Stockinger und Vischer: Lasst uns spielen!

Marie-Luise Stockinger und Martin Vischer sind in dieser Spielzeit neu an der Burg und damit an der Spitze des Theaterbetriebs angekommen.

(c) Julie Brass

Kaum einer tönt wohl besser vernehmbar in den Ohren von Schauspielern als der Ruf an die Burg. Selbst außenstehende Beobachter können sich ausmalen, was die Verpflichtung für das Ensemble an diesem wichtigen Theater bedeuten mag. MarieLuise Stockinger etwa, blutjunge Absolventin des Max-Reinhardt-Seminars, hat besagten Ruf sogar noch vor Abschluss der Schauspielschule zu hören bekommen und nimmt sozusagen auf dem Gipfel des Theatergeschehens ihre Berufstätigkeit auf. So will sie das aber gar nicht sehen. „Würde ich ernstlich denken, ich stehe jetzt im Zenit, dann könnte ich ja gar vor lauter Einschüchterung nicht zu arbeiten beginnen“, relativiert die gebürtige Oberösterreicherin. Ihre erste Berührung mit einem möglichen Burgschauspielerstatus machte Stockinger übrigens kurz nach ihrer Ankunft in Wien als Schauspielstudentin im ersten Semester, spätnachts, als sie an einem Würstelstand mit einer Zufallsbekanntschaft ins Gespräch kam: „Der Würstelverkäufer wollte wissen, was ich mache, und ich habe ihm erzählt, dass ich Schauspielerin bin. Also fragte er: ,An der Burg?‘ Und ich so: ,Ja, ja.‘ Dann hat er mir sogar eine zweite Semmel geschenkt.“ Spätestens da war ihr klar, welche Zugkraft das Burgtheater in der Stadt hat: „Diese zweite Semmel am Würstelstand mitten in der Nacht war tatsächlich recht aufschlussreich.“

Wie Stockinger wurde mit der neuen Spielzeit auch Martin Vischer für das Ensemble des Hauses am Ring verpflichtet. Der 34-Jährige hat in den vergangenen Jahren schon verschiedene Stationen durchlaufen, war in Leipzig, Halle, Essen, Hannover – und seit 2012 am Wiener Schauspielhaus. „Dort bin ich in den letzten Jahren sehr gern gewesen. Am Burgtheater ist freilich ein ganz anderes Arbeiten möglich, es gibt andere Ressourcen, die Größe des Hauses ist nicht mit den anderen vergleichbar.“

Neuland, schon betreten. In den vergangenen Monaten konnten beide, Marie-Luise Stockinger und Martin Vischer, bereits Burgtheaterbühnenerfahrung sammeln. Vischer spielte in „Professor Bernhardi“ von Schnitzler, Stockinger in „Antigone“ und „Das Konzert“. Für die nun anstehenden Premieren kommt ihnen dies entgegen. „Das meine ich jetzt im positivsten Sinn, aber es war für mich ganz gut zu sehen, dass das Burgtheater eben doch auch einfach ein Theater ist, weil es wegen seiner großen Bekanntheit wohl ein wenig einschüchternd wirken kann, wenn man es noch nicht von innen kennt“, sagt etwa Vischer. Und ähnlich seine Kollegin: „Dass ich die Bühnen jetzt schon kenne, ist gut. Wenn ich mir sonst denken müsste, ich habe in einem Monat meine erste Burg-Premiere, wäre das schon ein leicht stressiger Gedanke.“

Miteinander auf der Bühne werden Vischer und Stockinger bis auf Weiteres nicht stehen, die Besetzungslisten der ersten Neuproduktionen stehen schon fest. Die erste Premiere mit Martin Vischers Beteiligung wird am 22.  Oktober stattfinden: Er spielt in Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Gorkis „Wassa Schelesnowa“ den Sohn der Titelheldin, Semjon. Marie-Luise Stockinger wieder spielt ab 16.  Oktober in Heiner Müllers „Hamletmaschine“ im Vestibül. Im Dezember wird man sie dann in einer Inszenierung des „Eingebildeten Kranken“ von Herbert Fritsch sehen. Auf diese Zusammenarbeit freut sie sich: „Fritsch steht für mich für eine sehr lustvolle Art von Theater, sehr groß, überzeichnet, tolle Kostüme, eine große Freude am Spielen. Bei solchen Inszenierungen werde ich als Zuseherin wieder zum staunenden Kind.“

Apropos Vorfreude: Die Chance der Zusammenarbeit mit bekannten, ausgezeichneten Regisseuren, diesen Aspekt heben die beiden neuen Ensemblemitglieder hervor. Auch wenn im Arbeitsalltag relativ schnell Normalität einziehen soll: „Spaß macht es dann, wenn es sich nicht anfühlt wie hohe Kunst oder etwas Sakrales, sondern eben ein Beruf, fast ein Handwerk. Wir machen hier Gruppensport, und da spielt es bei Proben oder Vorstellungen keine Rolle, ob wir nun am Burgtheater oder anderswo sind“, meint Marie-Luise Stockinger.

