Claudia Mühl: "Wir haben die stärksten Tabus verletzt"

Fast 40 Jahre war sie »Königin vom Friedrichshof«, ein Jahr saß sie wegen Unzucht mit Minderjährigen im Gefängnis. Nur mühsam findet sich Otto Muehls Witwe außerhalb der Kommune zurecht. Hausbesuch bei einer langsam Begreifenden.

(c) APA (Christian Fischer)

Weissensee im Berliner Osten ist ein ruhiges Pflaster. Keine Touristen, keine Hipster. Die Straßenbahn bimmelt durch die Mittagsruhe. Ein griechischer Imbiss und ein Tante-Emma-Laden. Schräg gegenüber, neben einer Toreinfahrt im blau-weißen Altbau, befindet sich „SoLeKu“, oder „Solidarische Lebenskunst”, ein Wohnprojekt für Behinderte und Nichtbehinderte. „Muehl“ steht unten an der Klingel. Während ich drücke und warte, kommt sie auf einem Klappfahrrad angeradelt: Claudia Muehl, 38 Jahre lang Hauptfrau des österreichischen Aktionskünstlers, Bürgerschrecks und Sekten-Leitwolfs Otto Muehl.

Auf dem Friedrichshof, dem damaligen Kommunensitz der „Aktionsanalytischen Organisation“ (AAO) in der Parndorfer Heide, und später auf dem Landgut „El Cabrito“ in Gomera war sie die verwöhnte Königin einer Stammeshorde von rund 600 Getreuen. Jetzt ist die dreifache Mutter Witwe und Hartz-IV-Empfängerin – zwei Titulierungen, die äußerlich kaum greifen. Sie steigt dynamisch vom Rad, die hennaroten Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Eine attraktive, drahtige Frau, der man ihre 64 Jahre nicht ansieht. Wir duzen uns.

Ich recherchiere für ein Buch über die ehemalige Centrepoint Community in Neuseeland, die das weltweit einzige und zeitgleiche Pendant zur Muehl-Kommune war. Zwar gab es keine kahl geschorenen Köpfe, Latzhosen-Uniform und „Fick-Pläne“ bei den antipodischen Kommunarden, aber das Errichten einer neuen befreiten Gesellschaft, die interne Hierarchie, der Zwang zur Aufhebung der Monogamie und die sexuellen Übergriffe auf Jugendliche waren ähnlich. Der dortige Guru war ein radikaler, charismatischer Gestalttherapeut namens Bert Potter, der genauso lange wie Otto Muehl im Gefängnis saß und fast exakt ein Jahr vor dem Wiener Wüterich starb.


Abrechnung. „Ja, warum haben wir den nicht gekannt?“ ruft Claudia Muehl in ihrem schweizerischen Singsang aus, als ob es sich bei Bert Potter um einen lange verschollenen Onkel aus Übersee handele. Wir fahren mit dem rollstuhlgerechten Aufzug in den ersten Stock und betreten ihr helles WG-Zimmer. „Guten Morgen“ steht auf einem handgeschriebenen Schild im Türrahmen. In der Ecke ein Doppelbett, am Fenster eine große Tischplatte aus rohem Holz. Bücher, Koffer, Getöpfertes. Ein Babyfoto von Sohn Attila, mittlerweile 29, steht neben dem Arbeitstisch. Auch er, der Kommunen-Kronprinz, lebt in Berlin und ist mit vielen der einstigen Jugendlichen aus Österreich befreundet. Einige von ihnen rechneten letztes Jahr in dem preisgekrönten wie bewegenden Dokumentarfilm „Meine keine Familie“ von Paul-Julien Robert nicht nur mit den brutalen Erziehungsmethoden des Übervaters Muehl, sondern auch mit den intimen Beziehungen seiner Frau zu Teenagern ab.

