Das Kreuz mit dem Knie: Meniskusriss beim Yoga?

Der Meniskus wird bei jedem Schritt beansprucht. Ist der Faserknorpel abgenützt, kann er schon beim Aufstehen aus einem tiefen Sofa einreißen.

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Meniskusriss nach der Yogastunde? „Man würde es kaum glauben, aber mehr meiner Patienten verletzen sich den Meniskus beim Yoga als bei anderen Sportarten wie Fußball oder Skifahren“, erwähnt Christian Gäbler, Kniespezialist, Sportarzt und Unfallchirurg in Wien. Allerdings, so der Fachmann, seien das die nicht mehr ganz Jungen. „Es betrifft vor allem 40- bis 60-Jährige, bei denen der Meniskus schon ein bisschen degeneriert, abgenützt ist.“ Denn dieses knorpelige Gebilde im Knie hat ein Leben lang harte Arbeit zu leisten, wird bei jedem Schritt beansprucht. Die Zwischengelenksscheibe dient als Stoßdämpfer, stabilisiert das Gelenk, schmiert den Gelenkknorpel – und verschleißt mit der Zeit eben.

Da dieser Faserknorpel generell nicht besonders gut durchblutet ist, kann ein etwas in die Jahre gekommener Meniskus schnell einmal einreißen – sogar bei einer relativ geringen Belastung, wie bei Aufstehen aus einem tiefen Sofa. Dem Manager Bruno Lässer ist es beim Yoga passiert. Der sportliche 54-Jährige, begeisterter Läufer und Bergsteiger, ist ein Anhänger des Ashtanga-Yoga. „Die körperliche Flexibilität, die man mit Yoga erzielt, kann man mit Laufen oder Bergsteigen nie erreichen.“ Dennoch ließ er Yoga eine Zeit lang sein, „ich trainierte nur noch für die Besteigung des Mont Blanc.“ Dann wandte er sich doch wieder dem Yoga zu, ging in den Halblotussitz (ähnlich dem bekannten Schneidersitz, einer Position, in der lediglich ein Fuß auf dem anderen Oberschenkel liegt) – eine Übung, die er früher schon gut konnte –, „und irgendwie spürte ich einen ungewohnten Druck im Knie.“ Zwei Tage danach begann das Knie zu schmerzen, und nach weiteren Yogastunden wurde es unangenehm. „Es tat nicht ausgesprochen weh, aber ich spürte, dass da irgendetwas nicht in Ordnung war.“ Bruno Lässer ging zum Arzt.

Das sei in solchen Fällen eher unüblich, so Sportmediziner Gäbler, denn die meisten Menschen glauben, es werde ohnehin wieder vergehen, und konsultieren keinen Arzt. Ein Meniskuseinriss muss auch keineswegs besonders wehtun. „Bei einem schweren Trauma etwa kann ein Riss schon einen massiv stechenden Schmerz auslösen. Aber wenn etwa ein bereits etwas abgenützter Meniskus in einem besonders schlecht durchbluteten Areal bei nur geringer Belastung einreißt, spürt man mitunter kaum etwas. Manche Patienten erzählen, sie hätten nur das Gefühl gehabt, als sei im Knie etwas eingezwickt, andere berichten von einem Schnappen oder Knacksen.“ Folgende Symptome können zusätzlich auftreten: Schwellungen, Blutergüsse, Blockierung des Kniegelenks.

Behandlung ist notwendig

Viele Betroffene, die nicht gerade einen Kapitalsturz gebaut haben, können sich nicht erklären, woher das Knieproblem plötzlich kommen soll. Sie sind ja nicht gestürzt, haben keinen wilden Sport ausgeübt, haben sich nicht verletzt, haben vielleicht ja nur Yoga gemacht. Gäbler: „Wenn ein nicht mehr ganz junger Mensch beispielsweise länger mit abgewinkelten Knien auf den Fersen sitzt und dann aufsteht, kann der Meniskus gequetscht werden oder einreißen, ja sogar abreißen. Er ist eben mürbe geworden.“ Freilich tragen auch junge Menschen Meniskusverletzungen davon – „vor allem Ballspieler und Skifahrer kommen damit oft in meine Ordination“, sagt Gäbler. Doch da bedarf es eines höheren, massiveren Traumas, derlei Verletzungen sind meist sehr schmerzhaft, Betroffene finden schnell den Weg zum Arzt. Unbehandelt kann ein lädierter Meniskus à la longue das Kniegelenk kaputt und den Einsatz einer Endoprothese, also eines künstlichen Knies, erforderlich machen. „Mindestens ein Drittel meiner Patienten, denen ich ein Kunstknie einsetze, hatte eine unbehandelte Meniskusverletzung.“

Bruno Lässer hat rechtzeitig gehandelt. „Eine MRT zeigte, dass ich einen Meniskuseinriss hatte. Trotz Yogapause wurden die Schmerzen immer stärker, und ein Eingriff wurde nötig. Dr. Gäbler hat mich am 22. Dezember 2014 operiert, am 23. bin ich wieder nach Hause gegangen.“ Aber nicht jeder Meniskuseinriss muss operiert werden, „bei kleinen, stabilen Rissen genügt konservative Therapie.“ Bei akutem Schaden lindert schnelle Kühlung (Eispackung) Schmerz und Schwellung, vielfach werden auch schmerz- und entzündungshemmende Medikamente verschrieben oder Kortisonspritzen ins Knie gegeben. Training und Übungen beim Physiotherapeuten sind ebenfalls sehr wichtig.

Letzteres hat Bruno Lässer freilich auch gemacht. Seit Ende Jänner dieses Jahres läuft der 54-Jährige übrigens wieder, im Juli hat er zwei weitere Viertausender in der Schweiz bezwungen, „kein Problem.“ Nur beim Yoga ist er etwas vorsichtiger geworden, „da muss ich schon aufpassen. Ich kenne viele Yogis, vor allem Männer, die mit den Knien Problemen haben. Wohl auch, weil sie zu ehrgeizig sind.“

Yoga, meint der Arzt abschließend, sei ein sinnvolles Training und nicht Ursache, sondern nur Auslöser für den Riss eines bereits zermürbten Meniskus. „Ab 40 sollte man halt extreme Beuge- und Drehbewegungen vermeiden, Menschen mit Knieproblemen sollten auf den Lotussitz verzichten, das schadet einem reiferen Meniskus.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2015)

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