Ela Angerer: "Wir sollten viel geduldiger mit uns sein"

Die Autorin und Fotografin Ela Angerer erzählt in ihrem Debütroman "Bis ich 21 war" von einer wohlstandsverwahrlosten Kindheit in einem Vorarlberger Schloss. Einiges davon hat sie selbst erlebt.

Ela Angerer
Ela Angerer
Ela Angerer – (c) Heribert Corn/www.corn.at

Soeben ist Ihr erster Roman „Bis ich 21 war“ erschienen. War Ihnen bewusst, dass das Wörtchen „autobiografisch“ auf dem Klappentext Fragen beim Leser auslösen wird?

Ela Angerer: Das Buch ist in der Tonlage einer Halbwüchsigen geschrieben. Damit wird klar, dass nicht alles erfunden sein kann, aber es ist kein Tatsachenbericht. Mir ging es darum, dass wir alle so gut wie nie über das große Thema Kindheit sprechen. Freunde wollen wir damit nicht langweiligen, unsere Eltern wollen wir nicht kränken. Wenn wir darüber sprechen, dann sind es oft nur Allgemeinplätze und das, was von der Familie offiziell zur Wahrheit erklärt worden ist. Sobald Menschen über ihre Kindheit sprechen, fallen Sätze wie Kalendersprüche.

 

... und der Rest wird beim Psychotherapeuten verhandelt.

Wenn überhaupt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich ganz schön lange an seiner Kindheit abarbeitet. Bei mir hat es 50 Jahre gedauert.

 

Sie schildern eine Jugend im materiellen Überfluss, in einem Schloss in Vorarlberg mit viel Personal und noch mehr Foie-gras- und Kaviar-Vorräten im Keller. Sie schreiben von Drogenerfahrungen und sexuellen Abenteuern mit gleichaltrigen Männern und Frauen. Die Frage ist schrecklich platt, aber sie liegt auf der Hand: Was von all dem ist real, was erfunden?

Es ist ein Spiel mit Wahrheiten, die zu einem Kunstprodukt verdichtet werden. Es gibt einen inneren Kern, der entspricht einer Wahrheit, die ich kenne.

 

Sie erwähnen, wie lähmend es ist, wenn Menschen nichts mit ihrer Zeit anzufangen wissen. Kennen Sie diese Lebens-Fadesse?

Das kennen, glaube ich, viele, die so wie ich im Bürgertum groß geworden sind. Durch nicht vorhandene Geldsorgen entsteht auch ein großes Vakuum. Viele Menschen wollen darüber nicht nachdenken, wer oder was sie sind und sich lieber ablenken. Besonders für Kinder ist es schlimm, wenn ihnen keine Inhalte vorgelebt werden. Natürlich können die Eltern auch andere Inhalte für wichtig empfinden als man selbst. Das heißt nicht, dass die Eltern falsch oder böse sind, aber man muss sich zu ihnen verhalten, sich gegen sie positionieren, um ein eigenständiger Mensch zu werden.

 

Warum hat die Auseinandersetzung mit der Kindheit bei Ihnen so lange gedauert?

Auch ich war lange abgelenkt. Ich hatte einen erfüllten Beruf als Journalistin, habe ein Kind großgezogen. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass mich viele Geschichten aus meiner Kindheit begleiten, und wann immer Stille um mich herum ist, melden die sich. Dem wollte ich nachgehen. Ich war erstaunt, wie lange diese Stimme aus der Kindheit sich meldet.

 

Wie sind die Reaktionen auf das Buch?

Ich werde ganz oft gefragt, was meine Mutter zu dem Buch gesagt hat.

 

Und Sie antworten wie?

Ich sage wahrheitsgemäß: Ich weiß es nicht, weil ich nicht weiß, ob sie es schon gelesen hat. Meine Mutter ist eine sehr intelligente Frau, ich gehe davon aus, dass sie sich von sensationsgierigen Nachbarinnen und Freundinnen nicht verrückt machen lässt, sondern weiß, dass es sich um Literatur und keinen Tatsachenbericht handelt.

 

Wie ist das Verhältnis zu Ihrer Mutter?

