Stefanie Reinsperger: »Wut zu zeigen, fällt mir ganz leicht!«

Ein somalischer Fischer, der Pirat wird, das ist die erste Rolle, in der Stefanie Reinsperger, neu am Burgtheater, im Herbst zu sehen sein wird. Der »Presse am Sonntag« erklärt die Österreicherin, die vom krisenhaften Düsseldorfer Schauspielhaus nach Wien übersiedelte, warum Frauen viel öfter Männer spielen sollten. Mit Woody Allen drehen! Das ist ihr Traum.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Sie sind seit Kurzem an der Burg engagiert. AlsErstes spielen Sie ab September in „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz, einem Männerstück. Sie spielen einen somalischen Fischer. Wie geht das?

Stefanie Reinsperger: Wolfram Lotz stellt in allen seinen Texten das Theater in Frage. Jeder kann alles. Es steckt alles in uns drin. Wir denken bei den Proben gar nicht mehr darüber nach, dass wir Männer sind oder männliche Themen behandeln. Wir vergessen das im Spiel, und auch die Zuschauer werden es als gegeben hinnehmen.

 

Haben Sie „Fluch der Karibik“ gesehen?

Den ersten Teil, den mochte ich sehr. Aber „Die lächerliche Finsternis“ ist ganz anders. Es geht konkret um den Überfall auf das Frachtschiff MS Taipan, von dieser Schiffs-Kaperung handelt auch der Film „Captain Phillips“ (2013) mit Tom Hanks. Außerdem hat das Stück Anklänge an „Apocalypse Now“. Der Theaterabend wirft die Frage auf, ob wir Geschichten über den Kolonialismus, den Vietnamkrieg, Flüchtlinge, deutsche Bundeswehrsoldaten, die Taliban bekämpfen, auf der Bühne überhaupt erzählen können. Der Regisseur Dušan David Pařízek sagt, es gibt kein Oben, Unten mehr im Theater, es gibt nur ein Wir. Wir erzählen zusammen die Geschichte.

 

Was ist das Besondere an Pařízek? Jetzt muss Ihnen was Gutes und Nettes einfallen.

Das fällt mir nicht schwer. Ich habe durch Pařízek mehr darüber erfahren, was Theater für mich sein kann und was es bedeutet, Texte zu hinterfragen, herauszufinden, wie sie heute noch funktionieren und ob sie überhaupt noch etwas mit uns zu tun haben.

 

Wie unterscheiden sich die älteren Herren der 1968er-Generation wie Claus Peymann oder Peter Stein von heutigen Regisseuren?

Das kann ich nicht sagen, weil ich mit älteren Regisseuren noch nicht gearbeitet habe. Wenn man mit Menschen arbeitet, die in etwa gleich alt sind, hat man sehr ähnliche Themen. Dazu gehört auch, dass wir gerade an dem Punkt sind, wo man fragt: Was kann Theater heute noch? Da kann man gut ansetzen, das muss man neu erfinden.

 

Sie waren am Düsseldorfer Schauspielhaus engagiert, das zuletzt ziemlich krisenhaft war und sich jetzt unter dem neuen Intendanten, Günther Beelitz (76) erholen soll. Ich habe gelesen, die Leute sind auch bei guten Aufführungen nicht mehr ins Theater gegangen, weil sie das Vertrauen verloren haben. Die Auslastung im Großen Düsseldorfer Haus sank auf 40 Prozent. Wie kam das? Kann das an der Burg auch passieren?

Wenn ein Haus einmal so wackelt, ist das so wie bei einem Laptop-Hersteller: Wenn ich weiß, die Firma hat finanzielle Schwierigkeiten, kaufe ich keinen Laptop mehr bei ihr. Aber die Leute, für die wir gespielt haben, waren ein tolles Publikum, das waren ganz wunderbare Abende. Natürlich ist es schöner, wenn ein Theater voll ist. Das ist ein absolutes Geschenk hier in Wien. Ich habe das Gefühl, die Menschen hier lieben ihre Schauspieler und unterstützen sie. Das ist in Deutschland ein bisschen anders. Es gibt so viele Schauspielhäuser, in 20 Minuten fährt man mit dem Zug von Köln nach Düsseldorf. Man muss anders kämpfen um sein Publikum.

Erzählen Sie etwas von sich. Sie sind Österreicherin, in London aufgewachsen.

Mein Vater ist im Außenministerium beschäftigt, wir sind viel umgezogen. Ich war als Kind wahnsinnig hyperaktiv. Meine Mutter dachte: Was machen wir mit ihr? Damals hat man Kinder noch nicht mit Tabletten eingebremst. Mit vier Jahren hat mich meine Mutter in London in eine Theaterkrabbel-Gruppe gebracht, die hieß Unicorn-Theatre, also Einhorn-Theater. Ich habe das Theaterspielen geliebt, diese Leidenschaft ist mit mir mitgewachsen.

Ihre Eltern hatten nichts dagegen, dass Sie Schauspielerin werden wollten?

Meine Eltern waren sehr offen und haben mir und meiner Schwester gesagt: Macht, was euch gut tut. Wir haben alle Freiheit und großes Vertrauen von zu Hause mitbekommen. Es war klar, dass meine Eltern uns helfen und glücklich sind, wenn wir unseren eigenen Weg gehen, solange es uns dabei gut geht.

 

Am Theater gibt es so viele elfenhafte Wesen. Sie sind mehr der festere Typ. Hat man es da schwerer, sich durchzusetzen?

