Der Mann, der Mengele überlebte

Er war als Kind nach Auschwitz verschleppt und vom KZ-Arzt Josef Mengele gefoltert worden. Doch der Sinto Hugo Höllenreiner fand – trotz vieler Widerstände – ins Leben zurück.

FILE POLAND AUSCHWITZ SIGN ROBBERY TRIAL
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KZ Auschwitz – EPA

Es ist nicht mehr so einfach wie früher für Hugo Höllenreiner. Und doch versucht der 80-Jährige auch heuer wieder dabei zu sein. Er will kommende Woche an den schrecklichen Ort zurückkehren, an dem er als Kind so viel gelitten hat. Er will dort dem gedenken, was seinen Verwandten angetan wurde, seinen Freunden, den hunderttausenden Roma und Sinti, die während der NS-Herrschaft ermordet wurden.

Am 2. August findet so wie jedes Jahr im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau die Gedenkfeier für die Opfer des Genozids an den Roma und Sinti im Zweiten Weltkrieg statt. Und Hugo Höllenreiner hat in den vergangenen Jahren immer daran teilgenommen. Es sind sehr dunkle Erinnerungen, die bei ihm in Auschwitz wach werden. Erinnerungen an Hunger, Tod, Verzweiflung, an die Schmerzen, die ihm der KZ-Arzt Josef Mengele zugefügt hat. Höllenreiner ist einer wenigen, die die grausamen Menschenversuche Mengeles überlebt haben.

Doch er stellt sich diesen Erinnerungen. Mit viel Kraft hat er in den vergangenen Jahrzehnten von seinem Leben und den schrecklichen Erlebnissen in Auschwitz erzählt: in Schulen, bei Veranstaltungen und in einem neuen Film, den die Regisseurin Jovanka Gaspar soeben fertiggestellt hat.

Diese Kraft hatte er nicht immer. Sie fehlte im anfangs, als er als Bub nach seiner Befreiung aus dem KZ wieder versuchte, ein normales Leben zu beginnen. Die NS-Herrschaft in Deutschland war vorbei. Doch der kleine Hugo war für alle anderen nach wie vor der Außenseiter, der „Zigeuner“, mit dem man nichts zu tun haben wollte. „Wenn ich in der Schule aufgezeigt habe, hat mich die Lehrerin nicht dran genommen und gesagt, du weißt es ja sowieso nicht“, erinnert er sich heute. Und in der Pause wurde er von den anderen Buben beschimpft, angespuckt und geschlagen.

Hugo war größer und stärker als die anderen, doch er ließ sich alles gefallen. „Wehr dich doch, hat mir damals ein Freund gesagt“, erzählt Höllenreiner. „Ich hab' nur gesagt, es ist nicht so schlimm, ich will niemanden anderen schlagen. Doch das stimmte nicht: Ich hatte noch immer Angst.“

Hugo hatte Angst, sich zu wehren. Angst, es könnte dann alles noch viel schlimmer kommen, so wie damals im KZ, als er von den Wachmannschaften geschlagen wurde, als er den SS-Männern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war.

Löschkalk auf die Leichen. Hugo war neun Jahre alt, als er mit seiner Familie nach Auschwitz verschleppt wurde. Nun weil sie Sinti waren. Von da an wurde der Tod zum regelmäßigen Begleiter des Buben. „Die anderen Kinder und ich mussten die Toten aus den Baracken ziehen. Wir mussten Gruben ausheben, die Leichen hineinlegen und Löschkalk draufschütten.“ Der kleine Hugo hatte keine Schuhe und der Kalk zerfraß seine Füße. „Irgendwann hat man keinen Schauer mehr. Man denkt dann nur mehr an sich“, sagt Höllenreiner. „Man liegt in der Nacht in der Baracke neben den Toten.“ Und wenn die anderen sahen, dass die Leichen etwas fest mit ihren Händen umklammerten, brachen sie die Hände auf. Denn dort verbarg sich meist noch ein Stück Brot.