An der Wand hängt ein Selbstporträt der einstigen Muehl-Schülerin. Sie hat schon ewig nicht mehr gemalt, der Platz fehlt („ich muss dann erst alles mit Plastikfolie auslegen“), verkauft aber frühere Werke unter ihrem Mädchennamen Claudia Steiger im Internet ab 250 Euro. „I'm not a sex machine, but eine Pantherin“, schreibt sie dort über sich und verweist auf ihren „berühmten Charme“. Während ich ihr den Rücken kehre, verschwindet sie kurz hinter einer Schranktür und zieht sich ein frisches weißes T-Shirt an. Als sie wieder sitzt, zeigt sie faltenlos gebräunte Arme und zupft den ständig von den nackten Schultern rutschenden Leinenblazer gerade. Ihr ganzer Körper hat etwas Federndes, Raubkatzenhaftes – eine Powerfrau, auf Wirkung bedacht. Sie bietet einen Kaffee an. Als ich erst Ja sage, mich dann korrigiere und doch lieber nur ein Wasser möchte, quittiert sie das mit leichter Verstimmung. Den Kaffee macht sie entgegen meinem Wunsch trotzdem. Mütterlichkeit oder Machtausübung?

Sie lacht irritiert, als ich sie nach ihrer privilegierten Position auf dem Friedrichshof frage. „Das ist so, als ob man einen Chef mit hohem Lohn in einer Firma fragt, ob er seine Position ausgenutzt hat. Natürlich – er hat sich ein besseres Auto gekauft und mehr Anzüge. Ich wollte niemanden übervorteilen.“ Sie habe dieselben Kleider getragen, im selben Haus gewohnt („wobei die Strukturoberen die acht Turmzimmer bewohnt haben“), dasselbe Essen gegessen. „Ich hatte Privilegien, aber die waren mehr sozialer Art. Ich saß neben Otto, schlief öfter mit ihm, meine Kinder wurden von ihm geliebt.“ Dass die Niedriggestellten in den Schweineställen oder unter größtem Druck im Finanzdienstbereich schufteten, während die Führungsriege sich drogenbenebelt von ihren Claqueuren hofieren ließ – diesen Eindruck, wie so vieles über sie, will sie korrigieren. In Portugal, in der zweiten Hälfte der Kommunenzeit, ging es eh bescheidener zu. „Da habe ich in einer ehemaligen Garage gelebt und es hat mir nichts gefehlt. Wenn ich mich mit den Menschen gut verstehe, bin ich glücklich.“

1996 zogen 14 Muehl-Getreue mit zehn Jugendlichen, vier Kindern und dem Gemeinschaftseigentum aus Gomera nach Moncarapacho in Portugal. Bald gab es Konflikte um die Finanzen. „Jemand hat geerbt und sich auf dem Gemeinschaftsgrund ein eigenes Haus gebaut. Ein anderer hat geerbt und es eingebracht. So sind Spannungen entstanden.“ Dazu kam, dass die enge Muehl-Clique nach der Haft nie die kritische Aufarbeitung gemacht hat, die die Ausgestiegenen und Abtrünnigen hinter sich haben. „Wir haben zusammengehalten und uns gegenseitig gestärkt gegen die Angriffe von außen“, sagt Claudia Muehl. Sie wollte einen Mediator für die interne Vergangenheitsbewältigung holen, aber scheiterte mit dem Versuch. „Ich war vom Gefängnis und dem Zusammenbruch der Gruppe traumatisiert und wollte jede Art von Führung vermeiden. Auch Otto wollte diese Rolle nicht mehr übernehmen. Führung war bei uns völlig tabu. Daher herrschte unterschwelliges Chaos.“ Es kam zu Hasstiraden gegen sie, sie wurde angebrüllt. „Ich bin auch verletzlich“, sagt sie und wirkt dabei verhärtet.

