Ein Punk kommt in die Jahre

Campino, Sänger der Toten Hosen und Schauspieler, erzählt über das Altern als Punksänger und warum er bereits sein Grab gekauft hat.

(c) APA (DPA)

Die Presse: Altern mit Punk ist schwierig. Sex-Pistols-Sänger Johnny Lydon begab sich kürzlich sogar ins Dschungelcamp. Wie fanden Sie das?


Campino: Das zu erfahren war ein Schock, andererseits wird so ein Auftritt die früheren Leistungen nicht schmälern. Der Mann kann die Verdienste der Sex Pistols nicht mehr kaputt machen, egal was er veranstaltet. Die Pistols live sind ja soundmäßig immer noch überzeugend, aber es ist nicht unbedingt sexy, wie die jetzt aussehen.

Woher rührt Ihre anhaltende Freude am Krach?


Campino: Es begann, als ich fünf, sechs Jahre alt war und mich mein älterer Bruder mit „Hang on Sloopy“ von den McCoys ins Bett gebracht hat. Das laute, primitive Schlagzeug und diese hysterische Stimme darüber, das war sofort meine Welt. Und als ich Jahre später die Stimme von Slade-Sänger Noddy Holder hörte, war das eine Art Gotteserscheinung für mich.

Gab es ein spezielles Konzept fürs neue Album?


Campino: Energie war unser Zentralbegriff. Es ging darum, unser letztes Studioalbum zu korrigieren. Mit dem waren wir alle nicht zufrieden. Da waren zu viele Kompromisse drauf. Unsere Songs mussten wieder eine Dringlichkeit bekommen.

Das Highlight des neuen Albums, Ihr Duett mit Birgit Minichmayr, klingt ein wenig, als wäre es im Zustand postsexueller Erschöpfung entstanden. Wie kam es dazu?


Campino: Seit Johnny Thunders dieses wirklich schöne Duettalbum mit Patti Palladin aufgenommen hat, wusste ich, dass so was auch bei mir gehen könnte. Auch die guten Momente, wo Johnny Cash mit June Carter singt oder Nick Cave mit Kylie Minogue, waren sehr inspirierend. Da hab ich gesehen, mit welcher Leichtigkeit man die Gefahr von Pathos und Kitsch umschiffen kann. Aber im deutschsprachigen Raum ist es nicht leicht, eine Stimme zu finden, die nicht besetzt ist. Es musste jemand her, der nicht vom Lied ablenkt und dennoch eine unverwechselbare Art zu singen hat. Als ich mit Birgit Minichmayr in der Dreigroschenoper spielte, wusste ich, das ist eine Jetzt-oder-nie-Situation.

Sie spielen an der Seite von Dennis Hopper die Hauptrolle in Wim Wenders' neuem Film „Palermo Shooting“ – was war das für eine Erfahrung?


Campino: Es war eine wunderschöne Zeit. Wenn es nach mir ginge, würden wir heute noch drehen. Der Film müsste auch nie gezeigt werden. Ich erinnere mich, dass ich in einem Mietappartement in der Altstadt von Palermo aufgewacht bin und gedacht habe, dass ich zum ersten Mal seit Jahren richtig glücklich bin. Dennis Hopper hat eine Woche mit uns gedreht, und das war die leichteste und schönste Woche, die ich jemals im Zusammenhang mit Schauspiel erleben konnte.


Sie haben in Ihren neuen Songs das Phänomen Angst reflektiert. Wieso?


Campino: Mit Ängsten zu arbeiten ist der Schlüssel des Systems, in dem wir leben. Wir bekommen ständig versteckte Drohungen verabreicht. Man hat schon die ärgsten Probleme, sich beim Autofahrerklub abzumelden, ohne zu fürchten, dass dem eine Bestrafung Gottes folgt. Manchmal gelingt es, Abstand mit völlig banalen Sachen zu gewinnen. Es gibt immer noch ein paar Sachen, die einem nicht genommen werden. Ich kann für mich immer eine Bilanz ziehen, warum ich mich auf morgen freue.


Sie haben es leicht, wissen schon, wo Sie nach dem Leben wohnen werden. Warum haben Sie auf dem Düsseldorfer Südfriedhof Grabstätten für 17 Personen erworben?


Campino: Wenn man sein halbes Leben miteinander verbringt, kann man auch auf dem Friedhof zusammenbleiben. Noch haben wir Querelen mit der Friedhofsverwaltung, weil die nicht will, dass wir da Getränkeautomaten aufstellen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2008)

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