Der Vater der Wiedehopfe

360 Grad Österreich: Der Wiedehopf galt am Wagram als fast ausgestorben, dann kam Manfred Eckenfellner, zog hunderte Vögel von Hand auf und rettete damit den Bestand.

 Manfred Eckenfellner
 Manfred Eckenfellner
(c) Norbert Rief

Es ist ein recht gewöhnliches Haus in Feuersbrunn mit ein paar recht ungewöhnlichen Bewohnern. Hinten in der Werkstatt, die einmal Teil einer Tischlerei war, sitzen in einem Käfig fünf Wiedehopfe. „Pffff, pfff“, peift ihr Papa, und reicht einen Mehlwurm. „Das sind meine jüngsten Kinder“, sagt Manfred Eckenfellner. „In ein paar Wochen sind sie flügge, dann lass ich sie frei.“ Er hält kurz inne. „Das ist immer hart.“

So ist das, wenn die Kinder das Haus verlassen. Wobei sich Manfred Eckenfellner eigentlich langsam daran gewöhnt haben müsste. Im Lauf der Jahre hat er „so um die vierhundert“ Wiedehopfe aufgezogen, von Hand und mit viel Liebe. Und damit hat er, man kann das ohne Übertreibung sagen, im Alleingang den Wiedehopf-Bestand in Niederösterreich gerettet.

Der Wiedehopf ist keine akut gefährdete Vogelart, er ist aber sehr selten geworden. Der Vogel brütet bodennahe in Obst- und Weingärten. Doch in der intensiv genutzten Landwirtschaft findet er kaum noch morsche Bäume oder Weinstockhaufen, um dort sein Nest bauen zu können. Deshalb schwinden Bestand und Verbeitungsgebiet. Einen Wiedehopf zu sehen ist für viele „Birder“ ein einzigartiges Erlebnis.


Am Anfang ein Schock. „Ich war richtig geschockt“, erinnert sich Eckenfellner, als er 2002 den Vogel zum ersten Mal sah. „Ich bin in meinem Weingarten gesessen, und da war er.“ Er ist dem Wiedehopf heimlich nach und hat dessen Nest in einem alten Weinkeller gefunden. „Das war Fügung“, meint er heute. Denn das Gebäude sollte ein paar Tage später abgerissen werden.

„Ich habe das gemeinsam mit meinem Sohn zwei Wochen lang verhindern können. In der Zeit haben wir die Familie in einen Nistkasten in meinen Weingarten übersiedelt.“ Es sei das einzige brütende Paar am Wagram gewesen und eines der wenigen in Österreich. Die Tiere akzeptierten die Übersiedlung, im Jahr darauf stellte Eckenfellner gleich mehrere Nistkästen mit kleinen Kameras auf – und tatsächlich kehrte der Wiedehopf zurück.

Neun Eier legte das Weibchen im Jahr 2003. Genug, damit in der Natur vielleicht vier, fünf Tiere überleben. Manfred Eckenfellner sah mithilfe der Kamera, dass vier Jungvögel zu schwach waren und vom Muttervogel nicht mehr gefüttert wurden. Es wurden seine ersten Kinder. „Ich habe sie mit der Hand aufgezogen.“ Als er sie freiließ, habe er „Rotz und Wasser geheult. Ich hab ihnen g'sagt, sie sollen zurückkommen, weil sonst war alles umsonst.“ Zwei kamen 2004 tatsächlich zurück.

In dem Jahr rettete der 58-Jährige acht Wiedehopfe von drei Brutpaaren und zog sie in der Werkstatt auf. 2005 waren es bereits acht Brutpaare, Eckenfellner hatte 15 Kinder. Mittlerweile gibt es in und um Feuersbrunn 43 Brutpaare, Eckenfellner weiß von insgesamt 103, die in der größeren Umgebung ein Nest haben. Teilweise brüten Paare zweimal, da fallen dann umso mehr Außenseiter an, die er retten muss. „Pro Jahr sind es jetzt wohl 30, 40 Junge, die ich durchfüttere.“

Damit ist es freilich nicht getan, weil die Jungen ja nicht wissen, was – außer Mehlwürmern – Futter in der Natur ist. Also fährt der frühere Tischler auf seinem Elektromoped mit einem Kescher entlang der Ränder der Felder in Feuersbrunn und fängt alles ein, was dort kreucht und fleucht: „Heuschrecken, Fliegen – was immer.“ Die kommen in eine Voliere, in der die Wiedehopf vor ihrer Freilassung leben, und so lernen sie ihr natürliches Futter kennen.

Wer Manfred Eckenfellner mit einem Kescher auf seinem Moped sieht, der kann schnell den Eindruck bekommen, dass er nicht nur einen Vogel in der Voliere hat. „Man hat mich sicher für einen Spinner gehalten.“ Nicht wenige hätten den Kopf geschüttelt über seine Vogelleidenschaft und sein Drängen, auf biologischen Weinbau umzustellen, damit die Vögel wieder mehr Nahrung finden, die von den Winzern als Schädlinge mit giftigen Spritzmitteln bekämpft wird.

Die Vergangenheitsform ist deshalb passend, weil eine Filmfirma 2012 eine „Universum“-Dokumentation über die Wiedehopfe am Wagram drehte. Seither ist Eckenfellner eine kleine Berühmtheit. Er hat den Naturschutzpreis erhalten, mit dem niederösterreichischen Umweltlandesrat ist er per Du, er arbeitet mit dem Konrad-Lorenz-Institut zusammen, und Wissenschaftler aus ganz Europa kommen zu ihm, um sich sein Projekt erklären zu lassen und den Wiedehopf in der Natur zu studieren.

„Ich nütze das jetzt schamlos aus“, sagt Eckenfellner. „Nicht für mich, sondern für die Vögel und die Natur.“ Die Winzer hören zu, wenn er Ratschläge gibt. Edelwinzer Bernhard Ott, der seinen Betrieb schon früher auf bio umgestellt hat, spricht von Eckenfellner als einem „positiven Verrückten“. Und auch Feuersbrunn setzt mehr und mehr auf den Wiedehopf, derzeit wird gemeinsam mit dem Land über die Errichtung eines kleinen Informationszentrums geredet.


Und jetzt die Blauracke. Manfred Eckenfellner schaltet in seiner Werkstatt ein altes TV-Gerät ein und zeigt sein nächstes Projekt. Auf einem unscharfen Schwarz-Weiß-Bild sieht man einen Vogel in einem Nest. „Das ist eine Blauracke.“

Die Blauracke gilt in Mitteleuropa – bis auf wenige Restvorkommen – als ausgestorben, in Nord- und Südosteuropa gehen die Bestände massiv zurück, Naturschutzorganisationen sehen den globalen Bestand als „nahezu gefährdet“ (eine Vorwarnstufe). „Ich habe zwei Paare aus Zoos und aus privaten Volieren bekommen.“ Beide brüten und Manfred Eckenfellner hat schon Vorbereitungen getroffen, um mögliche ausgestoßene Jungvögel selbst aufzuziehen. „Das“, sagt er, „werden meine nächsten Kinder.“

Fakten

Der Wiedehopf ist in Mitteleuropa selten geworden. Er brütet vor allem in Obst- und Weingärten, doch weil er dort kaum noch Nistplätze findet, gehen die Bestände massiv zurück.

Europa ist das Brutgebiet des Wiedehopfs, Ende Juli, Mitte August zieht er nach Afrika, um dort zu überwintern. Die Weibchen kehren üblicherweise an ihre alten Brutplätze zurück.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2015)

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