Mit ihrer Schwester in der Gruppe hat sie sich ausgesprochen, sich für manches entschuldigt. Außerhalb der Gruppe in Portugal hat sie noch fünf, sechs Freunde von früher, mit denen sie über die Vergangenheit reden kann. Die anderen meiden sie. „Ja, das trifft mich schon“, sagt sie und zupft die Jacke etwas heftiger als zuvor zurecht. „Es trifft mich, dass ich gehasst werde.“ Aber sie sieht diese Reaktionen als normalen Prozess: „Ich war erste Frau, wurde von Otto geliebt und bevorzugt und manche waren auf mich eifersüchtig.“ Andere, die sie verehrt hätten, hätten sie später als ehrgeizig und machthungrig bezeichnet. „Da war vielleicht auch eine gewisse Rache dabei.“

Vor vier Jahren hat sie die Gruppe in Portugal verlassen – hin- und hergerissen, „Wanderin zwischen zwei Welten“. „Ich habe dort noch starke Bindungen und mag die Leute gern.“

Otto Muehl litt bereits schwer an der Parkinson'schen Krankheit, aber war dennoch in bester Laune – für die Außenwelt ein Monster, für seine Großfamilie ein gefallener Held: „Er war bewundernswert und rührend zugleich, wie er mit den Lähmungen und Einschränkungen gekämpft hat.“ Beim Malen stand er in einem gepolsterten Gestell, den Pinsel an einen Stock gebunden. Als er auch das nicht mehr konnte, hat er die Farbe geschüttet. „Er hat sein Ziel einfach den Möglichkeiten angepasst. Ich habe viel von ihm gelernt und bewundere ihn“, sagt Claudia Muehl. Am 26. Mai 2013 starb ihr Mann in Portugal. Vermisst sie ihn? „Ja klar. Sehr.“


Vom Mond herabgestiegen. Ehemalige Muehl-Jünger kolportieren, der Künstler habe sie als Hauptfrau zugunsten seiner jüngeren Muse und Kindsmutter verstoßen. „Nein!“, protestiert sie. „Der Otto hat mich geliebt bis zum Schluss. Es hat ihm eher wehgetan, dass ich ihn verlassen habe, aber für mich war ein neuer Lebensabschnitt gekommen.“ Die kleine Gruppe lebte abgeschottet, dann zogen die Jugendlichen aus, um zu studieren. „Es war mir zu wenig anregend. Wir hatten in Portugal wenig Kontakte, um uns herum zum Teil Analphabeten, wir konnten nicht Portugiesisch, also war da wenig Austausch.“ Sie wollte noch etwas machen, „mich dem Leben in der großen Gesellschaft direkt aussetzen“ – der bürgerlichen, spießigen Gesellschaft der „Wichtel“, der sie mit 22 Jahren als junge Lehrerin den Rücken gekehrt hatte, schwer verliebt in Otto, betört von einer radikalen Idee. Und in die sie erst mit 60 Jahren wieder eintauchte. Was ähnlich ist, wie nach vier Jahrzehnten erstmals hinter Klostermauern hervorzukommen. Sie sagt selbst, sie sei „vom Mond herabgestiegen“.

Claudia Muehl zog 2010 mit ihrer behinderten ältesten Tochter Lili nach Wien und hoffte, eine neue Gruppe starten zu können. Ohne Chef oder Chefin – wo man zusammenlebt, Kommunikation und Nähe erforscht. „Das Thema Sexualität wollte ich offenlassen.“ Doch sie stieß nicht auf genug Interesse. „Was ich erlebe, ist eine höfliche und kühle Gesellschaft. Mehr Tendenz zur Abgrenzung als zum Niederreißen von Schranken.“ Was sie befremdet: wie man heutzutage anonym seine Haut auf den Markt trägt. Dagegen sei sie fast konservativ. „Freie Sexualität in der Gruppe bedeutete, immer neu unter vertrauten Männern wählen zu können und von keinem Einzelnen abhängig zu sein.“ Das Wort Sex benutzt sie im Gespräch nie, sondern redet immer nur von „Sexualität haben“. „Wir lebten 20 Jahre zusammen und die Liebesverhältnisse entstanden und vergingen. Sicherheit vermittelte die Gruppe. Mit Fremden ins Bett zu gehen ist etwas vollkommen anderes.“


