Raoul Haspel: Verkaufte Stille als politische Kritik

Mit seiner „Schweigeminute (Traiskirchen)“ hat Künstler Raoul Haspel weltweites Medienecho ausgelöst. Und liegt in Österreich auf Platz eins der Charts.

Pressekonferenz ´Schweigeminute (Traiskirchen)� - Raoul HaspelMORGEN: 2. September 2015 um 10:30 Uhr STRANDBAR HERRMANN
Pressekonferenz ´Schweigeminute (Traiskirchen)� - Raoul HaspelMORGEN: 2. September 2015 um 10:30 Uhr STRANDBAR HERRMANN
Raoul Haspel – (c) www.raoulhaspel.com (Werner Streitfelder)

Raoul Haspel grüßt mit Handkuss, diktiert seine Statements druckreif. Nur manchmal unterbricht er sich, weil er nicht mehr weiß, was er schon gesagt hat: Er telefoniere derzeit mit 30, 40 Radiostationen am Tag, in Deutschland und Frankreich, in England, im Nahen Osten und den USA. Via Facebook bekomme er Artikel auf Arabisch, auf Farsi, „oder in Sprachen, die ich gar nicht kenne.“

Seit seine „Schweigeminute (Traiskirchen)“ am 21. August in den Verkauf kam, zählte das Medienbeobachtungs-Unternehmen Observer Berichterstattung in über 50 Ländern und 27 Sprachen, bei BBC und im NPR, im „Independent“, in „Newsweek“, „La Repubblica“, „Le Monde“, „Spiegel“ und „Bild“. Weltweit haben sich 1700 Onlineartikel mit seinem Projekt befasst, das sind jede Stunde fünf neue. In den sozialen Netzwerken wurden 65.000 Interaktionen gezählt. Und am Wochenende haben sich beim „Nuke“-Festival alle gut hundert Künstler auf der Bühne versammelt und mit 25.000 Leuten im Publikum für die Toten auf der A4 geschwiegen.

Erzielt hat der Wiener Künstler das enorme Echo mit: Stille. Genau genommen mit einer Minute Stille, die er als „Lied“ um rund einen Euro auf iTunes oder Amazon verkauft. 6674-mal wurde die Single in der ersten Wertungswoche heruntergeladen. In den kommenden Ö3-Charts schafft sie es von null auf Platz eins. Abgerechnet wird bei den Onlinehändlern quartalsweise, doch schon gestern übergab Haspel einen Scheck über 6674 Euro an die private Hilfsinitiative Happy.Thankyou.Moreplease, die aus seinem Grätzel im Sechsten kommt und in Traiskirchen Akuthilfe leistet, „ob es eine Krücke ist, die jemand braucht, oder ein Dolmetscher.“

Auch Haspel war in den vergangenen Wochen immer wieder nach Traiskirchen gefahren. Um Sachspenden hinzubringen „und um den Kontakt zu suchen mit den Menschen, die vor Krieg und Terror geflüchtet sind.“ Das Wort Flüchtling vermeidet er. „Es ist schon zu überladen, viele reagieren darauf schon allergisch.“ Was er sah, beschäftigte ihn so, dass er noch an jenem Sonntagabend, bevor er die „Schweigeminute“ erstmals auf Facebook stellte, zu Fuß loszog, durchs Museumsquartier wanderte und den Menschen von seiner Idee erzählte. „Weit über 500“, schätzt er, habe er schon dabei erreicht. Als er seine Botschaft dann auch postete, brach wenig später ein Medieninteresse über ihn herein, „das man sich nicht vorstellen kann.“ Genau darauf hatte er es freilich abgesehen. „Ich war sicher, dass wir mit diesem Mausklick sehr viel bewegen werden.“

 

„Die Bilder sind Absicht“

Das Gegenteil wirft Haspel der Politik vor. „Die Solidarität in Österreich ist so groß, aber das spiegelt sich in der Politik nicht wider. Wir sind keine Menschen, denen es egal ist, dass in Traiskirchen die Menschenrechte missachtet werden, dass Babys unter freiem Himmel geboren werden.“ Indes würde die Politik nicht nur Hilfe unterlassen, „sondern das Scheitern inszenieren.“ Mit den Zuständen in Traiskirchen oder den Slums vor dem Tunnel in Calais würden absichtlich „medienwirksame Bilder“ erzeugt. „Das ist eine klassische Form von Propaganda.“

Und zwar keine, mit der einfach Flüchtlinge abgeschreckt werden sollten. „Propaganda richtet sich nie nach außen“, sagt Haspel. „In der Geschichte hat sich Propaganda immer gegen die eigene Bevölkerung gewandt, um bestimmte Aktionen zu rechtfertigen. Wie zum Beispiel das Errichten von Zäunen.“ Wohl nicht ganz zufällig ließen die Verantwortlichen vor Haspels Schweigeminute beim „Nuke“-Festival Charlie Chaplins Hitler-Satire „Der große Diktator“ laufen.

Das Geld allein hätte man auch mit einer lokalen Charityaktion einspielen können. Aber als Medienkünstler wollte Haspel das einbringen, was er kann. Seine Aktion versteht er „in erster Linie als eine Einladung zu einem ohrenbetäubend lauten Zeichen der Solidarität der Österreicher.“ Aber auch als Symbol dafür, dass „jeder Klick, jede Kaufentscheidung, jedes gesprochene Wort eine öffentliche Meinung ergeben, die sich auch in der Zeitung wiederfinden kann.“ Vor allem, wenn es sich um Charts handle: „Die kann man nicht verheimlichen.“

ZUR PERSON

Raoul Haspel (geb. 1979) ist „Künstler, Designer, Demokrat und unglaublich unzufrieden damit, wie die Menschen in diesem Land repräsentiert werden.“ Er absolvierte die Angewandte in der Klasse für Visuelle Mediengestaltung und Digitale Kunst, unter anderem bei Peter Weibel. Er hat sich mit seiner Kunst vor allem im Ausland etabliert und arbeitete mit seiner „Corporate Art“ für Kunden wie Red Bull, Breitling, Moët Hennessy oder die Reederei Mærsk. www.raoulhaspel.com/schweigeminute

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2015)

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