Kinovi[sie]on: Filme aus weiblichem Blickwinkel

An jedem Achten des Monats zeigt das Leokino Filme von Regisseurinnen– um darauf aufmerksam zu machen, dass sie unterrepräsentiert sind.

FORMENTERA im Leokino
FORMENTERA im Leokino
FORMENTERA im Leokino – (C) Unafilm

Es ist eigentlich kaum zu glauben. 2010 gewann Kathryn Bigelow für ihren Film „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ als erste und bisher einzige Frau den Oscar in der Kategorie Beste Regie. Ihr Beispiel verdeutlicht, wie dramatisch unterrepräsentiert Frauen als Filmemacherinnen sind.

Das dachten sich vor ziemlich genau zehn Jahren auch Gerlinde Schwarz und Gertraud Eiter in Innsbruck. Beide arbeiteten damals neben dem Studium im Leokino, einem Programmkino im Zentrum der Stadt. Schwarz als Filmvorführerin und Eiter an der Bar bzw. beim Internationalen Filmfestival Innsbruck, das einmal im Jahr dort stattfindet.

„Wir haben damals viel über die Unterrepräsentation von Frauen hinter der Kamera diskutiert und festgestellt, dass es im Leokino nicht einmal am 8.März, dem Internationalen Frauentag, einen Fokus auf Regisseurinnen gibt“, sagt Schwarz. Die Slawistin lebt mittlerweile in Wien und arbeitet als Sprachtrainerin (Deutsch als Fremd- und Zweitsprache).

„Durch die Diskussionen ist uns auch klar geworden, dass nicht nur am Internationalen Frauentag Regisseurinnen in den Mittelpunkt gestellt werden sollten, sondern regelmäßig“, ergänzt Eiter, die als Sozialarbeiterin und Erziehungswissenschaftlerin in einer Sozialeinrichtung für Menschen mit Behinderungen in Innsbruck tätig ist.

 

Frauenpolitisch relevante Themen

So sei schließlich die Idee entstanden, im Leokino einen Filmzyklus zu organisieren, der am 8.März 2005 starten sollte und an jedem Achten des Monats das Filmschaffen von Frauen ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. „Mit dieser Idee und einer detaillierten Kalkulation haben wir uns dann an die Geschäftsführung des Otto-Preminger-Instituts (Betreiber des Leokinos, Anm.)gewandt und sofort grünes Licht erhalten“, erzählt Schwarz. „Seither will Kinovi[sie]on nicht nur darauf aufmerksam machen, dass Frauen als Filmemacherinnen signifikant unterrepräsentiert sind, sondern vor allem dieser Tatsache entgegenwirken.“

Monat für Monat präsentiert die Reihe seit damals künstlerisch anspruchsvolle Filme von Regisseurinnen, die sonst nicht im Kino zu sehen wären. „Zudem fokussiert Kinovi[sie]on mit einem kritischen Blick frauenpolitisch relevante Themen und versucht, auf die nach wie vor bestehende Benachteiligung von Frauen aufmerksam zu machen“, betont Eiter. „Der Film ist auch ein Medium, das unterschiedliche Lebenskonzepte von Frauen sichtbar macht und einen gewissen Zeitgeist konserviert. Deshalb ist es nicht nur filmhistorisch interessant, auch ältere Filme, beispielsweise aus den 1970er-Jahren, ins Programm aufzunehmen.“

Mittlerweile haben rund 11.500 Besucher die Veranstaltungen von Kinovi[sie]on besucht und die Reihe zu einem fixen Bestandteil der Innsbrucker Kulturszene gemacht. Wenig überraschend spielen Filme auch im Leben der beiden Gründerinnen eine wichtige Rolle. „Der Kinofilm war für mich von Jugend an, ähnlich wie die Literatur, ein Rückzugsort, ein Ort der Imagination und Inspiration“, sagt Schwarz. „Ein Film konnte oft tagelang nachhallen, den Blick auf die Umgebung verändern und ein gewisses Lebensgefühl kreieren.“ Auch Eiter hat sich im Zuge ihres Studiums intensiv mit Filmen und „ihren vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten und Wirkungsweisen befasst“. Dabei habe sie insbesondere der filmische Blick von Frauen interessiert.

Wie es mit Kinovi[sie]on weitergehen soll? „An eine Expansion denken wir angesichts der Tatsache, dass wir beide anstrengende Berufe haben, vorerst nicht“, sagt Schwarz. „Uns ist es aber ein großes Anliegen, dass die Reihe weiterhin in Innsbruck stattfindet.“ Denn im Lauf der vergangenen zehn Jahre hätten Themen wie Gewalt gegen Frauen und Frauenarmut nichts an Brisanz verloren. „Auch das Wissen darüber, was frühere Generationen von Frauen erkämpft und im Bereich der Kunst/Filmkunst geschaffen haben, ist immer noch lückenhaft, weswegen wir hoffen, dass Kinovi[sie]on noch lang bestehen bleiben wird.“

AUF EINEN BLICK

Premieren. Gerlinde Schwarz und Gertraud Eiter haben vor zehn Jahren die Reihe Kinovi[sie]on ins Leben gerufen, um an jedem Achten des Monats Filme von Regisseurinnen zu zeigen, die sonst nicht im Kino zu sehen wären. Als nächstes wird am 8.August der Siegerinnenfilm des Frauenfilmfestivals in Dortmund und Köln, „Still the Water“ von Naomi Kawase, gezeigt. Im September findet die Tirol-Premiere der Dokumentation „Von hier aus“ im Rahmen von Kinovi[sie]on statt– in Anwesenheit der beiden Regisseurinnen Johanna Kirsch und Katharina Lampert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2015)

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