Sehr trocken. Sie fühlt sich einsam und verloren in dieser neuen Welt. Es sei „sehr trocken“ ohne die anderen, langweilig. Sie lacht und seufzt gleichzeitig. „Ich finde es total unangenehm, aufzuwachen und nicht Leute zu haben, mit denen ich frühstücken gehen kann.“

Nach Wien hat sie es in Berlin mit der inklusiven Wohngemeinschaft versucht, in einem Haus mit 20 Zimmern. „Unser Konzept war anspruchsvoll“, sagt sie: „Erforschen, wie man ohne Lüge Menschen mit Behinderungen respektvoll begegnet.“ Doch zum Jahresende wird „SoLeKu“ sich auflösen – nicht nur ideell, auch finanziell ist das Projekt mangels Fördergelder gescheitert. Zu viel Verwaltungsaufwand, zu viele Schulden und Kompetenzgerangel. Nicht nur Malkurse, auch die sogenannten Selbstdarstellungen wollte Claudia Muehl anbieten – unter neuem Namen, zum Beispiel „autarke Kommunikation“. Diese kathartisch-künstlerischen Highlights der Gruppenabende mit Gesang und Klaviermusik, die bei manchen Seelenstrippern früher in symbolischem Elternmord und Fäkalschmierereien gipfelten, fehlen ihr. Doch sie befürchtet, dass bei den Veranstaltungen auch Leute kommen, die mit ihr abrechnen wollen. Meistens bleibt sie stumm und gibt sich nicht zu erkennen, wenn die Sprache in Berlin auf die radikale Sekte kommt. Sie hat schlechte Erfahrungen gemacht. Eine engagierte Frau wollte dem „SoLeKu“-Projekt mit Crowdfunding aus der finanziellen Patsche helfen. „Als sie aber gehört hat, wer ich bin, war sie empört, dass man sie nicht darüber aufgeklärt hat.“ Nun ist die Geschmähte die Gesellschafterrolle eh wieder los. Doch die Angst vor Konfrontation bleibt.

Öffentliche Angriffe hat es genug gegeben, seit Otto Muehl in Kunstkreisen als ehemaliges Enfant terrible rehabilitiert wurde und sein Nachlass Spitzenpreise erzielt. Die Interessengruppe „Re-port“ protestiert im Namen der Opfer dagegen regelmäßig und verweist auf sein „menschenverachtendes System“, wenn seine Werke gezeigt werden. Zuerst 2004, als das Museum für angewandte Kunst (MAK) in Wien in einer Retrospektive Otto Muehls Leben als Kunstwerk präsentieren wollte, und zuletzt bei einer Ausstellung im Leopold Museum in Wien 2010.

Claudia Muehl reagiert darauf sarkastisch bis trotzig. „Ich habe noch nie gehört, dass sexueller Missbrauch Bilder malen kann.“ Es klingt, als habe sie diesen Satz schon oft abfeuern müssen. Der einfühlsame Kaffeeplausch ist vorbei. Wir sind beim heiklen Thema angelangt. Die umstrittenen Aschebilder Muehls zum Beispiel, sagt sie – die seien aus Material auf Gomera entstanden und nicht aus den Tagebüchern, die auf dem Friedrichshof aus Angst vor polizeilicher Verfolgung verbrannt wurden. Es sei vieles gegen Otto Muehl verdreht worden. „Da war keine Spur von dem Zynismus dabei, die ihm da zugeschrieben wird.“

Sie klingt defensiv, voll unterdrücktem Zorn. „Jetzt im Nachhinein kriminalisieren viele den Otto, die dabei waren, die einverstanden waren und das heute nicht mehr verstehen können. Ihre einzige Lösung ist: ,Der Otto hat uns verzaubert. Wir standen unter Gruppendruck.‘“ Ihr verstorbener Mann würde noch immer zu Unrecht dämonisiert. „Er hat schlimme Fehler gemacht, aber er hat mehr Gutes gemacht.“

