„Sommer in Wien, i schmüz dahin“ Vom Glück, das vor der Tür liegt

Die viel reisenden Filmemacher Claudia Pöchlauer und Walter Größbauer erzählen von einem Klavierbauer und seinem liebenswert-skurrilen Mikrokosmos.

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(c) Die Presse - Clemens Fabry

Stünden bei der Wien-Wahl die Protagonisten aus diesem Film zur Wahl, die Entscheidung wäre einfacher. Da ist Restaurator Max aus Slowenien, der mit Niklas in einer Wohnung lebt, die aussieht, als hätte seine Großmutter sie eingerichtet, und der in seiner Freizeit Sonnenschirme sammelt und historische Kleider näht. Da ist Christin, die vor einem halben Jahr noch Christian hieß, und die mit der esoterischen Andrea in ihrem Schrebergarten die „Jedleseer Begegnungstage“ organisiert. Da ist John, der nicht mehr ganz junge Schriftsteller, der sich über zwölf verkaufte Bücher freut. Und da ist, vor allem, Klavierbauer Bernhard Balas, der gern fischt, kocht und isst, und der diesen Wiener Mikrokosmos zusammenhält. Er ist die Hauptfigur in „Sommer in Wien“. Und wäre wohl ein famoser Bürgermeister.

Weil sie über kein großes Marketingbudget verfügen, haben die beiden Filmemacher Walter Größbauer und Claudia Pöchlauer einfach kleine Wahlplakate für die Protagonisten ihrer Dokumentation drucken lassen. In rot-gelb gehalten, kleben sie nun in der ganzen Stadt, werben für den Film – und erinnern in den ersten kalten Tagen an den vergangenen Rekordsommer. Gedreht wurde zwar nicht heuer, aber auch zur Drehzeit war es heiß. Die Stimmung, wenn alles ruhiger ist und schwitzt – die habe gut zu Klavierbauer Bernhard gepasst, finden die zwei.

 

Von Indien ernüchtert

Normalerweise erkunden die beiden Filmemacher (die gemeinsam auch die World-Art-Galerie Fortuna in der Berggasse betreiben) Weltgegenden fernab der Heimat. In Afrika, Indien haben sie in den vergangenen Jahren Filme gemacht, etwa die Trilogie „Next Exit Nirvana“, „Road to Heaven“ und „Indian Dreams“. Er sei immer schon ein Suchender gewesen, sagt Größbauer. „Auf der Suche nach einer besseren Welt. Und rasch ernüchtert.“

Die Projekte im Ausland seien teuer gewesen, aufwendig – und mitunter sogar enttäuschend. Gerade in Indien. Spiritualität, Gewaltfreiheit, das seien die Klischees, die wohl nicht nur er mit dem Land verband. „Dabei ist es eine gewaltvolle Gesellschaft, es herrscht maßlose Korruption, die Spiritualität ist zu einem großen Teil Geschäftemacherei.“ Auch den Afrikanern, die nichts haben und trotzdem ach so glücklich sind, werde vieles nur übergestülpt, ergänzt Pöchlauer. Es sei jedenfalls Zeit gewesen, einmal einen Film in der Heimat zu drehen. Und siehe da: „Manchmal liegt die bessere Welt direkt vor der Haustür.“ Zum Beispiel im 15. Bezirk, in der Werkstatt des Klavierbauers, der für seine Mitarbeiter Fisch in der Werkstatt kocht, mit ihnen draußen auf dem Gehsteig zu Mittag isst und der sich weigert, seine restaurierten Klaviere für viel Geld nach China zu verkaufen, weil das feuchte Klima ihr Tod wäre.

Es sei ein „Mikrokosmos von Individualisten, für die Dinge jenseits des materiellen Wohlstands zählen“, den sie hier begleitet haben, sagt Größbauer. Und Bernhard Balas, einer der liebenswertesten und authentischsten Menschen, die sie je getroffen hätten. „Mit ihm kann man nichts inszenieren. Einmal wollten wir drehen, wie er von draußen in die Werkstatt kommt. Aber er kam nicht – weil ihm eingefallen ist, dass er noch Angelhaken kaufen muss.“

Auf ihn gestoßen sind die beiden über ein kleines Fernsehporträt, das ORF-Redakteurin Pöchlauer über Balas gedreht hat. Später besuchte man gemeinsam eines seiner Werkstattkonzerte. Er habe schon beim Betreten der Räume gewusst, „das ist etwas ganz Besonderes“, sagt Größbauer. Ihr – wirklich witziger – Film sei „ein Plädoyer für Individualismus, für das Anderssein“, und zeige „die Heilwirkung eines selbstbestimmten Lebens auf“. Jetzt hoffen die beiden, dass sich in Vorwahlzeiten „viele Wiener den Film anschauen und sehen, in was für einer wunderbaren Stadt, mit was für wunderbaren Menschen sie leben“.

Untermalt ist die „Mischung aus Feelgoodmovie, Musik- und Heimatfilm“ übrigens vom Machatschek, der im Dreivierteltakt an das Gefühl der vergangenen Monate erinnert: „Es ist Sommer in Wien und i schmüz scho dahin. Die Stadt schwimmt im Schwitz, die Haut pickt am Sitz, die Sunn legt si nieder zum Sterbm.“

ZU DEN PERSONEN

Walter Größbauer war Kaufmann, Fotograf und führte bis 2012 ein Unternehmen als EDV-Trainer. 2003 drehte er „Das Lebens ist reine Glückssache“ über eine Reise durch Ghana, inzwischen macht er nur noch Filme. Claudia Pöchlauer hat Theaterwissenschaften und Völkerkunde studiert und arbeitet seit jeher für das Fernsehen. Gemeinsam betreiben sie in der Berggasse die World-Art-Galerie Fortuna, in der sie Künstler aus Ländern „jenseits des materiellen Wohlstandes“ ausstellen. Ihre Dokumentation „Sommer in Wien“ läuft u. a. in Actor's Studio, Bellaria und De France.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2015)

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