“ Auch hier werden Menschen mit Behinderung als Fachleute eingesetzt, um zu evaluieren, ob Wohn- oder Arbeitsstätten den Bedürfnissen der Betroffenen wirklich entsprechen. Ein Modell, das Atempo auch für die Altenbetreuung anbietet. „Wir wollen raus aus dem institutionalisierten Denken, hin zu individueller Hilfe“, sagt Fröhlich.

Gemeinsam mit Candussi hat sie aus einem kleinen Grazer Sozialunternehmen ein international vernetztes Social-Franchising gemacht – mit zwölf Partnerbetrieben in Deutschland und der Schweiz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2014)

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