Heinz Sobota: "Das Böse wohnt im Menschen"

Heinz Sobota wollte mit 16 seinem Vater den Schädel einschlagen. Das löste eine Abwärtsspirale in die Kriminalität aus. Lange pendelte er zwischen Gefängnis und Rotlichtmilieu.en.

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1974 haben Sie den internationalen Bestseller „Der Minus-Mann“ geschrieben. Wie waren die Umstände?

Heinz Sobota: Horribel. Ich wurde wegen eines Verkehrsunfalls und Waffenbesitzes in das Zentralgefängnis von Marseille eingeliefert. Nach einer Woche fiel mir ein, dass ich eine Schreibmaschine im Gepäck hatte. Ich beantragte, schreiben zu dürfen. Mir wurden die Schreibmaschine und 100 Din-A-4-Seiten Papier genehmigt. Auf diesen 100 Seiten hab ich innerhalb von neun Wochen das Manuskript mit jeweils 3700 Anschlägen pro Seite fertiggestellt. Mehr Papier gab es nicht.

 

Nach drei Monaten wurden Sie entlassen. Was passierte dann?

Ich suchte einen Verleger, bekam aber mein Konvolut mit der Meldung „ist nicht publizierbar“ zurück. Es gab zwei Versuche von Peter Michael Lingens und Helmut Gansterer, das Buch bei Verlagen zu platzieren. Das missglückte. Ich dachte mir, wenn es niemand druckt, dann war es eine gute Fingerübung. 1977 funktionierte es dann doch. Kiepenheuer & Witsch hat es 1978 produziert. Jetzt sind wir bei der 37. Auflage. Das Buch ist sogar ins Japanische übersetzt worden.

 

Wie ist es überhaupt so weit gekommen, dass Sie ins Kriminal abgerutscht sind?

Eigentlich bin ich solide aufgewachsen. Das Problem war nur, dass wir pausenlos umgezogen sind. Meine Mutter hat bis zu meinem sechsten Lebensjahr allein in Graz gelebt. Mein Vater saß wegen Kriegsverbrechen ein und sie hat ihn mit Lebensmitteln versorgt. Nach seiner Entlassung zogen wir nach Windischgarsten. Nach kurzer Zeit kam ich zu Onkel und Tante nach Bad Sauerbrunn und mit zehn Jahren ins Internat. Zwei Jahre später haben sie mich rausgeschmissen. Schon mit zwölf habe ich einen idiotischen Raubüberfall im Wald auf zwei Touristen gemacht. Dann ging es Richtung Erziehungsheim und Jugendgefängnis. Ab da drehte sich das Karussell.

 

Haben Sie im Gefängnis viel gelesen?

Mit 16 Jahren versuchte ich, meinem Vater den Schädel einzuschlagen. Daraufhin kam ich ein Jahr lang in Isolationshaft. Gelesen habe ich immer gerne, weil ich schon als Kind ein Einzelgänger war. Damals hab ich am liebsten historische Bücher verschlungen.

 

Was noch?

Man musste aufpassen, was man bestellte. Wenn man die Gesamtausgabe von Wilhelm Reich wollte, dann fiel man auf. Also las man Hemingway und Pasternak, aber auch Alexander Solschenizyn.

 

Was hat die Einzelhaft in Ihnen bewirkt?

Einzelhaft ist eine Situation, in der man mit sich und der Zeit konfrontiert ist. Man entwickelt dabei Panik. Ich habe für mich Systeme entwickelt, die mich beruhigt haben. Liegestütze, Onanieren, Rezitieren von Gedichten, die ich noch von der Schule kannte. Dadurch gewann ich innere Ruhe und eine gewisse Souveränität.

 

War die Isolation im Gefängnis die Basis Ihrer späteren Zuhälterkarriere?

