M. Christian Ortner: "Es geht nicht um Hurra-Patriotismus"

Der Militärhistoriker M. Christian Ortner erklärt im Interview, warum sein Heeresgeschichtliches Museum "kein Streichelzoo" und Österreich "kein nationaler Begriff" sei.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Sie sind Militärhistoriker, Museumsdirektor. Glauben Sie, dass der Österreicher mit der Geschichte im Reinen ist?

M. Christian Ortner: Nein.


Und warum nicht?

Da müssten Sie einen Psychologen fragen. Ich glaube aber, der Österreicher neigt manchmal dazu, sich einzelne Elemente aus der Geschichte herauszunehmen und sich dann ganz kapriziert darauf zu werfen. Bei den Verklärern gibt's dann nur die von Romy Schneider geprägte Sisi und den Franz Joseph, die in eitler Wonne durch die Zeit leben. Und bei anderen gibt es nur Ausbeutergesetze und Kapitalismus. Die Geschichte ist aber ein Entwicklungsstrang. Alles fügt sich ineinander.


Gibt es irgendwelche Wesenszüge des Österreichers, die Sie aus der Kaiserzeit ableiten, die Obrigkeitshörigkeit zum Beispiel?

Ich merke es zwar nicht mehr so oft, aber die supranationale Ausrichtung der Monarchie, die Vielvölkertradition, hat doch Spuren hinterlassen. Der Österreicher ist meiner Meinung nach ein sehr offener Mensch, auch was das Erlernen anderer Sprachen betrifft. Österreich ist ja kein nationaler Begriff, sondern ein integrativer. Das ist ein gutes Erbe der alten Monarchie. Ich finde, diesen integrativen Österreich-Begriff sollte die Politik auch stärker betreiben. Zugleich mag es der Österreicher aber nicht, wenn man sich nicht an die Regeln hält, weil sie für alle gelten und ein Zusammenleben erst ermöglichen.


Den Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums (HGM) stellt man sich klischeehaft etwas älter vor. Sie sind erst 45 Jahre alt, wurden bereits mit 37 Direktor. Wie wurde das unter Historikerkollegen aufgenommen?

Natürlich hat das Erstaunen ausgelöst. Ich galt als „Freshling“. Aber ich sage dann immer: Prinz Eugen, dessen militärische Erfolge die Habsburger zur Großmacht aufstiegen ließen, war mit 30 schon Feldmarschall. Und Radetzky hatte seine größten Siege mit über 80. Das Alter sollte also nicht entscheidend sein. Und ich habe die Hierarchie hier von der Pike auf gelernt – vom unentgeltlichen Praktikanten in der Studienzeit bis nun zum Direktor.


Sie sind nicht nur Militärhistoriker, sondern auch Bundesheer-Offizier in der Miliz. Hört man da den Vorwurf, ein Militarist zu sein?

Ja, den hört man. Aber sich mit einer Materie zu beschäftigen heißt doch nicht, dass man in jedem Bereich ein Liebhaber davon ist. Ich finde das interessant: Wenn man heute sagt, dass man sich militärhistorisch mit dem Dreißigjährigen Krieg beschäftigt, wird das akzeptiert. Sagt man aber, dass man sich mit den beiden Weltkriegen beschäftigt, wird man schief angesehen und das, obwohl prozentuell betrachtet der Dreißigjährige Krieg noch blutiger war. Deshalb gibt es uns Militärhistoriker, deshalb müssen wir aufklären. Militärgeschichte bedeutet nicht mehr Hurra-Patriotismus. Es gibt einfach viele unbeackerte Felder. Und die sollte man nicht nur Nichtwissenschaftlern überlassen.


Wann hat das angefangen, dass Sie sich für Militärgeschichte, für Uniformen und Rangordnungen, interessieren?

In der Schule. Wir hatten einen Lehrer, der den Zeitraum 1914 bis 1945 ausgeklammert hat. Ich hab mir gedacht: Was ist das Problem? Warum redet er nicht darüber? Ich weiß es bis heute nicht. In unserer Klasse gab es dann jedenfalls eine Art Petition, dass wir etwas über die Zeit hören wollen. Und der Lehrer meinte, wenn, dann müssten wir selbst Referate über die Zeit halten. Es waren natürlich nicht alle begeistert in der Klasse. Ich habe gleich mehrere Referate übernommen.


Sie haben danach beim Bundesheer ein Freiwilligenjahr eingelegt. Was war der Grund?

Erstens wollte ich der Gesellschaft etwas zurückgeben, weil ich wusste, dass ich studieren werde. Und mir war bereits klar, dass mich Militärgeschichte interessiert. Für meine spätere Arbeit war das Einjährig-Freiwilligen-Jahr beim Bundesheer dann auch sehr hilfreich. Wenn man zum Beispiel in einem Buch liest, dass „die Front um 100 Kilometer zurückgenommen werden musste“: Wer das nie marschiert ist, weiß gar nicht, ob das hart ist oder nicht.


Zum Bundesheer hört man aktuell Kassandrarufe. Wird das Heer kaputtgespart?

Die österreichischen Streitkräfte hatten immer wenig Geld. Das ist wie ein roter Faden. Aber sie hatten auch immer Durchhaltevermögen und Improvisationstalent. Ich bin zuversichtlich, dass sich das auch diesmal lösen lässt.


Die Ausstellung im HGM zum Ersten Weltkrieg läuft gut. Christopher Clarks Buch „Die Schlafwandler“ über die Ursache des Ersten Weltkriegs ist ein Kassenschlager. Steckt dahinter auch das Bedürfnis nach einem historischen Freispruch von der Kriegsschuld?

