Laura P. Spinadel: "Objekte ergeben noch keine Stadt"

Die auslandsösterreichische Architektin und Städtebauerin Laura P. Spinadel plant ganzheitlich. Mit dem Masterplan der WU in Wien ist zuletzt ein urbanes Vorzeigeprojekt geglückt.

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Campus WU – Die Presse

Sie sind oft auf Reisen, sehen viele Orte. Lassen sich in einer zunehmend verbauten Welt denn noch besondere Plätze finden?

Laura P. Spinadel: Wenige Orte sind noch wirklich authentisch. Es ist nicht wichtig, ob sie von Architekten gestaltet worden oder wann sie entstanden sind. Entscheidend ist vielmehr die Atmosphäre, die durch eine einzigartige Kultur und Haltung entsteht. Im Laufe der Geschichte wurde vieles zerstört, aber langsam entstehen gewisse Orte wieder, bei denen diese Alchimie funktioniert, das Museumsquartier oder der Campus WU sind solche Beispiele. Und dann gibt es wiederum Orte, an denen dies nicht gelingt.

 

An atmosphärefreien Orten ist selbst eine Stadt wie Wien nicht arm. Woran liegt das?

In Wien entstehen sehr viele Objekte, aber sehr wenige gesellschaftsbildende Räume. Ein Raum wird natürlich von Objekten gestaltet und begrenzt, aber nur durch Objekte lässt sich keine Gesellschaft gestalten und Stadt bauen. Der Architektur kann sich niemand entziehen, denn sie besetzt und kontrolliert den öffentlichen Raum. Ich glaube daher, dass es unsere Aufgabe ist, den öffentlichen Raum ernst zu nehmen. Es geht nicht darum, bloß Objekte zu sanieren oder neu zu bauen, sondern im Kontext zu arbeiten.

 

Wie erkennen Sie die Besonderheit eines Raumes und seines Umfelds?

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit altem, vergessenem Wissen, denn ich will lernen, bewusster mit Materie, Licht und Leben umzugehen. Durch die Inquisition oder die Nazi-Zeit gingen schließlich viele Erkenntnisse verloren. Plötzlich entdeckte man im Westen Feng-Shui und tat so, als wäre das die absolute Wahrheit. Aber heißt bei uns Westen und Osten nicht ganz etwas anderes? Ich versuche, die Ursprünge der westlichen Kultur zu ergründen, und beschäftige mich auch mit Geomantie: Im alten Rom und im frühen Mittelalter beispielsweise ist jeder Kirchenbau oder jede Pilgerroute einer energetischen Weltanschauung gefolgt.

 

Dieser Zugang hat im Diskurs über moderne Architektur und Städtebau wenig Platz...

Es ist schwierig, dazu die richtige Literatur zu finden. Man weiß aber, dass einige Architekten an Esoterik im Sinne eines feinstofflichen Wissens interessiert waren, Peter Behrens etwa. Ich war vor Kurzem in Jerusalem, um dort einen Vortrag zu halten, und habe dort den Schrein des Buches gesehen. Ich glaube, dass Friedrich Kiesler ganz genau über Geomantie informiert war, sonst hätte er diesen einzigartigen Bewahrungsort für die alten Schriften nicht schaffen können.

 

Welche Sprache braucht Architektur denn?

Ich finde es nicht okay, dass Architekten sich bewusst mit einer fachlichen Aura der Unverständlichkeit umgeben. Oder dass Renderings eine derart täuschende Vision der Realität zeigen. Kein Projekt von Zaha Hadid sieht in Wirklichkeit so aus. Mit extremsten Verzerrungen wird oft versucht, eine gewisse Dynamik und eine bestimmte Sprache zu vermitteln. Wenn ein Objekt allein steht, habe ich damit noch kein Problem. Aber bei mehreren muss man darauf achten, wie die einzelnen Objekte zueinander stehen. Zudem kann es der Architektur nicht schaden, dass diejenigen, die über Projekte entscheiden, mündig gemacht werden. Dazu müssen wir die Diskussion demokratisieren, das heißt, einem Nutzer oder Investor die Möglichkeit geben, selbst aktiv zu werden und Architektur zu verstehen. Dadurch lernt er zu erkennen, ob etwa die Proportionen eines Raumes gut sind oder nicht.

 

Meist hat man aber den Eindruck, dass Auftraggeber mehr an Renditen und weniger an Proportionen interessiert sind.

Wir sind selbst schuld daran, denn wir sind oft autistisch – Architekten und Städtebauer müssen wieder eine Brücke schlagen. Wir hatten zum Beispiel ein großes Projekt in Wien und beschlossen, den Auftraggebern keinen Plan zu zeigen, sondern ihnen drei extreme Stadtmodelle spielerisch mit Animationen zu vermitteln. Es gab ein konservatives, ein mittelkonservatives und ein gewagtes. Sie haben sich für das gewagte entschieden. Als wir fragten, ob ihnen klar sei, worauf sie sich einließen, standen alle hinter der Entscheidung, denn sie meinten, der Mut würde auch dem Investment Erfolg bringen. Ich habe kein Problem damit, wenn man partnerschaftlich zu dem Punkt kommt, an dem Investoren ihr Geld verdienen und wir zugleich einen Mehrwert für die Gesellschaft und die Umwelt schaffen können. Das Miteinander ist wichtig. Leider reden bei vielen Großprojekten oft nur mehr die Anwälte miteinander.

