Lieber ohne Seidenstrümpfe: Raues Wohnen beim Essigbrauer

Erwin Gegenbauer wird Hotelier: In seiner Produktionsstätte in Wien Favoriten kann man auch übernachten. Bierbrauer sind die ersten Gäste.

Gastgeberin Katharina Winger, die Architekten von Heri und Salli und Erwin Gegenbauer (r.) in einem der Zimmer in der Essigbrauerei.
Gastgeberin Katharina Winger, die Architekten von Heri und Salli und Erwin Gegenbauer (r.) in einem der Zimmer in der Essigbrauerei.
Gastgeberin Katharina Winger, die Architekten von Heri und Salli und Erwin Gegenbauer (r.) in einem der Zimmer in der Essigbrauerei. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Da, wo im Erdgeschoß jetzt G'schäftl und Kuchl auf Frühstücksgäste warten, stand früher, zu Gemüsekonservenzeiten, ein Trumm von einem Pasteurisator. Erwin Gegenbauer deutet herum, „hier wurde verpackt, hier war die Etikettierungsanlage. Die weißen Industriefliesen haben wir einfach gelassen“. So erspare er sich, G'schichtln zu erzählen. „Diese G'schichtln nerven mich.“

Dass Erwin Gegenbauer Wiener ist, merkt man dem Feingeist an seinen wohl nicht ohne Kalkül eingesetzten Altwiener Ausdrücken an. Da fallen Begriffe wie Bassena, Zimmer-Kuchl-Kabinett oder Ziegelböhm' – man ist ja im zehnten Bezirk, nahe dem Wienerberg, wo ab 1775 aus Lehm Ziegel wurden. Wörter wie Bassena gehören für den Essigbrauer nun zum Geschäft: Er ist neuerdings auch Hotelier. In seiner Essigbrauerei in Favoriten vermietet er fünf Hotelzimmer in ehemaligen Zimmer-Kuchl-Kabinett-Wohnungen.

Ursprünglich war das Haus eine Tischlerei, 1929 hat Erwin Gegenbauers Großvater hier als Sauerkräutler angefangen. „Damals gab es allein in Wien 600 Sauerkräutler, das muss man sich einmal vorstellen!“ Mittlerweile ist der Betrieb nicht nur zur international geschätzten Essigbrauerei geworden, sondern auch zur Ölmühle, Kaffeerösterei, Bierbrauerei, Imkerei. Erwin Gegenbauer wollte Lebensmittel verstehen, damit ihm niemand mehr G'schichtln erzählen kann.

Das hiesige Branchenfüllhorn ist gewissermaßen mit schuld daran, dass die Hotellerie als weiteres Standbein dazukam. „Ich habe zu meiner Frau gesagt: ,Wir müssen langsam einen Hut über das alles stülpen.‘“ Der Honig der Bienen vom Dach, die sich an Balsamicozuckerkristallen laben, kommt nun auf das Frühstücksbrot, den Gästen wird hauseigener Kaffee serviert, selbstgebackenes Brot und Bregenzerwälder Juni-Rohmilchbutter in Modeln des befreundeten Künstlers Paul Renner. Und natürlich Gegenbauer-Bier.

Über eine Wendeltreppe, „die rohen Ziegel sind Absicht“, geht es in den ersten Stock. Rohe Materialien sind auch in den Zimmern bestimmend. Die Architekten Heri & Salli, Heribert Wolfmayr und Josef Saller, ließen die ehemaligen Wohnungen aushöhlen, legten Ziegelwände, Dippelbaumdecken und Stahlträger frei. Steckdosen hängen an Kabeln von der Decke, die Waschbecken sind Email-Lavoirs, die man händisch ausleert. Gegenbauers viele Reisen und die Abneigung gegen Fünfsternhotels haben das Nichtdesign beeinflusst.

Ein Bett wie ein Essigfass

Zentrales Element jedes Zimmers ist ein ausladendes Bett aus sibirischer Lärche, „Lärchenholz wie das alte Essigfass im Hof“, mit Auskragungen für Kindermatratzen, Bücher, Laptop. Seidenstrümpfe empfehlen sich hier weniger, neben der Rohheit ist auch die Rauheit Programm. Die ersten Gäste werden das an diesem Wochenende ausprobieren können: Aussteller am Craft-Bier-Fest in der nahen Ankerbrotfabrik.

Im Hühnerstall, der nach dem Frost besiedelt wird, sollen sich die Gäste ihr Frühstücksei selbst holen können, auf dem Dachgarten Kräuter und Gemüse ernten. Fernseher gibt es in den Zimmern keine, „wenn man Halligalli will, kann man runter in die Kuchl gehen“, sagt Gegenbauer. „Und wenn die Gäste sympathisch sind, koch' ich auch einmal Pasta.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2014)

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