Für jemanden, der – wie Martin Vischer – vor Beginn der Schauspielausbildung kurz Uniluft in Fächern wie Germanistik, Französisch und Philosophie geschnuppert hat, ist es auf besondere Weise stimmig, an ein in viele Richtungen offenes Haus zu kommen: „Mein Bruder ist Philosoph und Völkerrechtler. Unsere beiden Lebenswelten haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Und doch geht es in beiden darum, Spiegel der Gesellschaft zu sein. Umso schöner finde ich es auch, dass ich nun Ensemblemitglied in einem Theater bin, wo kürzlich Slavoj Žižek auf der Bühne vorgelesen hat. So kommt das eine letztlich doch wieder zum anderen.“

Vertrauensvorschuss. Wer, wie die beiden Schauspieler, in einem neuen Umfeld zu arbeiten beginnt, tendiert wahrscheinlich im Besonderen dazu, seine Erwartungen zu überdenken oder neu zu definieren. Nicht zuletzt wegen der Geschehnisse dieses Sommers, in dem sich Millionen Menschen aus Krisengebieten auf die Flucht gemacht haben, stellen sich auch Stockinger und Vischer verstärkt die Frage, wie stark Theater auf die Gesellschaft rückwirken kann, welche Rolle sie selbst als öffentliche Personen spielen sollen. „Jetzt bin ich vielleicht noch nicht ganz so weit“, sagt Marie-Luise Stockinger, „aber ich hatte zuletzt das Gefühl, dass es ganz gut ist, wenn ich eine öffentliche Person bin und etwas sagen kann und weiß, dass man mir zuhört.“ Martin Vischer wieder, der etwa die Kundgebungen in Wien Ende des Sommers als positives Zeichen sieht und als „Beweis dafür, dass man dem rechtspopulistischen Poltern etwas entgegenhalten kann“, findet das Engagement von aufrüttelnden Theatergenies wichtig. Die Radikalität von Schlingensief habe ihn etwa stets beeindruckt, und unter den Regisseuren, die demnächst an die Burg kommen, hebt er besonders den Ungarn Árpád Schilling hervor: „Ich habe hier am Burgtheater seinen Hamlet gesehen, und ein paar Arbeiten in Ungarn, bin von seiner Arbeit sehr beeindruckt. Er ist auch sicher jemand, der einen Kommentar zur gegenwärtigen Lage abgibt, auch und gerade in Ungarn.“

Die Gratwanderung zwischen Unterhaltung und Ernst, zwischen publikumswirksamen und verstörenden Inszenierungen ist – da sind sich Stockinger und Vischer einig – unumgänglicher Teil des Theaterbetriebs. „Unterhaltung kann und muss sein, ist wichtig für jedes Theater, nicht zuletzt wegen der Auslastung, die sie garantiert“, sagt etwa Vischer und ergänzt: „Zugleich habe ich natürlich den Anspruch an das Theater, meine eigene Arbeit, das Publikum, dass da etwas gesellschaftlich Relevantes passieren soll.“ Auch Marie-Luise Stockinger ist sich sicher, dass es neben der Unterhaltung als „Bedürfnis des Menschen“ im Theater doch „Freiraum für Unbequemeres, das auch stattfinden muss“, zu geben habe: „Auch wenn das weltverbesserisch klingen mag, finde ich, dass das Theater auch als politisches Medium begriffen werden muss.“

Doch selbst wenn die Ansprüche groß sind und die Erwartungen an die eigene Rolle im neuen Haus in hohe Höhen geschraubt werden mögen – nicht zuletzt wegen der Vorberichterstattung in manchen Medien: Jetzt geht es den beiden erst einmal darum, das Publikum für sich einzunehmen, und zwar mit ihrem Auftreten auf der Bühne selbst. Marie-Luise Stockinger bringt es auf den Punkt: „Derzeit herrscht so großes Interesse an mir, dass ich mir manchmal denke: Jetzt lasst mich halt erst einmal spielen und zeigen, ob und was ich kann.“

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