Wenn man sich sein ganzes Leben vergleichen muss, und das tun wir doch alle, weckt das nur negative Gedanken, davon wird man krank. Ich muss für mich wissen, was ich will, woran ich arbeiten möchte. Ich hatte großes Glück auf Menschen zu treffen, die mich gefördert haben. Das Theater sollte sich von diesen ganzen Typen befreien. Ein erster Schritt dazu ist, dass die Frauen Männerrollen spielen wie in dem Stück von Wolfram Lotz.

Was lesen Sie gerne?

Mein Lieblingsautor ist Milan Kundera. Ich finde ihn brillant. Seit ich Dušan David Pařízek kennengelernt habe, der auch Tscheche ist, verstehe ich Kundera noch besser. „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ war lange Zeit mein Lieblingsbuch, aber jetzt ist es „Das Buch vom Lachen und Vergessen“. Ich mag Kunderas Art, die Welt ein bisschen süffisant zu beschreiben und sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Oft tendiert man dazu, sich in seinem Leid zu suhlen, und es macht so viel Spaß zu sagen, oh, mir geht's so schlecht. Bei Kundera sind die Menschen sehr ernst und existenziell auf der Suche, aber im nächsten Moment sagt er dann wieder, ach vom Mond aus betrachtet ist das Problem doch total klein. Dann lese ich weiter, und schon geht es auch mir selbst besser. Ich mag es, wenn Dinge über den Humor erzählt werden. Auf der Bühne ist das auch so, erst mal bringt man die Leute zum Lachen, und wenn man sie damit erreicht hat, sind sie auch aufnahmebereiter für ernste Themen.

 

Fällt es Ihnen leicht, aus sich herauszugehen, z.B. Wut zu zeigen?

Wut zu zeigen, fällt mir ganz leicht. Ich bin so ein Mensch, ich fühle mich auf der Bühne sehr viel wohler als im Leben, denn dort gibt es keine Tabus. Im Privaten wird schnell gesagt: Bitte nicht! Wenn ein Abend endet, denke ich oft: Nein, jetzt nicht abgehen. Gleich nochmal von vorne anfangen.

Was ist so schwierig am Leben?

Für mich ist Theater einfach ein viel geschützterer Ort als das „normale“ Leben. Im Leben weiß man nicht, was als nächstes passiert, muss Emotionen unterdrücken, die rauszulassen unglaublich befreiend wäre.

 

Ist es besser, wenn man als österreichische Schauspielerin in Deutschland anfängt?

Ich wollte nach dem Reinhardt-Seminar unbedingt weg. Die drei Jahre in Deutschland waren wichtig für mich, ich habe viel gelernt. Und jetzt zurückzukommen, das finde ich auch schön.

Behauptet sich Theater gut gegen Film, TV?

Ich weiß nicht, ob man das so stark als Konkurrenz ansehen muss. Das sind ganz verschiedene Erlebnisse. Ich möchte auf beides nicht verzichten. Der Film hat im Moment das Problem, dass jeder alles downloaden kann. Theater bietet das Live-Erlebnis.

 

Haben Sie einen Lebensplan?

Zu viel Planung engt mich eher ein. Das geht nicht so gut in diesem Beruf, und ich bin auch nicht der Typ dafür. Wenn ich auf Urlaub fahre, kenne ich zwar das Reiseziel, aber was vor Ort passiert, überlege ich mir dort, für Mitreisende ist das nicht immer einfach.

Wo fahren Sie am liebsten hin?

Ich habe mich in Schweden verliebt. Stockholm ist eine tolle Stadt. Ich möchte auch mal gern weit in den Norden, wo keine Leute sind, wo nichts ist. Die Menschen in Skandinavien haben eine besondere Ausstrahlung, sie sind offen, tolerant, protzen nicht, mit dem was sie haben. Sie haben einen tollen Stil und sind so attraktiv! Diesen Sommer fahre ich aber nach Istanbul, weil meine beste Freundin da lebt, jeder schwärmt von dieser Stadt.

Ist Schauspielerei mehr Handwerk, oder hat sie auch mit echten Emotionen zu tun?

Ich muss es fühlen. Das ist natürlich fordernd. Aber es ist auch Technik dabei. Manche Schauspieler bringen ihre Rollen technisch hervor, und manche schrauben sich total rein. Wie man es macht, bleibt jedem selbst überlassen, es hängt auch von der Tagesverfassung und den Zuschauern ab, wie es wird.

Wenn ich Regisseur bin und sage, gehen Sie da rüber und kriegen Sie einen Anfall...

Ja, das mache ich, und es macht Spaß.

 

Was gibt Energie abseits des Theaters?

Joggen im Belvedere!

 

Mit wem würden Sie gerne mal drehen?

Mit Woody Allen, das wäre so schön!

Steckbrief

1988
30.1. Stefanie Reinsperger wird in Baden bei Wien geboren.

Reinhardt-Seminar
Dort spielt sie u.a. in „Peer Gynt“. Filme während des Studiums „Die Hummel“, „Wie man leben soll“ von David Schalko. 2011 ist Reinsperger in „Harold and Maude“ (VT Wien) zu sehen.

Düsseldorf
„Medea“ (Grillparzer), Eve in Kleists „Der zerbrochne Krug“, Nora am Düsseldorfer Schauspielhaus: Diese Produktion kombiniert Ibsen mit Elfriede Jelinek („Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte“).

Braunschlag
In der ORF-TV-Kultserie von David Schalko spielt Reinsperger die Polizistin.

Burgtheater
„Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz („Einige Nachrichten an das All“) mit Reinsperger, Premiere: 6. 9. im Akademietheater.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2014)

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