Am Tatort: Dem Tod auf der Spur

Rosalia Zelenka kommt, wenn alles vorbei ist: Gewalttaten, der Tod, ein Leben. Die Tatortreinigerin über einen Beruf zwischen entsetzlichen Bildern und berührenden Begegnungen.

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Rosalia Zelenka – Die Presse

Man meint stets, er rieche süß. Der süße Tod, der süße Geruch von Verwesung. „Süß“, so sagt Rosalia Zelenka, rieche er nur, wenn eine Leiche ein, zwei Tage an einem kühlen Ort liege. In anderen Fällen, in dem des Familienvaters, der sich im Badezimmer mit einem Jagdgewehr erschossen hatte, roch er metallisch, gemischt mit „einem seltsamen Menschengeruch“. In den extremsten Fällen, wenn jemand Wochen nach seinem Tod gefunden wird, reicht Rosalia Zelenka nur mehr das Wort „infernal“, um den Gestank dieses Todes zu beschreiben.

Jeder Geruch ist ein Unikat, „keinen würde ich je vergessen“, sagt Rosalia Zelenka bei einer Tasse Tee. Und wohl wenige kennen diese Gerüche so wie sie. Sie kommt, um die Spuren des Todes in all seinen Facetten zu beseitigen. Sie wird nach Gewaltverbrechen, Suiziden, nach verspäteten Leichenfunden oder in Messie-Wohnungen gerufen. In ihrem Buch „Der Tod hat viele Gerüche“ erzählt sie von einem Beruf zwischen entsetzlichen Szenerien und berührenden Begegnungen mit Hinterbliebenen. Von der Konfrontation mit Verwahrlosung, tragischen Lebensgeschichten. Und von ihrer Freude an dieser Aufgabe, die sie aus dem Gefühl schöpft, etwas Gutes und Wichtiges für verzweifelte Angehörige tun zu können.


Arbeit mit Müll, Maden und Fäkalien. „Ich wollte“, so sagt Rosalia Zelenka im Kaffeehaus, „diese Geschichten und Erlebnisse dem Papier übergeben.“ So habe sie vor rund einem Jahr zuerst für sich angefangen zu schreiben, einen Fall um den anderen. „Dann habe ich gemerkt, dass das Interesse daran groß ist.“ Besonnen, ruhig und mit wohlgewählten Worten spricht die 52-Jährige von Leichenteilen, die sich nach einem Schrotschuss über ganze Räume verteilen. Davon, wie wichtig es sei, jedes Haarbüschel hinter Kästen zu finden, um den Angehörigen einen späteren Schock zu ersparen. Sie erzählt von ihrem ersten Einsatz. Eine Messie-Wohnung voll Müll, Bad und WC mit Fäkalien übersät, die ganze Wohnung voller Käfer, Fliegen und Maden. Ein Mann wurde vier Wochen nach seinem Tod dort gefunden, nachdem er seinem Branntweiner abgegangen war.

Wie hält sie es aus, an solchen Orten zu arbeiten? Konfrontiert mit elenden Lebenssituationen? Sie sagt, sie habe keine Berührungsängste. Es helfe, dass sie und ihr Team – je nach Auftrag arbeitet sie allein oder mit bis zu vier Mitarbeitern – komplett in Schutzkleidung verpackt sind. Atemmasken, in schlimmen Fällen Gasmasken, und Nasenklemmen helfen gegen den Geruch. Wenn es nur um die Reinigung geht, kostet das wenig Überwindung.

