Das erste "Laufhaus" für Kreative öffnet

In Lindabrunn bei Baden können Künstler als Escorts gebucht und mit kreativen Aufgaben wie Lesungen und Workshops beauftragt werden.

Grenzfurthner, Ballhausen, Friesinger
Grenzfurthner, Ballhausen, Friesinger
Grenzfurthner, Ballhausen, Friesinger – (c) Stanislav Jenis

Eigentlich müsste man sich fragen, warum nicht früher jemand auf diese nicht unoriginelle Idee gekommen ist. Andererseits ist das Vorhaben, Künstler als Escorts anzubieten, damit sie von Kunden gebucht und mit kreativen Aufgaben betraut werden können, derart absurd und bewusst provokativ in Szene gesetzt, dass es nicht verwunderlich wäre, wenn sich das ganze Projekt in ein paar Wochen als Kunstperformance herausstellt, die von Anfang an nicht ernst gemeint war. Mit dem offensichtlichen Ziel, den Wert bzw. Preis von Kunst und Kultur infrage zu stellen. Umfassen die Dienstleistungen der Beteiligten doch „in der Branche übliche Services“ wie „Handjobs“, „Oral“, „Dominatrix“ und „Fetisch“.

Aber der Reihe nach: Seit gestern, Montag, 18 Uhr, leben und arbeiten fünf Künstler rund um die Uhr in einem „Kreativlaufhaus“ in Lindabrunn bei Baden. Voraussichtlich eine Woche lang bieten sie dort ihre Leistungen an. Sollte es genug Interessenten geben, wird das Projekt fortgesetzt und soll sogar auf weitere Orte ausgeweitet werden.

Einer der Künstler ist der Wiener Schriftsteller, Literatur- und Filmwissenschaftler sowie Herausgeber Thomas Ballhausen. Er unterrichtet an der Universität Wien und im Mozarteum in Salzburg und ist darüber hinaus Leiter der Literaturabteilung beim Kulturmagazin „Skug“. Für 25 Euro pro halbe Stunde (als Verhandlungsbasis) bietet er interessierten Kunden das Verfassen von Lyrik und kurzer Prosa („Handjob“), Lesungen und Vorträge („Oral“) sowie die Analyse von mitgebrachten Texten, Kritik und Textberatung („Dominatrix“) an. Direkt im Laufhaus oder auf Wunsch bei den Kunden zu Hause.

 

„Geld nicht das einzige Kriterium“

Mit „durchaus gemischten Gefühlen“ ziehe er in das Laufhaus ein, wie er bei der Präsentation des Projekts am Montag im Wiener Museumsquartier verriet. Einer der Gründe für sein Mitmachen sei sicher herauszufinden, wie es um die Remuneration von Kunst in Österreich bestellt ist. Geld sei nun einmal wichtig, dürfe aber nicht „ausschließliches Kriterium“ sein.

„Frei von Ironie ist das Projekt natürlich nicht“, betont Ballhausen. „Nach dem Probebetrieb in einer Woche werden wir sehen, wie es vom Publikum angenommen wird, ich selbst bin sehr gespannt.“ Zu den weiteren Künstlern zählen in der ersten Woche aus Österreich die bildende Künstlerin Roswitha Weingrill und aus Deutschland die Schmuck- und Videokünstlerin Paula Pongratz, der selbst ernannte „Poptheoretiker“ Frank Apunkt Schneider und der Musiker Andreas Stoiber aka „Krach der Roboter“.

Die Idee zu dem Projekt stammt aus der Feder der „Lord Jim Loge“, die in den 1980er-Jahren von den Künstlern Jörg Schlick, Martin Kippenberger, Albert Oehlen und Wolfgang Bauer gegründet und später zur weiteren Fortführung der Künstlergruppe monochrom übergeben wurde. Die Motivation, das Kreativlaufhaus ins Leben zu rufen, liege „im Aufzeigen der Möglichkeiten der Flexibilisierung und Mobilisierung im Bereich kreativer Arbeit und will diese Arbeit auch zur Diskussion stellen“, sagt Günther Friesinger von der „Lord Jim Loge“.

Dabei wolle man Fragen nachgehen wie: „Lässt sich Kreativität überhaupt buchen? Kann das Buchen und Beauftragen eines Künstlers ebenso befriedigen wie die Buchung eines klassischen Escortservice?“

„Wir gehen jedenfalls davon aus, dass Regionen im Umbruch eine kreative Hilfestellung brauchen – im Großen wie im Kleinen“, meint Friesinger. Hier komme das Kreativlaufhaus zum Einsatz und biete „kompetente Kreativberatung als temporäres Angebot“ dort an, wo es gebraucht werde.

„Das große Problem der Kunst ist ja, dass sie niemanden interessiert“, ergänzt Johannes Grenzfurthner, ebenfalls Mitglied der Gruppe „Lord Jim Loge“ und Mitgründer des Projekts. „In der Kunst liegt aber viel verwertbares Potenzial. Man könnte also sagen, dass wir eine Plattform für den Drang bzw. die Lust zur Selbstständigkeit bieten. Und damit sozusagen den Neoliberalismus in die Kunst bringen.“

AUF EINEN BLICK

Kunstprojekt. In Lindabrunn bei Baden leben und arbeiten seit Montag, 18 Uhr, fünf Künstler aus Österreich und Deutschland rund um die Uhr in einem „Kreativlaufhaus“. Voraussichtlich eine Woche lang bieten sie dort Dienstleistungen wie beispielsweise Lesungen, Workshops und das Verfassen von kreativen Texten an. Ins Leben gerufen wurde das Projekt von der Gruppe „Lord Jim Loge“. Die Künstler können auch nach Hause bestellt werden, eine halbe Stunde mit ihnen kostet (als Verhandlungsbasis) 25 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2015)

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