Ja. Ich war sehr jung in der Strafanstalt Stein. Durch meine Hausarbeitertätigkeit hab ich mir eine gewisse Reputation verschaffen können. Daraus entstanden Bekanntschaften. Diese losen Freundschaften transportierten sich auch ins Danach. Als sich die Gefängnistüre öffnete, standen links meine Mutter, rechts drei Strizzis.

Wie sind Sie die Sache angegangen?

Ich hab mir ein Mädel gesucht und die übliche Drucksituation hergestellt. Das hat funktioniert. Sie ist auf der Kärntner Straße anschaffen gegangen. Ich hatte nie mehr als drei Frauen auf einmal laufen. Und insgesamt vielleicht zehn.

 

„Der Minus-Mann“ erzählt höchst brutal aus dem Leben eines Zuhälters.

Als es veröffentlicht wurde, gab es keine Zeitung zwischen Schleswig-Holstein und Meran, die sich dieses Buches nicht annahm. Wahrscheinlich gab es sogar eine Besprechung im „Gurktaler Diözesanboten“. Im ZDF hat Reinhard Hoffmeister, der Vorgänger von Reich-Ranicki, mit Schaum vor dem Mund in blauem Scheinwerferlicht stehend gesagt: „So etwas Scheußliches hab ich noch nie gelesen.“ Am nächsten Tag war der „Minus-Mann“ ausverkauft.

 

Wie autobiografisch ist die im Buch geschilderte Gefühlskälte des Protagonisten?

Schon ziemlich. Ich musste das Buch als Romanbericht tarnen. Dass ich mit dem Protagonisten, also mir selbst, sympathisiert habe, man möge es mir verzeihen. Aber ich konnte mich unmöglich auf jeder fünften Seite hinrichten. Rechtfertigen wollte ich mich nie. Man kann nicht ein Arsch sein und jeden Tag sagen, es tut mir so leid.

 

War Sex für Sie immer nur ein Mittel, Macht zu erlangen?

Eigentlich ja. Wenn du jemandem eine in die Goschen haust, spürst du die Resonanz nicht in den Fingerknöcheln sondern am Schwanz. Aggression ist eng mit der Sexualität verbunden. Schmerz und Lust sind zwei Seiten einer Medaille.

 

Ist das Verhältnis zwischen Prostituierter und Zuhälter dialektisch oder eine Art Einbahnstraße?

Zu meiner Zeit glich es eher einer Einbahnstraße. Aber es gab schon so etwas wie emotional-soziale Komponenten. Wenn sie etwa krank war, ist der Strizzi einbrechen gegangen.

 

Haben Sie in jenen Jahren jegliches Unrechtsbewusstsein weggeschoben?

Mein Leben teilt sich in zwei Kapitel. In den Jahren unter Drogen und Alkohol war es sicherlich sehr verkümmert. Seit 1991 bin ich abstinent. Lange Zeit hatte ich überhaupt keine Schuldgefühle. Ich dachte deshalb, ich wäre ein Soziopath. Aber wenn man beginnt, Menschen zuzulassen, die einem näherkommen, dann beginnen sie, die Schuldgefühle. Und wenn man vor sich selbst zugibt, dass man ein Loser ist, hat man den größten Schritt getan.

 

Kann eine Gefängnisstrafe etwas Positives bewirken?

Vielleicht heute, damals nicht. Da ging es schlicht darum, die Fähigkeiten des aggressiven Täters zu minimieren. Leute, die große Namen als Zuhälter, Spieler und Räuber hatten, ich hab sie alle in der Isolation als weinende Kinder erlebt. Viele sind im Gefängnis gnadenlos zerbrochen.

 

Ist Ihr großes Aggressionspotenzial nach dem Alkoholentzug einfach verpufft?

Nur keinen Alkohol mehr zu trinken half schon viel. Aber das Nicht-mehr-Hinschlagen ist für mich immer noch ein Lernprozess. Ich glaube, dass auch Psychopathen in sich ein Warnsignal hören, aber in Verbindung mit Alkohol und Drogen einfach nicht drauf hören. Auch der Gruppendruck im Rotlichtmilieu lässt ein Nachlassen nicht zu. Schwäche funktioniert dort nicht. Auch die Frauen verzeihen sie nicht. Wenn du ihr nicht regelmäßig auf die Goschen haust, dann fragt die sich, ob du nicht mehr auf sie stehst.