Das patriarchalische Recht auf die erste Nacht mit den Jungfrauen, das er sich herausnahm, sei lediglich Folge eines Irrtums gewesen. Otto Muehl habe von seinem Juristen in der Kommune die Auskunft bekommen, ab 14Jahren sei der Beischlaf mit einem Erwachsenen in Österreich erlaubt, wenn der keine Autoritätsperson sei. Claudia Muehl lacht kurz auf. „Ich war Direktorin an unserer Schule und habe den Job sofort aufgegeben und die Kleinkindpädagogik übernommen. Ich habe geglaubt, damit ist es für mich okay. Dabei war ich natürlich aufgrund unserer Struktur eine starke Autorität.“ Die von ihr eingeführte Struktur war die darwinistische Hierarchie, nach der von den ersten bis zu den letzten Plätzen interne Machtpositionen vergeben wurden – die Frau des Führers stets an der Spitze. „Ich war recht naiv, dass ich das nicht erkannt habe.“


Mein Puls raste. Ihre starke Position habe bei ihr zu einer Erstarrung geführt. Als sie versuchte, durch einen Strukturabstieg daraus auszubrechen, ging es ihr miserabel: „Mein Puls raste über Tage, wenn ich auch nur einen Platz tiefer kam. So was hält man nicht lange durch.“ Sie begann, das Verhalten von Affen zu studieren und erkannte, wo sie emotional gelandet war: „In einem vorzivilisatorischen Stadium.“

Statt sich an Gesetzen zu orientieren, habe die AAO alles infrage gestellt. „Wir hatten ja keinen Rat der Alten und Weisen wie in früheren Kulturgesellschaften – keine Tradition, auf die man zurückgreift. Wir sind da echt entgleist.“ Orientiert habe man sich an Stämmen der Urzeit – „wo sich alle infantil und glücklich um den Chef scharen“. Glücklich waren nicht alle im Muehl-Imperium. Dass besonders die Kinder unter dem Gruppendruck, dem Konformismus und der Entfremdung von ihren Eltern gelitten haben, sieht man in „Meine keine Familie“. Die Szene im Film, in der ein weinender Junge von Otto Muehl zur Maßregelung mit Wasser überschüttet wird, ist schwer zu ertragen. Erschreckend fand auch seine Witwe diese Bilder. Seinerzeit hätte sie es nur „grenzwertig, aber nicht so arg schlimm“ gefunden, denn: „Der Junge war wirklich sehr trotzig.“ Jetzt sagt sie: „Dass die Kinder diese vielen Erwachsenen als enormen beängstigenden Druck erlebt haben, war mir damals nicht klar.“

Claudia Muehl wirkte erst an der Dokumentation mit, aber machte dann einen Rückzieher – es sei ihr zu sehr eine Abrechnung geworden, „ein weiterer Schlag gegen Otto und die Gruppe“. Tut es ihr weh, wie Otto Muehl öffentlich gesehen wird? „Sehr. Aber ich muss es anerkennen. Wir haben die allerstärksten Tabus der Gesellschaft verletzt, wir waren daneben. Und dafür möchte ich mich bei allen Betroffenen entschuldigen. Otto hat nicht in Paragrafen und Regeln gedacht, sondern immer ganz nah am Gefühl.“

