Treffen sich zwei – auf der Toilette

Mit Karl Lagerfeld konnte er früher nichts anfangen. Das hat sich nun geändert. Regisseur Thomas Seidl über sein Musical „Lagerhouse“.

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Aktualität kommt zuerst. Zumindest bei Thomas Seidl alias Tomtschek. Wenn der Künstler, der von sich selbst gerne behauptet, „Blödsinn“ zu machen und „davon leben zu können“, sich auf eine neue Sache konzentriert, dann hat er dafür meist nicht viel Zeit.

So wie im Frühjahr. Da stand der Auftrag für ein Stück im Rahmen des Donaufestival Krems bereits fest – und das Stück selbst war noch nicht einmal geschrieben. „Wir haben vier Wochen vor der Premiere das Thema festgelegt, um besonders aktuell zu sein“, sagt Seidl. Und weil zu dieser Zeit gerade Karl Lagerfeld öffentlich erklärt hatte, die drogensüchtige und krisengeschüttelte britische Sängerin Amy Winehouse sei seine neue Muse, war rasch die Idee geboren, ein Musical über die beiden zu machen. Herausgekommen ist „Lagerhouse – Zwei Leben zwischen Cola und Crack“, das Ende April in Krems Premiere hatte und ab heute, Mittwoch, vier Mal im Wiener Wuk gezeigt wird. Darin treffen einander die beiden Protagonisten auf der Flucht vor den Paparazzi in einer Damentoilette, schütten sich gegenseitig ihr Herz aus und verstehen sich auf Anhieb. Dazwischen treten Coco Chanel, Vater Winehouse, Mutter Lagerfeld, eine Reihe Magermodels (die Lagerfeld so gerne für seine Arbeit verwendet) und Paparazzi auf.

Den Anspruch, „das fast schlechteste Musical der Welt“ aufzuführen (so der Subtitel), hatten Seidl und seine Mitstreiter, alles Mitglieder der 1993 gegründeten Spaßtruppe H.A.P.P.Y., schon einmal. Mit „Steffi“, einem Musical über Steffi Graf und Andre Agassi, wollten sie 1999 ihren ersten „Weltmisserfolg“ landen. Daran sind sie zweifach gescheitert. „Das Publikum hat es geliebt. Manche haben zwar gebuht, das war aber auch eher freundlich gemeint.“ Zudem sei es generell „unmöglich“, das schlechteste Musical der Welt aufzuführen, „denn das gibt es sowieso schon immer“. Mit einem Wort: Seidl hält das Genre Musical für „an sich unerträglich“.

Aber warum dann überhaupt ein Musical? Erstens, das liegt auf der Hand, aus Protest – und als Antwort auf die Musical-Castingshow des ORF, die im vergangenen Winter zum ersten Mal ausgestrahlt wurde. Zweitens aber kann Seidl dem Genre des Singtheaters doch etwas abgewinnen. Tanzen und Singen zum Beispiel.

Im knapp einstündigen Musical treten insgesamt 23 Personen auf – inklusive der Live-Band von Werner Leiner „Le Gang Surprise“. Karl Lagerfeld wird von Falter-Stadtleben-Redakteur Christopher Wurmdobler, Amy Winehouse von der für FM4-Hörerservice zuständigen FM4-Mitarbeiterin Helga Danlg-Buttermann dargestellt. Seidl selbst spielt Anna Piaggi, die legendäre Moderedakteurin der italienischen „Vogue“, die tatsächlich eng mit Lagerfeld befreundet ist.

Bulimie und Blitzdiät, die Yellow Press will alles sehen, ist sie völlig abgedreht, dann müssen wir uns mit ihr drehen“, heißt es da etwa im „Paparazzi“-Song. Zwischen diese allgemein gültigen Textzeilen mischen sich aber auch Lieder über reale Begebenheiten aus dem Leben der beiden Hauptfiguren. „Fast alles, was im Musical vorkommt, ist tatsächlich passiert.“ Lagerfelds Blitzdiät, seine Cola-Sucht, das Vortäuschen seines wahren Alters sowie die vielen Originalzitate.

Und wie gesagt: Aktualität ist für Seidl das oberste Gebot. Seit der Uraufführung im April ist einiges passiert. Das jüngste YouTube-Video von Amy Winehouse, in dem man sie mit nur wenige Millimeter großen Mäusen spielen sieht, ist ein eigenes Lied im Musical geworden. Und der „Sollen-sie-Gemüse-auf- der-Terrasse-anbauen“-Sager von Fiona Pacifico-Griffini-Grasser, den sie in der Vorwoche zum Besten gab, wurde ebenfalls eingearbeitet.

Was Karl Lagerfeld wohl zu dem Musical sagen würde? „Ich glaube, er ist eitel genug, um es zu mögen“, sagt Seidl. Eingeladen hat er ihn jedenfalls. Und einen Link zu den Wikipedia-Einträgen der beiden hat er auch angelegt. Bei Amy Winehouse wurde der kurz darauf gelöscht, bei Lagerfeld ist er geblieben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2008)

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