Roberto Alagna: "Es ist schlecht, über jemanden zu urteilen"

Der Rücktritt von Franz Welser-Möst hat Startenor Roberto Alagna überrascht. Er ist derzeit als Don Carlos an der Wiener Staatsoper zu sehen.

(c) EPA (Manuel Bruque)

Vor einem Jahr haben Sie das letzte Mal an der Wiener Staatsoper gesungen. Seitdem hat sich an diesem Haus und auch in Ihrem Leben viel getan.

Roberto Alagna: Ja, wir haben ein Baby bekommen. Meine Tochter Malena ist jetzt sieben Monate alt. Gerade ist sie mit Alexandra (Anm.: Alagna ist mit der polnischen Sängerin Alexandra Kurzak liiert) in Warschau, morgen in London.


Wie ist es, nach so langer Zeit wieder Vater zu werden?

Es ist ganz anders als damals. Als vor 22 Jahren meine erste Tochter, Ornella, auf die Welt kam, war ich mir der Verantwortung sehr bewusst. Ich fühlte mich mit einem Schlag reifer und älter. Mit der Geburt meiner zweiten Tochter fühle ich mich hingegen plötzlich jünger. Die Zeit spielt allerdings für mich nun eine ganz andere Rolle. Als meine erste Tochter klein war, konnte ich nur wenig zu Hause sein, weil ich an meine Karriere denken musste. Jetzt ist das nicht mehr so. Meine Karriere habe ich schon gemacht. Jetzt ist es mir wichtig, Zeit für meine Familie zu haben.


Das stelle ich mir schwierig vor, wenn man sieht, wie voll Ihr Kalender in den nächsten Jahren ist.

Es ist schwierig. Ich werde das eine oder andere davon absagen müssen, sonst ist es unmöglich, meine Familie zu sehen.


Das klingt alles sehr stressig. Wie gehen Sie mit dem Druck um?

Ich spüre den Druck jetzt mehr. Früher war es meine größte Freude, mein ein und alles, auf der Bühne zu stehen, weil ich mich in meinem wirklichen Leben nicht wohlgefühlt habe. Die Bühne war eine Möglichkeit, meiner Realität zu entkommen. Heute will ich ihr nicht mehr entkommen, ich genieße sie. Jetzt denke ich mir manchmal: Um Gottes Willen, ich habe keine Zeit zum Lernen, zum Proben, jede Minute ist verplant. Und wenn ich eine Pause habe, passe ich auf meine Tochter auf. Ich bin schon 51 Jahre alt und hoffe, sie möglichst lange begleiten zu können.


Zu Saisonbeginn hat Franz Welser-Möst, der Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper, hier alle seine Funktionen zurückgelegt, er wird auch nicht dirigieren.

Ja, das habe ich mitbekommen. Ich war überrascht, aber ich finde, wir sollten über ihn nicht urteilen.


Beeinträchtigt Sie sein Rücktritt in irgendeiner Form?

Nein, für mich ist das egal. Ich habe nie einem Direktor gesagt, ich will dies oder das hier singen. Dominique Meyer ist ein guter Freund, aber auch ihn habe ich nie um eine Rolle gebeten. Dazu bin ich viel zu schüchtern, das ist nicht mein Stil. Man hat immer mir die Angebote gemacht.


Sie haben erst gesagt, man solle nicht urteilen. Das klang nach einem Prinzip.

Wissen Sie, über Leute zu sprechen und zu urteilen, ist falsch. Aber über Leute zu urteilen, die man nicht einmal kennt, das ist das Schlimmste. Sogar wenn man jemanden gut kennt, ist es dumm, über ihn zu urteilen. Besser ist es, ihm zuzuhören. Wir wissen doch nie, wie es in einem Menschen aussieht. Manchmal ist der äußere Eindruck nichts als eine Illusion.


Sie sind ein berühmter Opernsänger. Sie werden laufend beurteilt und kritisiert.

Ja, ich weiß. Wenn ich lese, was über mich geschrieben wird – und ich lese alles – erkenne ich mich nie, nie! Die Leute kreieren Geschichten über mich, die mit mir nichts zu tun haben.


Belasten Sie diese Geschichten?

Nein, ich lese sie und fühle mich danach stärker, obwohl ich befremdet bin, dass so viele Menschen so gemein sind. Wenn ich sehe, was da über mich geschrieben wird, denke ich mir, ich bin überhaupt kein guter Sänger. Vielleicht stimmt das ja auch.


Die vielen Angebote, die Sie bekommen, beweisen doch das Gegenteil. Wieso lesen Sie auch alles, was man über Sie schreibt?

Ich muss es tun, es ist wichtig. Ich muss wissen, was die Leute über mich denken, und zwar nicht nur jene, die mich lieben, auch die, die mich hassen. Ich glaube, ich bin der meist attackierte Sänger auf der Welt.


Glauben Sie wirklich?

Schauen Sie sich doch an, was damals an der Mailänder Scala passiert ist. Das war so unfair! (Anm.: 2006 verließ Alagna während der Aufführung aus Protest die Bühne, weil er vom Publikum mit Buhrufen und Pfiffen bedacht worden war. Seitdem hat er dort nicht mehr gesungen.)


Das ist schon acht Jahre her. Der neue Intendant der Scala, Alexander Pereira, wollte Sie nun wieder an das Haus zurückholen.