 

Als Architektin und Städtebauerin planen Sie mit BUS große Projekte. Und mit BOA, dem Büro für offensive Aleatorik, begleiten Sie Projekte, indem Sie kreativ vermitteln. Kommen Sie sich dabei nicht ins Gehege?

Ich habe damit schon die skurrilsten Situationen erlebt. Zuerst ist man als Architekt ein Freund, sobald die Umwidmung da ist, wird man zum Feind. Ist erst der Plan eingereicht, braucht man uns noch weniger. Und wenn der Bau startet, wird man zum Problem.

 

Weil Architekten alles konsequent durchziehen möchten, während Auftraggeber längst auf dem Kompromissweg sind...

Genau. Es gab viele Projekte, die wir als BUSarchitekten geplant hatten und dann entsorgt wurden, zugleich aber als BOA eingeladen wurden, um die Kommunikation, die Partizipation und die Mediation mit Bevölkerung und Politikern zu übernehmen. In dieser Rolle wurden wir immer geliebt.

 

Mehrere Rollen sind kein Problem für Sie?

Überhaupt nicht, ich mag Herausforderungen. Beim Campus WU verfolgte ich in sieben verschiedenen Rollen ein Ziel: eine Architektur, die gesellschaftsbildend ist und ihre Umwelt aufwertet. Um solche komplexen Projekte zu realisieren, braucht es einen holistischen Ansatz. Man muss die Gesellschaft als Partner sehen, Verantwortung übernehmen und den Dialog immer weiterführen. Mit dem Projekt der neuen WU wollte man 2008 etwas Unmögliches – eine Art Kathedrale. Aber alle waren davon überzeugt, dass diese Kathedrale allein keine Wirtschaftsuniversität ausmacht, sondern dass es weitaus mehr braucht, um einen besonderen Ort zu schaffen. Einen Ort, an dem vielleicht eine Alternative zum Turbokapitalismus entsteht. Einen Ort für eine neue Generation von Wirtschaftlern, einen Ort für einen Paradigmenwechsel.

 

Zumindest wurde aus dem Campus WU ein städtebauliches Vorzeigebeispiel.

Als Masterplanerin habe ich darauf hingearbeitet, dass wirklich jeder dieses Neuland positiv erlebt. Bis zur Eröffnung am 4. Oktober 2013 war dies ein langer Prozess mit immer mehr Akteuren, aber zum Glück haben die BIG und die WU das verstanden. Hier haben sich die richtigen Stellen für einen integralen Auftrag getroffen. Und man war auch bereit, für den öffentlichen Raum Geld auszugeben. Dieses 70.000 Quadratmeter große Baufeld wurde genauso wie ein Gebäude behandelt. Wie eine Straße zum Spielen.

 

Wie komplex sind solche Masterpläne?

Für die WU haben wir zehn Themen erarbeitet, von der Sicherheit bis zum Lebenszyklus. Zudem entwickelten wir Konfiguratoren, die allen Beteiligten helfen sollen, räumliche Qualitäten besser beurteilen zu können. Begleitend haben wir Filme und alle Kommunikationsmittel von der Homepage bis zum Bauzaun und danach die recycelten WU-Taschen gemacht. Ein Masterplan ist ganzheitlich, aber in der Praxis gibt es meistens nur Widmungen. Durch Widmungen allein entsteht jedoch keine richtige städtebauliche Struktur.

 

Braucht es eine solche Planung im Kleinen?

Im 22. Bezirk zum Beispiel haben wir das Wohnbonbon, eine Anlage mit kleineren und größeren Häusern, kommunenähnlichen und partizipativen Wohnmöglichkeiten entwickelt. Für das dazwischenliegende SWW, das Schutzgebiet Wald und Wiesen, haben wir geplant, dass gemeinschaftlich mit den Bewohnern ein Jugendhaus und kleine Gärten entstehen. Aber es war unmöglich, da die Fläche in unterschiedlichen Zuständigkeiten der Stadt Wien lag. Im Vorjahr war ich wieder dort, drei Jahre nach Fertigstellung, und traute meinen Augen nicht. Ich sah die Leute dort beim Tomatengießen und Beeteumgraben. Die Nachbarn haben mir gesagt: ,Das wurde uns auf der Homepage versprochen, und wir haben nicht lockergelassen.‘ Es war ein Samen, der aufging.

 

Wenn man größere Projekte umsetzt, kommt man als Architekt dann für kleinere Bauaufgaben noch infrage?

Wieso denn nicht? Wir sind nicht nur für ein Festessen da, wir essen auch gern Grießnockerlsuppe.

Steckbrief

Orte
Spinadel ist in Buenos Aires geboren und deutschsprachig aufgewachsen. Universitäre Lehre, Vorträge, Projekte und Beratungen bringen sie u. a. nach Spanien, Brasilien, Mexiko, Deutschland, Österreich, USA, Polen, Israel, Italien, demnächst nach Tansania.

Büros
1986 Gründung von BUSarchitektur,
2004 Gründung von BOA – Büro für offensive Aleatorik, beide in 1180 Wien

Projekte
Campus WU Wien, Masterplan
Wellness- und Freizeitzentrum Oberlaa, Masterplan
Star 22 in Stadlau, Masterplan und
Bürohaus
Wohnbonbon
Donaustadt.

Zahlreiche
internationale Auszeichnungen, Ausstellungen und Publikationen (Buchtipp zur WU
„Eine holistische Geschichte“).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2014)

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