Unterwegs mit Mieze Medusa Wirbelwind

Fünf Jahre Musik-Protest. Doris Mitterbacher, die Siegerin des Protestsong-contests 2007, über Wien, Steuererklärungen und Hiphop für Erwachsene.

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Doris Mitterbacher steht eigentlich nie still. Insofern grenzt es an ein Wunder, dass sich doch ein Treffen mit ihr ausgeht. Die österreichische Rapperin und Identifikationsfigur der heimischen Poetry-Slam-Szene bleibt selten irgendwo länger als einen Tag. Manchmal reist sie sogar zu Veranstaltungen, bei denen sie nur fünf Minuten auf der Bühne steht. Einen kurzen Text vorträgt oder einen Track mit ihrer Band spielt. „Zeit ist für mich momentan ein größeres Thema als Geld“, sagt die 32-jährige Oberösterreicherin, die ihr Germanistik-Anglistikstudium in Innsbruck abgeschlossen hat und seit sechs Jahren in Wien lebt. Auch wenn Wien gar nicht so praktisch ist – zumindest für's Reisen. „Es liegt nicht so zentral wie Innsbruck.“ Deshalb verbringt sie viele Stunden im Zug, um (wie sehr oft) zu Auftritten in Liechtenstein zu kommen (und am Rückweg ihren Bruder in Vorarlberg zu besuchen), oder (nicht ganz so oft) in Berlin oder Regensburg auf der Bühne zu stehen.

Ja, Innsbruck wäre vielleicht zentraler. Aber weggegangen aus der Stadt ist Mitterbacher schlussendlich, weil es „keine Hiphopszene dort gab“. Und Hiphop ist nun einmal, so banal das klingen mag, ihr Leben. Auch wenn sie erst in einem Alter darauf gestoßen ist, „in dem andere schon wieder auf Gitarrenmusik stehen“, wie sie sagt. Mit Mitte Zwanzig. Was auch viele Vorteile hatte, denn so hat sie sich bis heute ein „heiles Hiphop-Bild“ bewahrt. Auch weil sie keinen Fernseher hat und somit völlig MTV- und Trash-frei lebt. Ein paar Vorbilder hat sie trotzdem: Die Sterne aus Hamburg und Eins Zwo, Total Chaos und die Münchnerin Fiva MC, Jean Grae sei die „beste Rapperin der Welt“. Und als sich im Herbst die Kinderzimmer Productions getrennt haben, habe sie das ziemlich getroffen.


Wenn Mitterbacher rappt, dann nennt sie sich Mieze Medusa. „Der Name war ein bisschen eine Verlegenheitslösung“, sagt sie, und zieht an den Ärmeln ihres grauen Langarm-Shirts. Ein Freund habe Mädchen stets „Miezen“ genannt und ihr gefiel das besser als das abgedroschene „MC“ oder Miss. „Mieze allein war mir dann aber zu zuckrig und rosa. Deshalb habe ich nach einem Gegenpol gesucht“. Und ihn mit „Medusa“ gefunden.

Heute Abend wird Mieze Medusa mit ihren Bandkollegen Tenderboy und DJ Smi beim fünften Protestsongcontest im Rabenhof auftreten. Im Vorjahr gewann die Band (mit Sängerin Violetta Parisini) den Wettbewerb mit dem Lied „Nicht meine Revolution“. Heuer saß Mitterbacher dann selbst in der Vorjury. Und fand es „fürchterlich“. Weil ihr klar wurde, dass sie bei 25 Teilnehmern recht viele „Neins“ austeilen muss.

Der eigene Sieg im Vorjahr kam ziemlich überraschend. „Unsere Beats und Texte sind sehr anspruchsvoll“, sagt Mitterbacher – und rückt ihre olivgrüne Schirmkappe zurecht. Hiphop für Erwachsene quasi. „Ich bin über 30 und das Wort Steuererklärung kommt in meinen Texten definitiv öfter vor als Party. Ich weiß, dass das 16-Jährige nicht interessiert.“ Womit wir beim Problem wären: Die meisten Erwachsenen interessieren sich so gar nicht für Hiphop.

Trotzdem soll im Herbst das zweite Album (nach dem Debüt „Antarktis“) erscheinen. Aber Mitterbacher weiß, dass man in Österreich mit Hiphop nicht reich wird. Auch deshalb jobbt sie nebenbei in der Internetredaktion einer Sprachschule, organisiert mit Diana Köhle jeden letzten Mittwoch im Monat die Poetry Slam-Schiene „Textstrom“ im Wiener Rhiz. Sie hat „einen fast fertigen Roman daheim“, schreibt regelmäßig für Literaturzeitschriften und lädt seit kurzem mit ihrem Freund Markus Köhle auf die Lesebühne „Dogma.Chronik.Arschtritt“ ins Schikaneder. Bei letzterem hat sie zugesagt, weil sie so gezwungen wird, regelmäßig einen kurzen Prosatext zu schreiben. Weil letztendlich geht es Mitterbacher bei allem, was sie tut, ums Schreiben. Und darum, nie still zu stehen.

WANN & WO

Der Protestsongcontest findet heute, Dienstag, ab 20 Uhr zum fünften Mal statt. Die zehn Finalisten treten gegeneinander an. Mieze Medusa und ihre Band treten auf.
Wo:
Theater Rabenhof, Rabengasse 3, Wien 3.
Eintritt: 15 €

www.protestsongcontest.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2008)

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