Kompliziert, und es war auch nicht immer so gut wie es heute ist. Das hat auch mit mir zu tun, weil ich, um mich selber zu finden, auf Distanz zu meiner Mutter gehen musste. Sie ist eine sehr beeindruckende Person, ich musste aus ihrem Schatten treten. Es gehört zu den größten Tabus in unserer Gesellschaft, zu den Eltern und vor allem zur Mutter auf Distanz zu gehen. Ich habe viele Freunde, vor allem Frauen, die jammern, dass sie ihre Eltern treffen müssen. Die sind in meinem Alter und lassen sich bis heute von ihren Müttern terrorisieren. Nur wenige trauen sich zu hinterfragen, ob die eigene Mutter zum engsten Freundeskreis gehören muss.

 

Ist das in der nächsten Generation anders?

Mein Sohn ist da viel brutaler, aber ich fordere es auch nicht. Natürlich kann man sagen: Wenn nichts mehr gilt, was hält uns dann noch zusammen, außer die Familie? Ich gehöre eher zu den Menschen, die sich eine Wahlfamilie geschaffen haben. Ich arbeite mich mein ganzes Leben an der Familie ab, liebe meine Mutter aber natürlich. Wenn ich etwas geschafft habe in meinem Leben, dann, dass ich in meiner Familie die erste Frau bin, die für sich selbst sorgen kann. Unsere Mütter, die sich für die Familie entschieden haben, können das nicht verstehen, auch unsere Probleme nicht, weil sie denken: „Hättest halt einen g'scheiten Mann geheiratet und liebe Kinder bekommen.“

 

Was stimmt ist, dass Sie in Vorarlberg aufgewachsen sind. Wie hat Sie das geprägt?

Sehr. Aber es ist ein Unterschied, ob man als Kind von Vorarlbergern in Vorarlberg aufwächst oder – so wie ich – als Kind von zugereisten Wienern. Schon meine Eltern waren dort nicht sehr heimisch, und vielleicht war es deswegen auch für mich schwierig. Meine Theorie ist, dass aus den österreichischen Bergregionen die spannendsten Menschen kommen, weil die Landschaft die Menschen prägt. Die schroffen Berge rufen etwas in einem hervor. Da muss man schon eine Gegenkraft entwickeln, um dem standzuhalten. Nicht umsonst kommen so viele Künstler aus Vorarlberg.

 

Wann haben Sie Vorarlberg verlassen?

Mit 18 bin ich nach Wien gegangen. Die Schönheit der Landschaft war mir zu wenig. Ich war auf der Suche nach viel mehr Reibung.

 

Und wie war es dann in Wien?

Ehrlicherweise hatte ich am Anfang Angst, U-Bahn zu fahren. Aber sagen wir so: Ich bin sehr schnell heimisch geworden dank dem U4. Ich bin eine von denen, die dort viel Zeit verbracht hat. Da stand man neben Falco oder Helmut Lang am Rand der Tanzfläche und hatte das Gefühl, man ist jetzt bei etwas Wichtigem dabei.

 

Stichwort U4. Bis heute zählen Sie zu einer bestimmten Wiener Medien-Kulturblase rund um die Autoren Joachim Lottmann, Thomas Glavinic und Schauspieler Philipp Hochmair. Sehen Sie das auch so?

Ja. Das ist auch der Grund, warum ich zu den Leuten gehöre, die Wien wunderbar finden. Ich war eine Zeit lang viel in Berlin und bin draufgekommen, dass Wien etwas hat, was andere Städte nicht haben. Diese ernsthafte Literatur- und Theatertradition. Hier wird mit einer anderen Ernsthaftigkeit gelebt und über Kunst nachgedacht. In Berlin reicht es, dass man jeden Abend auf irgendeiner Vernissage aufkreuzt, es geht relativ wenig um Inhalte. Hier finde ich, zumindest in dem Umfeld, in dem ich mich bewege, muss man schon etwas zu sagen haben. Zudem sind alle Künstlerfreunde, die ich habe, extrem fleißig.

 

Sie begeistern vor allem männliche Künstler. Autor Joachim Lottmann schwärmt in seinen Büchern von Ihnen. Wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben? Sind Sie Muse?