Schwieriger sei es für sie, wenn sie an Tatorten auf Angehörige trifft. Auf Menschen, die, während sie Blutspuren beseitigt, Wohnungen ausräumen. Für die sie zur Ansprechpartnerin und Vertrauten wird. Am härtesten seien Fälle, die nahe am eigenen Leben sind. Wenn jemand im Alter ihrer Tochter stirbt. Oder etwa ein Fall, bei dem an Blutspuren erkennbar war, dass der Betroffene ein Foto seiner Kinder angeschaut haben muss, als er starb. „Da bekomme ich heute noch Gänsehaut, wie tief muss sein Kummer gewesen sein?“

Solche Eindrücke bleiben lange. Auch, wenn Gespräche im Team oder Schulungen mit Kriseninterventionsteams helfen, damit umzugehen. Aber, aus all den tragischen Situationen ergeben sich auch schöne Begegnungen: Rosalia Zelenka erzählt von langen Freundschaften zu Angehörigen, die sich ergeben haben. „Das sind die schönen Seiten, sehr menschliche Begegnungen.“ Und auch solche, die Sinn stiften. Trotz der „wirklich schmutzigen“ Arbeit gehe sie jeden Tag „mit Lust und Freude“ daran. „Ich kann einen guten Zustand, Normalität bringen.“

Nach einer Arbeit, die sie erfüllen könne, hat sie zuvor lang gesucht. Nach verschiedenen Tätigkeiten ist sie schließlich bei einer Reinigungs- und Sanierungsfirma gelandet – und ist so erstmals mit Messie-Wohnungen und der Reinigung von Tatorten in Berührung gekommen. Und, die Arbeit mit dem Tod und dem Danach faszinierte sie, sie begann, sich mit Mikrobiologie, Desinfektologie, Zersetzungsprozessen zu beschäftigen. Heute arbeitet sie eng mit Polizei und Gerichtsmedizin zusammen. Seit drei Jahren konzentriert sich Zelenka nun auf solche Spezialaufträge, etwa hundert sind es im Jahr aus ganz Österreich. Die Hälfte davon Suizide, 30 Prozent Tatorte nach Gewaltverbrechen, der Rest sind verspätet aufgefundene Leichen. Jene Fälle, in denen die Reinigung mit Spezialmaterial oder die Desinfektion mit Ozon nicht reicht. In denen Böden oder Wände herausgerissen und abgetragen werden müssen, weil sie von Körperflüssigkeiten vollgesogen sind.


Tod verliert an Schrecken. Professionelles Tatortreinigen ist in Österreich ein junges Metier. Der Beruf stammt aus den USA, dort hat sich auch Hollywood im Film „Sunshine Cleaning“ schon damit befasst, auch in Deutschland gibt es eine eigene Ausbildung dafür – und eine Comedy-TV-Serie. „Das Interesse an der Arbeit erstaunt mich. Aber wenn es in der Gesellschaft Themen gibt, die ein Tabu, die unklar sind, hat es immer komödiantische Zugänge, Clowns, Joker gegeben.“

Suizid, Verwahrlosung, Mord, der Tod ganz allgemein – hat das für sie an Schrecken verloren? „Früher war der Tod etwas Absolutes, ein schwarzes Thema. Jetzt sehe ich es als Einschlafen. Wir haben eine begrenzte Zeit. Ich versuche heute mehr, die Tage zu nutzen, Zeit für diejenigen, die ich liebe, zu haben“, sagt sie und spricht von einem „In-sich-Ruhen“, das sie auch durch ihre Arbeit gewonnen habe.

Steckbrief

Rosalia Zelenka wurde 1962 in Wien geboren, sie wuchs teilweise in Deutschland auf, nach ihrer Ausbildung arbeitete sie als Schriftsetzerin in einem Zeitungsverlag.

Nach der Geburt ihrer Tochter im Jahr 1990 beschloss Zelenka, nach Wien zurückzukehren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung arbeitete sie in der Koordination von Bauprojekten.

Durch Zufall kam sie vor etwa drei Jahren auf den Beruf der Tatortreinigerin. Mittlerweile hat sie sich auf die Reinigung von Tatorten und von Messie-Wohnungen spezialisiert.

Das Buch

„Der Tod hat viele Gerüche“ (200 S., 17Euro) von Rosalia Zelenka ist in der Edition Innsalz erschienen.

Spannend wie in einem Krimi liest man von berührenden, entsetzlichen und sehr menschlichen Begegnungen mit dem Tod.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2014)

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