Wiener Blond: Nur Wien darf so goschert sein

Wiener Blond machen „Wienerlied-Beatbox-Pop“. Auf ihrem ersten Album besingen sie den Praterdome, Waxingstudios und rettende Eierspeis.

Verena Doublier und Sebastian Radon
Verena Doublier und Sebastian Radon
Verena Doublier und Sebastian Radon – (C) Wiener Blond

Wien, Wien nur du allein, darfst zu mir so goschert und grantig sein“, singen Verena Doublier und Sebastian Radon in „Der letzte Kaiser“. Der Kaiser, das ist die Stadt, und das Lied, sagen sie, sei das persönlichste auf ihrem gleichnamigen Debütalbum. „Es ist gewissermaßen ein Liebeslied“, sagt Radon, „aber auf sehr wienerischem Weg interpretiert: Ein bisserl sudern ist auch dabei.“

Das Sudern, das Zwidersein, das Leben im „Schau ma mal“-Modus: Das sind die „Gefühle oder Grundhaltungen der Wiener“, die das A-cappella-Duo mit dem Namen Wiener Blond in seinen Liedern verarbeitet. Dazu kommen „ganz alltägliche Begegnungen und Beobachtungen“, die in Form des eigenwilligen „Wienerlied-Beatbox-Pop“ der beiden in Summe eine Art musikalisches Stadtporträt ergeben.

Da geht's dann vom Waxingstudio („Heutzutag rasiert sich keine mehr die Haxn, denn die moderne Frau von Welt, die lässt sich ihre Waden einfach waxen“) in die Großraumdisco („Im Praterdome geht's heute zua, den David Guetta spühn s' uns vua“), für den Adrenalinkick zwischendurch empfiehlt sich der „Öffi-Walzer“: „Fahr doch mal wieder schwarz oder so“.

Dass Wiener Blond heute derart reimen, verdankt sich dabei einem gemeinsamen Lehrer. Studiert haben die beiden (Verena Doublier ist schon fertig) Gesangspädagogik. Dem Gesangslehrer hatten beide eigene Songs vorgespielt, er hat sie dann quasi verkuppelt. Zumal die beiden „schon davor daran gearbeitet haben, zu beobachten. Und es gibt viel zu beobachten in dieser großen Stadt.“

Banderfahrung hatten beide reichlich. A-cappella-Spezialistin Doublier hatte „schon ziemlich alles ausprobiert. Das Gute ist: Jetzt weiß ich auch, was ich nicht will.“ Radon wiederum hat immer schon in Chören gesungen, „viel Klassik“, später in einer Rockband. Gemeinsam spielen sie nun mit Sprache und Klischees. „Das Klischee muss getötet werden“, sagt Doublier und lacht, wie so oft. „Aber ohne das Klischee können wir auch nicht leben.“ Es sei „eine Hassliebe“, ergänzt Radon. „Auch der Austropop. Das ist die Lebensgrundlage, auf der alles basiert. Und trotzdem hält man es nicht aus.“

Das schwierige Verhältnis thematisiert „In den Ruinen“: „Der Austropop, auf den ihr schwört – das ist doch nur Nostalgie und grölende Gestalten beim Après-Ski.“ Der feste Platz der Urgesteine habe es Jungen jahrzehntelang schwer gemacht, Gehör zu finden, sagen Wiener Blond. „Nichtsdestoweniger sind wir damit aufgewachsen.“

Dass sich die Situation gerade sehr merklich ändert, wollen sie freilich keinem Hype zuschreiben. „Man muss sich das so vorstellen“, sagt Doublier: „Da war eine Riesenwand, die war von da unten bis da oben, und es dauert eine Zeit lang, bis die ganzen Musiker die Räuberleiter machen können, dass sie sich endlich über die Scheißwand drüberhauen.“ Letzteres formuliert die 26-Jährige herzhaft Wienerisch. Einer jener „Ausbrüche von Dialekt“, die sie zu theatralischen Zwecken einzubauen pflegt. Ansonst sprechen beide Sänger Hochdeutsch. Den Dialekt nutzen sie „wie eine Kunstsprache“, er sei vielseitiger und praktischer.

 

Vom Kabarett beeinflusst

Gereimt wird freilich getrennt. Er schreibe Fragmente, schildert Radon: „Entweder entsteht daraus ein ganzer Song, oder man gibt ihn der Kollegin zur Weiterbearbeitung.“ „Eigentlich wollte er ja Beamter werden. Wiener Blond, Abteilung sieben, Text“, kontert Doublier, und man versteht, wieso sie vor allem auch von Kabarettisten beeinflusst sind. Dorfer oder Hader hätten sie inspiriert, „Dinge kritisch zu hinterfragen, und dann doch wieder zu sagen, es ist alles Blunzn.“ Oder, auch darüber singt man, Eierspeis. Am besten übrigens „um fünfe in da Fruah“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2015)

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