Wie schlimm war der Alkoholentzug?

Es war wie ein Fußmarsch durch die Sahara. Aber ohne Almdudler. Du brauchst ein Jahr, bis du dein Kurzzeitgedächtnis wieder auf Trab gebracht hast, zwei Jahre, bis deine Kritikfähigkeit funktioniert, und du brauchst drei Jahre, bis du wieder mit deiner Frau schlafen kannst. Du bist jenseits aller Realität.

 

Dem Dichter und Häfenbruder Jean Genet galt das Verbrechen als Rache an der Gesellschaft. War es das auch für Sie?

Genet war ein Genie. Sartre hat ihn geliebt. Für mich war es aber ein wenig anders. Meine Taten spiegelten eine aggressive Hilflosigkeit wider. Ich konnte nicht damit umgehen, dass mich meine Mutter gegen meinen Vater instrumentalisierte. Irgendwann sage ich zu ihr: „Hör auf, es mit mir gut zu meinen. Ich überleb' das nicht.“

 

Bei den Intellektuellen war es in den Siebzigerjahren schick, wenigstens einen beinharten Kriminellen zu kennen. Wie haben Sie das erlebt?

Für mich haben sich nicht so viele interessiert. Der Jack Unterweger war da viel beliebter. Ich hatte gute Kontakte zu Journalisten wie Lingens, Nenning und Gansterer. Das war schon alles.

 

Nach dem Theologen und Philosophen Augustinus kommt das Böse mit der Freiheit in die Welt. Der Mensch kann sich zum Bösen verhalten. Andere glauben, dass das Böse dem Menschen wesensimmanent ist. Wie sehen Sie die Problematik?

Ich bin kein Illusionist. Das Böse wohnt im Menschen. Ich versuche weder aus der Literatur, noch aus meinem Prozess der Läuterung Beweis zu führen, dass der Mensch im Grunde gut ist. Erziehung beeinflusst extrem. Familie ist ein Kampfplatz. Das weiß ich jetzt.

Steckbrief

1944
Heinz Sobota wird im Burgenland geboren. Bereits als Jugendlicher wird er kriminell und zu einer Jugendstrafe verurteilt. Später wird er Zuhälter in Wien.

Während einer Haftstrafe im Gefängnis in Marseille schreibt er das Buch „Der Minus-Mann“. Zunächst kann er keinen Verlag finden, 1978 publiziert dann Kiepenheuer & Witsch das Buch. Nun ist die Publikation in der 37. Auflage.

 

Herr Sobota, darf man Sie auch fragen . . .


1 . . . ob der Zuhälter die Prostituierte(n) als Eigentum ansieht?


Ja, schon. Alles andere wäre absurd.


2 . . . ob Ihr Schwiegervater begeistert von Ihnen war?

Der ist Universitätsprofessor und hat sofort zu seiner Tochter gesagt: Wenn du glaubst, er ist es, dann ist er es. Später meinte er zu mir, dass ich das repräsentiere, was er in seinen tiefsten Abgründen ersehnt hätte.


3 . . . ob Sie Angebote von masochistischen Frauen bekamen?

Unzählige. In meinen Lesungen saßen auch Damen mit großen Handtaschen, die Sado-Utensilien enthielten. Ich glaube, Masochismus bietet größere Freiheitsmöglichkeiten als Sadismus.


4 . . . ob Sie die kriminelle Sphäre als eine Art Gegenkultur aufgefasst haben?


Nein, das sicher nicht. Aber es gibt auch dort Menschen mit Charakter. Wenngleich man deren Verhalten auch nicht nach den Maßstäben der Political Correctness messen kann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2014)

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