Ich frage sie, ob sie es selbst als sexuellen Missbrauch sieht, was zwischen ihr und den Jugendlichen geschah. Sie holt tief Luft. „Ich muss das so sehen, denn ich bin deshalb verurteilt worden“, presst sie heraus. Hat sie sich jemals persönlich schuldig gefühlt? „Das ist eine komische Frage“, kontert sie. Ihr Charme von vor einer Stunde ist jetzt gänzlich verflogen. Sie ist angespannt, auf der Hut, legt sich die Worte zurecht. „Es hat sehr lange gedauert, bis ich den anklagenden Stimmen recht geben konnte. Das System, das mich verurteilt hat, habe ich als feindlich erlebt.“ Der Gerichtsprozess sei ihr als Racheakt der Konservativen erschienen. Erst durch den persönlichen Kontakt mit den Betroffenen lernte Claudia Muehl nach und nach, was sie ihnen angetan hatte. „Ich war nicht sehr mütterlich, weil ich eigene Hemmungen zu überwinden hatte. Ich wollte eine Idee verwirklichen. Meine Gefühllosigkeit dabei erfüllt mich heute mit Scham.“ Sie denkt spürbar nach. „Ich habe unwissend ein Verbot übertreten, dessen Sinn ich damals nicht erkannte. Aber vielleicht ebenso schlimm war es, dass ich als Persönlichkeit nicht reif war.“ Sie war 38, ihre Bettpartner zwischen 15 und 17.


Mütterliche Geliebte. „Waren die Jugendlichen denn reif genug?“, frage ich. Hinter ihrem Gesicht stürmt es. „Nein, wie gesagt, auch wenn ich ihnen eine gute mütterliche Geliebte gewesen wäre. Ich hatte sie um ihre eigenen kostbaren Erfahrungen mit der ersten Liebe betrogen.“ Der erste Impuls sei nie von ihr ausgegangen. „Ich hatte Grund anzunehmen, die jungen Männer wären auf mich abgefahren.“

Und dann: „In unserer kleinen Gesellschaft wollte ich geliebt und anerkannt werden.“ Doch, man habe vor ihr Angst haben können, räumt sie ein – „zu viel Idee, zu viel eherne hohe Ethik“. Wenn sie sich alte Videos anschaut, erträgt sie am wenigsten ihre eigenen Aussagen. „Ich bin oft ideologisch und hochtrabend dahergekommen. Als mein Sohn Attila aufgewachsen ist, habe ich mehr mitgekriegt und da hat sich auch die Pädagogik verändert.“

Erst langsam fängt sie an zu begreifen, was sexueller Missbrauch eigentlich ist. Hat viel Philosophisches gelesen, Zeitungen natürlich, die Geschichte der Kinski-Tochter. Erst kürzlich, als sie mit einer missbrauchten Frau geredet habe, sei ihr ein Licht aufgegangen. „Wenn das in einer Familie passiert, ist es offensichtlich, dass etwas Unerlaubtes geschieht. In der Gruppe war das noch ein bisschen anders.“

Laut einer „Re-port“-Aktivistin soll es in der Kommune auch frühkindlichen Missbrauch gegeben haben. Claudia Muehls Gesicht verzieht sich. Sie fängt sich wieder, mit unterdrückter Wut. „Das glaube ich nicht. Das klingt monströs und passt auch nicht zu Otto. Otto war nicht pervers. Er ist wegen 13-Jährigen verurteilt worden, daher kann man ihn schon der Pädophilie beschimpfen. Aber dass er mit Kleinkindern etwas hatte, das ist eine Erfindung.“ Sie sagt, sie könne sich nicht mehr wehren. „Wir müssen uns die schlimmsten Verdächtigungen gefallen lassen. Dadurch, dass wir das Gesetz übertreten und uns offen zur freien Sexualität bekannt haben, traut man uns alles zu.“

Wie geht ihr Sohn Attila damit um? „Er geht gut damit um“, sagt sie knapp. Stellt er ihr solche Fragen? „Wir reden über alles und ich mache damit eine Entwicklung durch.“ Ihre dauert noch an. Ihre jüngste Tochter, damals anderthalb, musste sie vor der Haft abrupt abstillen. Der Sohn war sechs, die Älteste 14. „Stell dir vor, du machst einen Fehler und wirst nicht aufgeklärt, sondern eingesperrt auf Kosten der Kinder. Das ist nicht das richtige Mittel, um Menschen zum Denken zu bringen. Man wird paranoid.“

Mit einigen der von ihr missbrauchten Jugendlichen habe sie das Gespräch gesucht. „Je mehr ich nachdenke und mit Einzelnen rede, desto mehr komme ich darauf, dass die Wirklichkeit in der Gruppe nicht für alle so schön war wie für mich. Dass die Ideologie stummes Leiden erzeugt hat.“