Ich werde nicht zurückkommen. Wieso sollte ich das tun? Ich sehe darin keine Herausforderung. Vor Kurzem war ich zehn Tage in Mailand und habe mir verschiedene Aufführungen angesehen. Die Atmosphäre da drinnen war bedrückend. An jedem Abend gab es Buhrufe, und zwar grundlos. Jetzt machen die Leute einen kleinen Skandal daraus, dass ich dort nicht singen will. Sie sagen, in Mailand seien schon viele Künstler ausgebuht worden, das sei normal. Das aber ist keine künstlerische Haltung für mich. Ich finde, es ist sehr aggressiv, mitten in einer Vorstellung zu buhen. Es ist ein Akt der Gewalt. Wenn jemandem etwas nicht gefällt, dann braucht er nicht zu applaudieren, er kann auch gehen und auch „Buh“ schreien – aber bitte erst zum Schluss.


Dieser Vorfall 2006 war ganz offensichtlich ein Trauma für Sie.

Ja, das war ein Trauma. An einem Tag gilt man noch als einer der besten Tenöre der Welt und im nächsten Moment wird man für die gesamte Opernwelt zum schlechtesten Sänger aller Zeiten, zum Staatsfeind Nummer eins. Jeder hat mich mit dem Gewehr erwartet. Ab diesem Zeitpunkt hatten fast alle an mir etwas auszusetzen. Glauben Sie mir, es ist sehr schwer, unter solchen Bedingungen zu singen.


Haben Sie sich jemals überlegt, damit aufzuhören?

Wenn ich nicht stark gewesen wäre, meine Karriere wäre heute zu Ende. Aber Singen ist meine Passion, ich habe immer gesungen, ich könnte mir nicht vorstellen, irgendetwas anderes zu tun. Das ist unmöglich. Und ich singe immer noch sehr gerne. Es ist aber nicht mehr das Wichtigste in meinem Leben. Jetzt ist die Zeit gekommen, auch ein bisschen an mich zu denken. Das habe ich nie getan, ich habe früher sogar gesungen, wenn ich krank war.


Das ist für die Stimme eines Sängers nicht ungefährlich.

Ja, das ist es, aber das ganze Leben ist gefährlich. Viele Sänger bleiben zu Hause, wenn sie krank sind. Ich finde, zu Hause kann man bleiben, wenn man tot ist.


Und wenn man keine Stimme mehr hat.

Sicher. Ich bevorzuge es aber, wenn man als Künstler auch an seine Grenzen geht und sogar über sie hinauskommt. Sonst ist man kein Künstler, sondern ein Buchhalter. Unser Beruf ist Risiko. Ich habe immer viel riskiert und viel mehr bekommen, als ich je erwartet hatte.


Was haben Sie denn erwartet?

Als mich meine Mutter einmal gefragt hat, wo ich denn singen will, habe ich gesagt: Ich will im Chor singen. Das war mein Ziel. Mittlerweile habe ich auf der ganzen Welt gesungen, Filme und CDs gemacht. Gerade habe ich den Othello, diese riesige Rolle, beim Festival am antiken Theater von Orange gesungen. Wissen Sie, wie das ist?


Nein.

Man will auf einen Berg gehen und am Ende steht man auf dem Gipfel des Mount Everest.


Wann werden Sie wieder herausfinden, wo Ihre Grenzen sind?

Bayreuth hat mich gefragt, ob ich 2018 Lohengrin mit Anna Netrebko singen will. Christian Thielemann wird dirigieren.


Das wird interessant. Haben Sie schon zugesagt?

Ja. Ich habe den Vertrag bereits unterschrieben. Das ist eine großartige Gelegenheit. Ich weiß nicht, wieso sie mir das Angebot gemacht haben. Ich habe damit gar nicht gerechnet, denn ich habe noch nie Wagner gesungen.


Haben Sie schon oft auf Deutsch gesungen?

Nein, aber Alexandra spricht die Sprache, sie wird mir helfen. Ich habe Bayreuth gesagt: Wenn ihr mir das zutraut, es mit mir versuchen und das Risiko eingehen wollt, dann trage ich es mit euch. Das ist eine Fusion, die mir sehr gefällt.

Herr Alagna, darf man Sie auch fragen . . .
1 . . . wie Sie Ihre kleine Tochter erziehen wollen?
So, wie mich meine Eltern erzogen haben: sehr frei. Ich bin auch nie für etwas, was ich gemacht habe, bestraft worden. Wozu auch? Man muss von Beginn an lernen, Verantwortung zu tragen. Ein Kind bemerkt ohnehin selbst, ob das, was es tut, gut oder schlecht ist.

2 . . . ob Sie die Mutter Ihres Kindes, Alexandra Kurzak, bald heiraten werden.
Ja, wir wollen heiraten. Die einzige Schwierigkeit bei den vielen Verpflichtungen ist, einen Zeitpunkt für die Hochzeit zu finden.

3 . . . warum die Figur des Cyrano de Bergerac für Sie so wichtig war?
Cyrano, das bin ich. Er hat einen Komplex wegen seiner langen Nase. Ich war auch nie zufrieden mit mir, mit meinem Körper, meiner Stimme. Aber Cyrano sagt: Mein Defekt bringt mich nicht um, ich will trotzdem bewundert werden. Eine wunderbare Philosophie.

 
Steckbrief

1963
wurde Roberto Alagna als Sohn italienischer Eltern in Paris geboren. Er studierte Gesang.
1988
gewann er in Philadelphia den ersten Preis des Internationalen Pavarotti-Wettbewerbs. Seit damals singt Alagna an allen großen Opernhäusern der Welt.
1996
heiratete er die rumänische Sopranistin Angela Gheorghiu, das Paar ließ sich letztes Jahr scheiden.
2006
kam es zu einem Eklat an der Mailänder Scala: Nach Buhrufen verließ Alagna während der Aufführung die Bühne, was ihm harsche Kritik einbrachte.
In Wien war Alagna unter anderem als Rodolfo, Alfredo und zuletzt als José in Bizets „Carmen“ zu sehen.
Derzeit singt er an der Staatsoper Don Carlos.

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