Eines Tages wurden Hugo und sein Bruder Manfred in den Krankenbau gebracht, zu Josef Mengele. Hugo Höllenreiner erinnert sich noch an seine Angst, daran, an einem Tisch festgeschnallt zu werden, seinen Kopf so fixiert, dass er nur seine Augen bewegen konnte. Mengele bohrte dem Buben ohne Narkose einen Metallstab in den Unterleib und bewegte ihn in seinem Körper. Hugo konnte danach erst langsam wieder gehen. Doch er überlebte.

"Ein gutes Vorbild". Die Folter durch Mengele, Hugo Höllenreiners Leben im KZ – all das hat der junge Musiker Adrian Gaspar – selbst Teil der Roma-Community – in die klassische Komposition „Symphonia Romani – Bari Duk“ verarbeitet. In Gaspars Komposition übernimmt ein Solist die Rolle des KZ-Überlebenden, singt die Worte, mit denen Höllenreiner berichtet hat, was ihm widerfahren ist. Und Adrians Mutter Jovanka Gaspar hat soeben die neubearbeitete Version ihres Films „Dui Rroma“ herausgebracht, in dem sie das Leben Höllenreiners erzählt.

„Ich wollte auch zeigen, dass Hugo trotz allem, was er erlebt hat, keinen Hass hat. Er hat alles verarbeitet und danach noch etwas aus seinem Leben gemacht“, sagt Jovanka Gaspar. „Er ist ein gutes Vorbild für junge Roma. Dafür, dass man nicht so schnell aufgeben soll.“ Hugo Höllenreiner wurde in den Jahren nach dem Krieg zu einem erfolgreichen Geschäftsmann – ganz in der Tradition seiner Familie.

Seit 700 Jahren in Deutschland. Schon sein Vater war wohlhabend gewesen und hatte in München ein Fuhrunternehmen betrieben. „Unsere Familie ist seit 700 Jahren in Deutschland ansässig. Uns wurde 1438 sogar ein eigenes Wappen verliehen“, erzählt Hugo. Sein Vater hatte im Ersten Weltkrieg als Soldat für das Deutsche Kaiserreich gekämpft. Die Nationalsozialisten interessierte das später jedoch nicht. 1941 wurde Hugos Vater zwar zunächst wieder zur Luftwaffe eingezogen. Doch 1943 wurde die Sinti-Familie nach Auschwitz deportiert.

Als die Höllreiners aus dem KZ zurückkamen, war nichts mehr da vom einstigen Fuhrunternehmen. In ihrem Haus wohnten andere, doch Hugos Vater warf sie hinaus. Er ließ sich nicht unterkriegen – ebenso wenig wie sein Sohn. Eines Tages nahm Hugo seinen ganzen Mut zusammen und schlug zurück, als ihn die anderen Buben in der Schule attackierten. Danach wagte es niemand mehr, ihn anzurühren. Heute hat Hugo Höllenreiner keine Angst mehr, wenn er nach Auschwitz zurückkehrt, um den Opfern zu gedenken, an jenem Ort, an dem er so gelitten hat.

ZUR PERSON

Hugo Höllenreinerwurde am 15. September 1933 als Sohn eines bayerischen Fuhrunternehmers geboren. Weil die Familie der Volksgruppe der Sinti angehört, wird sie 1943 ins KZ Auschwitz deportiert. Der kleine Hugo wird dort Opfer der Versuche des berüchtigten KZ-Arztes Josef Mengele, die er jedoch überlebt.

Am 2. August wird weltweit der Ermordung hunderttausender Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten gedacht. Im ehemaligen KZ Auschwitz findet eine Gedenkfeier statt. Am 2. August 1944 war der Großteil der noch im Lager verbliebenen Sinti und Roma in die Gaskammern gebracht und ermordet worden.

Die Regisseurin Jovanka Gaspar, die zur Roma-Community in Österreich gehört, hat soeben die Neubearbeitung ihres Films „Dui Rroma“(zwei Roma) fertiggestellt, der vom Leben Hugo Höllenreiners erzählt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2014)

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