Fahnenkunde in Venedig: "Es geht um nationale Identität"

Passend zur Fußball-WM, bei der die Fahnen wehen: Grafiker Erwin Bauer hat für die Architektur-Biennale alle Nationalflaggen der Welt untersucht.

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(c) Clemens Fabry

„Plenum. Places of Power“. Das stand da inmitten unidentifizierbarer Flaggen auf einem Plakat vor dem Österreich-Pavillon in Venedig – in einer Schrift namens Ano. Eine scheußliche Schrift, wie Biennale-Kommissär Christian Kühn befand. Unglaublich oft sei er darauf bereits angesprochen worden, feixte er bei der offiziellen Eröffnung letzte Woche. Aber genauso wenig, wie sich Kühn mit seinem TU-Kollegen Harald Trapp an das von Chefkurator Rem Koolhaas ausgegebene Motto „Absorbing Modernity: 1914–2014“ hielten, richtete sich Grafikdesigner Erwin Bauer an Trends und Moden der Typografie aus.

Die Schrift sei ein Statement, so Bauer. Und eine Notwendigkeit, weil nur wenige Schriften nach links und rechts kursiv funktionieren – und damit hin und her wehen wie die Flaggen rundherum. Orte der Macht: Das ist das heurige Thema in dem 1934 von Josef Hofmann geplanten Pavillon am hinteren Ende der Giardini, wo sich seit jeher die Länderpavillons der Biennale befinden. Die Bauzeit betrug damals nur zwei Wochen.

Sicher kürzer als der Aufbau der jetzigen Ausstellungen. Heuer wird auch der Garten mitbespielt – die Landschaftsarchitekten Maria Auböck und Janos Karasz wollten „das ungeordnete Grün der Umgebung“ hereinholen; das Wiener Quartett Kollektiv/Rauschen entwickelte eine Klanginstallation dazu. Drinnen ein Minimundus aller 196 Parlamentsbauten der Erde, die als dreidimensionale Modelle an den weißen Wänden des Pavillons hängen. Plus einer riesigen Weltkarte, die sich aus den von Bauer grafisch untersuchten Nationalflaggen zusammensetzt.

Westeuropa ist rot dominiert

Zu diesem Zweck hat er die Farbanteile der einzelnen Fahnen herausgerechnet und nach der Menge der enthaltenen Farben neu geordnet. Auf diese Weise dekonstruiert, würde auf heimischen Masten zwei Drittel Rot, ein Drittel Weiß wehen. Ziel der Übung: etwaige Gemeinsamkeiten von Kulturkreisen oder ganzen Kontinente auf einen Blick erfassbar zu machen. Afrika zum Beispiel setzt überwiegend auf Grün, Rot, Weiß und Gelb. In Westeuropa wiederum dominiere Rot. Spannend seien relativ junge Fahnen, wie Bosnien und Herzegowina. „Die gefällt mir persönlich zwar nicht, aber man kann gut sehen, dass das gelbe Dreieck die drei Volksgruppen repräsentiert, die sich allerdings mittels weißer Sterne an Europa orientieren.“

Bei den Fahnen gehe es wie bei den Parlamenten um nationale Identitäten, erklärt Bauer. Und Identitätsfindung zählt zu seiner Kernkompetenz, egal, ob er auf Universitäten und in Krankenhäusern für verständliche Beschilderung sorgt, Weinetiketten, Verpackungen und Magazine designt oder Ausstellungen gestaltet, wie er es jahrelang für das Wien-Museum getan hat. Seine Firma nennt er daher „Büro für Orientierung und Identität“. 2008 hat Bauer dann mit Christian Kühn das Buch „Ringstraße ist überall“ herausgebracht, das alle Architekturartikel, die zehn Jahre lang vom heurigen Biennale-Kommissär in der „Presse“ erschienen sind, zusammenfasst. „Die Frage war, wie man eine so fade Struktur von gleich langen Zeitungstexten aufbrechen kann“, erzählt Bauer. Das Ergebnis hat offenbar überzeugt und wurde mit dem Österreichischen Staatspreis geehrt.

Dank Kühn ist Bauer, der vor seinem Studium an der Angewandten eine Landwirtschaftsschule besucht und zwei Jahre lang die Schafe eines Aussteigers gehütet hat, nun also unter die Vexillologen gegangen. Experten wissen: So heißt die Flaggenkunde. Aber auch sonst hat Bauer viel gelernt und einiges verblüfft. Die Tatsache zum Beispiel, wie wenige Staaten man eigentlich kenne. „Der Katalog würde bestimmt gut als Nachhilfe in Geografie und Politikwissenschaft an Schulen funktionieren.“ Auch die Symbole auf Flaggen versucht Bauer auf einen Nenner zu bringen – dafür lässt er alle Farben weg und arbeitet die Strukturen heraus. Das Ergebnis findet sich als Stoffsackerlaufdruck wieder, die beim Pavillon verkauft wurden. Den Katalog, der von Bauer die Form eines Farbfächers verpasst bekommen hat, wie man ihn vom Malermeister kennt, gibt es im Buchhandel.

AUF EINEN BLICK

Der österreichische Beitrag zur Architektur-Biennale steht unter dem Motto „Plenum. Places of Power“. Kommissär Christian Kühn und sein TU-Wien-Kollege Harald Trapp widmen sich dabei der Parlamentsarchitektur als Ort der Macht. Die Biennale läuft noch bis 23. 11. in den Giardini und im Arsenale in Venedig. Täglich außer Montag, 10–20 Uhr. Der Pocket-Katalog ist bei Birkhäuser erschienen und im Buchhandel erhältlich (24,90 Euro).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2014)

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