Pfingsten 2010 gab es ein Treffen von rund zweihundert ehemaligen Kommunarden auf dem Friedrichshof, samt einer Kunstausstellung. Jeder konnte vorher Werke einreichen. Auch Claudia Muehl wollte kommen, doch ihr Bild wurde abgelehnt. Daher ging sie auch nicht zum Treffen – „da war keine Bereitschaft zum Reden da.“ An jenem historischen Tag wurde eine offizielle Entschuldigung einiger Friedrichshof-Mütter ausgesprochen. Es flossen Tränen. Auch die Muehl-Gattin hätte sich hinter das Mea Culpa gestellt, sagt sie. „Sie haben gesagt, dass sie den Otto nicht gebremst und es mitgemacht haben – das ist ja schon mal was.“ Otto Muehl selbst hatte sich später, notgedrungen oder von seiner Agentin animiert, in einem öffentlichen Schreiben bei den Opfern entschuldigt. Reine PR? „Nein“, sagt seine Witwe. „Otto entschuldigt sich nicht, wenn es ihm nicht danach ist.“ Es habe ihn alles „wahnsinnig umgetrieben“. „Am Anfang hat es ihn sehr gekränkt, weil er geglaubt hat, sie hätten ihn geliebt. Es machte auch den Anschein. Er konnte den Umschwung nicht verstehen. Er hat geglaubt, ihnen ist das Gehirn gewaschen worden, sodass sie für etwas Scham und Wut empfinden, was sie vorher unbedingt wollten.“


„Das bedauere ich“. Was würde sie rückgängig machen, wenn sie es könnte? „Die sexuellen Übergriffe natürlich, denn die haben verhindert, dass neue Wege gesucht wurden. Ich hätte gerne, dass die Gruppe noch existiert und sich weiterentwickelt. Auch dieser radikale Kommunismus hat zu wenig Individualismus erlaubt, und das bedauere ich. Mir wäre lieber, wir hätten nicht so viel riskiert und dafür auf manche Erkenntnis verzichtet.“ Und worauf ist sie stolz? „Auf meine Energie. Otto hat mir geholfen, meine Power anzuerkennen. Er hat das Wilde positiv bestärkt.“ In der Kindheit sei sie oft angeeckt, habe sich mit Mädchen geschlagen, mit Lehrern gestritten. „Ich dachte immer, ich muss es schaffen, brav zu werden. Mich bändigen.“ Muehl habe ihr zudem die positive Sicht auf Sexualität ermöglicht: „Dass man lieben kann, ohne treu zu sein, dass Liebesbeziehungen jederzeit in körperliche Liebe übergehen können, das denke ich noch immer. Die Monogamie ist eine notwendige Ordnung, um Kinder aufzuziehen, wenn man keine Gruppe hat.“

Hinter uns im Regal, zwischen einem Glas Honig und Tuben mit Farben, stehen Aktenordner mit dem Aufdruck „Gesundheit Lili“. Claudia und Otto Muehls 37-jährige Tochter ist mit Zerebralparese zur Welt gekommen. Sie wohnt im dritten Stock mit ihren Pflegern. Davor war sie ebenfalls in Portugal. Mit 21 wurde sie auf dem Friedrichshof schwanger, „ein Wunschkind“, betont die Mutter. Nach dem Kaiserschnitt lag Lili Muehl fünf Wochen lang mit einer schweren Bauchfellentzündung auf der Intensivstation und schwebte in Lebensgefahr. Davon hat die junge Frau sich nie mehr erholt. „Sie war traumatisiert und geschwächt.“ Die spastisch gelähmte junge Mutter wollte weiter ihr Kind versorgen. Man richtete es ihr so ein, dass sie im Liegen das Baby wickeln konnte, mithilfe eines Keils. Aber sie hatte keine Energie mehr, konnte später nicht hinter dem Kleinkind herlaufen. „Nach einigen Jahren wurde sie psychisch krank.“ Der Arzt riet ihr zu einem neuen Umfeld – sie müsse aus den familiären Bindungen raus. Lili Muehls Tochter – „ein Glücksfall, ein wunderschönes Mädchen“ – blieb beim Vater in Portugal. Es war ein früherer Betreuer aus ihrer Friedrichshof-Kindheit – zwischenzeitlich mit der Gruppe zerstritten –, der das Wohnprojekt in Berlin vorschlug. Es sollte der Behinderten einen neuen Start ermöglichen.