Muse bin ich sicher nicht. Ich glaube, ich bin einfach eine Gesprächspartnerin, und es gibt Leute, die behaupten, dass ich auch eine sehr gute Freundin bin. Aber ich reflektiere stark auf andere und brauche den Austausch. Ich könnte nie allein auf einer Alm sitzen und ein Buch schreiben.

 

Wird es eine Fortsetzung der Geschichte über das Mädchen aus dem Schloss geben?

Ich bekomme sehr viel Post von Leuten, die mir schreiben, sie warten auf eine Fortsetzung. Aber es wäre zu einfach, wenn das nächste Buch den Arbeitstitel hätte: „Bis ich 42 war“. Ich habe schon ein neues Buch begonnen und natürlich fließen da auch wieder eigene Erfahrungen ein. Aber es wird überhaupt nichts mit meiner Biografie zu tun haben.

 

Was die Menschen zu interessieren scheint, ist, wie jemand mit so einer krassen Kindheit erwachsen wird?

Man wird nicht von einem Jahr zum anderen ein vernünftiger und ausgeglichener Mensch. Retrospektiv kann ich sagen, wir sollten alle viel geduldiger mit uns selber sein, auch mit anderen Menschen, denen wir dabei zusehen, wie sie Irrwege gehen. Mit einer so wie im Buch beschriebenen Kindheit braucht man länger als bis 22, bis man es auf die Reihe kriegt. Mein Glück war, dass ich im Beruf meinen Mann stehen musste als Journalistin. Das hat mein Leben geregelt. Ich bin eine Schulabrecherin. Im Internat habe ich kurz vor der Matura alles hingeschmissen. Ich war also jung und dumm. Später wollte ich allen beweisen, dass ich verlässlich bin und Leistung erbringen kann. Vielleicht ist man mit einer komplizierten Kindheit sehr leistungsorientiert und schafft dann sehr viel.

 

Frau Angerer, darf man Sie auch fragen...


1. . . ob die im Buch geschilderten Drogenerfahrungen Ihre eigenen sind?

Ich habe wirklich viele Drogen genommen, aber das ist zwanzig Jahre her. Seitdem habe ich nie wieder etwas angerührt und würde das auch nicht mehr tun. Drogen sind auch eine Suche, man muss nur rechtzeitig damit aufhören.

2... ob Sie dank Ihrer eigenen Erfahrungen bei diesem Thema strenger oder milder mit Ihrem Sohn waren?

Ich hab mich sicher mehr gefürchtet, weil ich wusste, was alles passieren kann. Aber ich habe es meinem Sohn damit auch sehr langweilig gemacht, für ihn war Drogenkonsum keine Grenzüberschreitung. Die Eltern seiner Generation gehen alle noch in Clubs und wissen, wie man einen Joint baut. Damit wird das Thema uninteressant.

3... ob es etwas gibt, worüber Sie nie schreiben würden?

Meinem Sohn habe ich versprochen, dass ich nie über ihn schreiben werde.

Steckbrief

Ela Angerer, (Jahrgang 1964) wächst in Vorarlberg auf, zieht mit 18 nach Wien. Nach einer Lehre für Handdruck beginnt sie im Journalismus Fuß zu fassen, schreibt u.a. für den „Standard“, bis 2013 für den „Kurier“; und fotografiert.

Ab 2010 gibt sie die Reihe „Moderne Nerven“ im Czernin-Verlag heraus. Bisher erschienen „Abwärts“, „Brennstoff“ und „Porno“. Im Rabenhof inszeniert sie die Kurzgeschichten aus „Porno“ für die Bühne.

Aktuell. Im September erschien ihr Debütroman „Bis ich 21 war“ (Deuticke). Seit Mai betreibt sie die Agentur Mega Kommunikation, die vor allem auf das Erstellen, Optimieren und Betreuen von Websites sowie Social-Media-Maßnahmen spezialisiert ist. Angerer hat einen erwachsenen Sohn und lebt in Wien.
www.elaangerer-fotografie.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2014)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Ela Angerer: "Wir sollten viel geduldiger mit uns sein"

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.