Vielleicht spielt es eine Rolle, dass man in Clarks Buch die durchaus nicht nur positiven Akzente andere Staaten lesen kann. Das wurde lange unter den Teppich gekehrt. Clarks große Leistung ist es, zum ersten Mal die unterschiedlichen nationalen Perspektiven zu vereinen. Aber das Buch ist keine Gute-Nacht-Lektüre, man braucht viel Vorwissen.


Wer trägt die Hauptschuld an dem Krieg?

Das ist die falsche Frage. Es geht doch darum: Wie kommt es, dass ein sehr friedliches Europa einige Krisen meistern konnte – wie in den Jahren 1905/6, 1908, 1911 – aber diese nicht? Dahinter steht das Versagen des europäischen Systems. Deshalb betrachte ich den Ersten Weltkrieg als das tatsächliche Ende des 19. Jahrhunderts.


In der Ukraine-Krise werden ständig historische Vergleiche gezogen. Wiederholt sich die Geschichte – und wenn ja, welche?

Was mir generell ein bisschen wehtut, ist der Missbrauch der Geschichte auch durch Politiker, um etwas zu untermauern, zu beweisen oder zu widerlegen. Das hat die Geschichtswissenschaft nicht verdient. Denn die Geschichte wiederholt sich nicht, es wiederholen sich aber Entwicklungsstränge. Wie bei der Juli-Krise 1914 gelingt in der Ukraine keine Lokalisierung des Konflikts. Der ursprüngliche Auslöser, eine innenpolitische Krise, der Machtwechsel in Kiew, verpufft. Plötzlich wird der Konflikt internationalisiert. Und je mehr Player, desto komplizierter wird es, zu einer Verhandlungslösung zu kommen.

In der HGM-Ausstellung zum Ersten Weltkrieg sind viele Waffen zu sehen. Es wird aber kaum gezeigt, was diese Waffen anrichten. Ist das pädagogisch sinnvoll?

Es ist immer eine Gratwanderung. Ein Heeresgeschichtliches Museum ist kein Streichelzoo. Wir haben uns aber sehr genau überlegt, ob wir die Waffenwirkung, also etwa verstümmelte Kriegsopfer, zeigen sollen. Wir lernten dabei aus der Erfahrung englischer Kollegen, dass dieses „Effekthaschende“ sehr kontraproduktiv sein kann. Sie stellten etwa den Stellungskrieg an der Somme nach. Für einige Besucher war das beklemmend und bedrückend, für kleine Kinder aber total verstörend, sie weinten. Und Teenager hatten eine Riesenhetz.

Aber was ist die Alternative?

Die meisten Jugendlichen kommen in der Gruppe zu uns und werden fachdidaktisch durch die Ausstellung geführt. Eltern, die allein mit ihrem Kind kommen, drücken wir ein speziell konzipiertes Begleitheft in die Hand, damit das Kind an die richtigen Stellen in der Ausstellung geführt wird. Ich denke, das ist auch ein Grund für unseren Erfolg: Wir passen die Vermittlung sehr stark den Besuchergruppen an.


Auch wenn es für Ihr Haus womöglich eine Konkurrenz wäre: Finden Sie es nicht merkwürdig, dass es ein Heeresgeschichtliches Museum gibt, aber noch immer kein Haus der Geschichte, das Österreichs Vergangenheit ganzheitlich abbildet?

Man darf nicht vergessen: Wir haben neun Häuser der Geschichte, nämlich die Landesmuseen. Ein Haus der Geschichte könnte natürlich sinnvoll sein, aber dafür müssten die Rahmenbedingungen geklärt werden. Welche inhaltliche Ausrichtung soll so ein Haus haben? Und welchen Standort – muss es Wien sein? Wie lassen sich Doppelgleisigkeiten zu bestehenden Museen vermeiden? Auf diese Fragen gibt es noch sehr unterschiedliche Antworten.


Verraten Sie zum Abschluss, was Ihr Lieblingsausstellungsstück im HGM ist?

Zurzeit ist es ein Bild von Roland Strasser mit dem Titel „Nach der Schlacht“. Es ist die beste Darstellung, um das Ende der alten schönen k.u.k. Monarchie zu zeigen. Kavalleristen, die an sich sehr prächtig uniformiert gewesen sind, sitzen auf einem matschigen Erdhaufen. Man sieht ein Fuhrwerk mit einem Leichenberg, davor liegen Stiefel herum, die man damals den Toten ausgezogen und weiterverwendet hat. Das ist es, was Krieg ist: Tod, Leid und Not. Von Prunk und Pracht ist gar nichts mehr. Dieses Bild emotionalisiert mich.

Herr Ortner, darf man Sie auch fragen . . .

1 . . . ob Sie mit Verteidigungsminister Gerald Klug besser auskommen als mit seinem Vorgänger, Norbert Darabos?
Es gibt keinen Unterschied. Mit Norbert Darabos war es vielleicht fachlich leichter, weil er Historiker war. Und jetzt ist es da vielleicht schwieriger, aber im Gegenzug organisatorisch leichter.

2 . . . warum Sie Ihren ersten Vornamen, Mario, mit M. abkürzen?
Ganz einfach: Mir gefällt er nicht.

3 . . . welchen Ausstellungsgegenstand Sie gern hätten, wenn Geld und Eigentumsrechte keine Rolle spielen würden?
Im Bereich über Militärgeistlichkeit gibt es eine ganz kleine Madonna, die in eine Patronenhülse hineingearbeitet ist. Das war der Talisman eines Soldaten. Und er hat den Krieg überlebt. Das Stück hätte ich gern.

 

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