Im Hintergrund knackt jetzt die Sprechanlage. Claudia Muehl steht auf. Jemand von oben fragt nach Saft für Lili. „Schreibst du's ins Heft?“ sagt die Mutter ins Gerät. „Und machst du den Piepser aus?“ Ein paar Minuten später geht die Tür auf. Ein Rollstuhl wird hineingeschoben. Otto Muehls Tochter hat schwarze Haare, mit einer Haarspange vom Gesicht weggehalten, und ein breites, verschmitztes Lächeln. Der mädchenhafte Körper steckt verrenkt in Sweatshirt und bunter Hose. Lili möchte nach draußen, in die Herbstsonne, sagt die Pflegerin. Claudia Muehl bespricht in herzlichem Ton mit beiden, was es heute zum Essen gibt. Ich kann Lilis Antwort kaum verstehen und verschwinde so lange auf die Toilette.

Als ich wiederkomme, hat sich der Tonfall verändert. Die Stimme der Mutter ist schärfer, eindringlich. Sie kniet jetzt neben der Tochter, die leise jault oder murmelt. Ich bin in etwas sehr Privates hineingeplatzt. „Wenn du ein Kind machen willst, musst du das mit dem Sven absprechen“, schnappe ich auf. Claudia Muehl bemerkt mich und wird wieder weicher im Ton. „Es ist doch besser, Lili, wenn du dich auf die Malerei konzentrierst, oder?“

Ich spreche sie danach darauf an. Ja, ihre Tochter wünsche sich noch mal ein Baby, „brennend“, vom Pfleger oder von ihrem Mann in Portugal. Aber das könne sie als 64-jährige Großmutter und dreifache Mutter nicht noch mal leisten. „Sie schwankt zwischen Träumen und Depressionen.“


Ein „Liebesnetzwerk“. Die momentan Arbeitslose muss schauen, wo und wie sie ihre älteste Tochter unterbringen kann. Sie selbst schaut sich gerade nach einer neuen Bleibe um, zum Beispiel im „Liebesnetzwerk“ – eine Hofgemeinschaft, die im Süden Berlins entsteht. „Die Entwicklung da interessiert mich. Einfach Menschen, die sich mögen und zur selben Idee bekennen. Vielleicht eine Antwort auf die straffe Organisation auf dem Friedrichshof, die zum Untergang geführt hat.“

Auf einem Blatt Papier bestätige ich ihr handschriftlich, dass sie all ihre Zitate aus unserem Gespräch gegenlesen kann. Nebenbei entschuldige ich mich für meine unleserliche Krakelschrift – mein linkes Auge ist lädiert. Sie strahlt mich an, als ob sie ein ramponiertes Ego aufbauen müsse, wieder ganz die Starke. „Naaa“, sagt sie übertrieben enthusiastisch, „du hast a schöne Schrift! Wirklich! Sehr schön!“ Es ist absurd und realitätsfremd. Wieder kommt es mir wie Manipulation vor. Oder als verzweifelter Versuch, Nähe herzustellen. Zum Abschied bietet sie mir eine Umarmung an.

Wochen später schicke ich ihr das Interview zur Autorisierung. Sie habe inzwischen Insolvenz angemeldet, schreibt sie. Und sie müsse viele ihrer Aussagen noch mal überdenken. „Ich scheine einiges noch nicht wirklich verstanden zu haben.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2015)

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