Essen von Rädern: Beginn einer biologischen Symbiose

Wien hat nun einen mobilen Snackimbiss. Die drei Erfinder hat der Zufall zusammengebracht. Und die Verpflichtung zur Nachhaltigkeit.

(c) Facebook

Wenn mehrere Menschen ungefähr zum selben Zeitpunkt unabhängig voneinander dieselbe Idee haben, dann hat die Welt drei Szenarien parat. Erstens: Die Zeit verschluckt die Ideen und schickt sie ins Nirwana. Zweitens: Einer verwirklicht sie, und die anderen sind neidisch bis verärgert. Oder drittens: Der Zufall bringt die Leute zusammen. So geschehen bei Anna Abermann, Ernst Stockinger und Paul Kogelnig. Vor zwei Jahren tauchte in ihren Köpfen ein Fahrrad auf, das als mobiler Verkaufsstand für gutes Essen aller Art verwendet werden sollte. Abermann hat es in Chile, in Santiago, gesehen: ein mobiler Stand in einem Park, wobei die Betreiberin nicht nur Essen verkauft, sondern auch Besteck und Decken ausgeborgt hat. Die Mittagspause als Picknick sozusagen. Abermann dachte: „So etwas braucht Wien auch.“

Stockinger und Kogelnig haben sich sogar gleich an die Arbeit gemacht. Der eine Architekt, der andere Designer, haben sie gemeinsam Food Bikes konzeptualisiert und sind – „im Nachhinein betrachtet fast naiv“, wie Stockinger sagt – zur Behörde, um die Idee vorzustellen. „Dann haben wir die Antwort bekommen: ,Dafür gibt es aber kein Formular‘“, erzählt Kogelnig. Stattdessen gab es die Aussicht auf den dichten Wiener Behördendschungel und die ziemlich hohe Wahrscheinlichkeit, dass einer von den vielen, die Ja sagen müssten, Nein sagen würde. Insgesamt habe alles zwei Jahre gedauert, sagt Stockinger. Die Fertigstellung des Rades und das Ja der Stadt, das Bio-Bike an bestimmten Standorten aufstellen zu dürfen. Zumindest hat der Behördenmarathon die beiden gelernten Tischler um einige schräge Anekdoten bereichert.

 

Nichts wird weggeschmissen

Unterdessen hat Anna Abermann ihr Unternehmen, Anna's, gegründet und sich sowohl auf Catering als auch auf Biokisterln spezialisiert, die vor die Haustür geliefert werden. Das Biorad, erzählt sie, sei ihr während dieser Zeit aber nie aus dem Kopf gegangen. Und dann, als Stockinger und Kogelnig ihr Rad gezimmert und alle Genehmigungen in der Hand hatten und als Abermann ihre Bioküche so weit aufgebaut und genug regionale Bauern als Bezugsquelle hatte, dann also liefen sich die drei über den Weg und holten das Bio-Bike aus der Taufe. An fünf Standorten (Karlsplatz, Stadtpark, Sigmund-Freud-Park bei der Votivkirche, Rudolf-Bednar-Park sowie Weghuberpark) werden die Räder aufgestellt.

Im Moment gebe es nur kalte Snacks wie Salate und Sandwiches, wobei immer eine vegetarische, regelmäßig auch vegane und glutenfreie Imbisse angeboten werden, erzählt Abermann. Ab Herbst wolle man auch Suppen und Eintöpfe verkaufen. Auf ihrer Facebook-Seite sind das aktuelle Menü sowie die genauen Standorte jederzeit abrufbar.

Was beide Unternehmen, Anna's sowie Paul & Ernst Street Food Solutions, aufeinander abstimme, sei der Nachhaltigkeitsgedanke. Eine biologische Symbiose, sozusagen. Abermann bezieht ihre Produkte – Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch, Getreide – von bio- und demeterzertifizierten Bauern. „Wir schmeißen nichts weg“, sagt sie. Bis zur Schale werde alles verarbeitet, entweder im Kistl, in Gerichten fürs Catering – nun für das Bio-Bike – oder zu Saucen und Marmeladen. Nicht die Natur passt sich Abermanns Küche an, sondern Abermanns Küche der Natur. Daher sei ihr Unternehmen keine klassische Cateringfirma. „Das Konzept geht von den Lebensmitteln aus, die ich habe.“

Für Stockinger und Kogelnig sei es wichtig gewesen, dass mit dem Rad keine industriell verarbeiteten Produkte verkauft werden. Sie selbst haben das Fahrradbasteln zu einem Unternehmen gemacht und bauen mittlerweile alle möglichen Arten Räder für Freiluftgastronomen, auch solche mit integriertem Kochherd.

Beim Bio-Bike werden Essen und Getränke im Bauch des Rades verstaut. Und dafür, dass die integrierte Kiste so kompakt aussieht, ist doch erstaunlich viel Platz vorhanden.

AUF EINEN BLICK

Bio-Bike. Der mobile Imbissstand ist in Wien an fünf Standorten zu finden: Karlsplatz, Stadtpark, Sigmund-Freud-Park bei der Votivkirche, Rudolf-Bednar-Park, Weghuberpark. Die genauen Standorte sowie das Menü ist auf der Facebook-Seite von Anna Abermann nachzulesen: facebook.com/herzlichstannas. Abermann liefert die Biogerichte, das Fahrrad selbst stammt von Paul Kogelnig und Ernst Stockinger, die sich mit ihrer Firma, Paul & Ernst Street Food Solutions, auf Food Bikes spezialisiert haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2015)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Essen von Rädern: Beginn einer biologischen Symbiose

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.