Israel, die Bühne und der Krieg Oder: Wie man seinen Vater findet

Lena Kalisch spielt im neuen Stück von Reinhardt-Seminar und Volkstheater. Eine Rolle, in der für sie viel Persönliches zusammenläuft.

Lena Kalisch
Lena Kalisch
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Man weiß nicht, wo man anfangen soll zu erzählen – um zu erklären, warum hier viele Fäden zusammenlaufen, wenn heute Abend im Volx, dem bisherigen Hundsturm, „God Waits at the Station“ der Israelin Maya Arad Premiere hat. Die Hauptrolle der neuen Kooperation zwischen Volkstheater und Reinhardt-Seminar spielt die Studentin Lena Kalisch. Sie ist darin eine israelische Soldatin an einem Grenzposten – die einer palästinensischen Krankenschwester Durchgang gewährt. Wenig später geht eine Bombe hoch.

Irgendwie, sagt Kalisch, habe sie gespürt, dass sie diesen Part bekommen würde. Yael, der Name der Hauptfigur, hätte auch ihr Name sein sollen, bis sich die Mutter in letzter Sekunde umentschied. Die Uniform, die die deutsche Studentin tragen wird, ist die ihrer eigenen Schwester, die gerade in der israelischen Armee Dienst versieht; ganz unten im Rucksack hat Kalisch die Kleidung aus dem Land geschmuggelt.

 

„Eine Hälfte hat immer gefehlt“

Besagte Schwester hat sie erst vor wenigen Jahren kennengelernt. Damals bekam sie einen ganzen Haufen Familie auf einmal, erzählt Kalisch bei einem Tee im Café Drechsler, einem der vielen Wiener Kaffeehäuser, die die Hannoveranerin gerade am Entdecken ist. Bis sie 18 war, hatte Kalisch ihren Vater nicht gekannt, sieht man von einem Treffen in ihrer Kindheit ab, bei dem sie eine heiße Stunde lang nur stumm danebensaß. Sie wuchs mit wenigen Geschichten und ein paar Fotos auf; lang hatte die gemeinsame Zeit ihrer Eltern in Tel Aviv nicht gedauert. Als Vaterfigur mussten andere einspringen: ein Stiefvater, der Ethiklehrer. „Wenn es notwendig war, habe ich immer jemanden gehabt, um mich mit Wissen zu füttern und mir zu helfen, meine Lebensfragen zu beantworten.“

Und trotzdem – „mir hat immer eine Hälfte gefehlt“, erzählt Kalisch. 2008 buchte sie einen Flug. Suchte den Namen ihres Vaters, eines Fotografen, im Internet, fand eine Telefonnummer und rief an. Trotz der Angst, nicht erwünscht zu sein, eine Familie zu zerstören. „Es war für mich essenziell zu wissen: Wo komme ich her? Lag es an mir, dass er gegangen ist?“ Bei allem habe sie die Figur des unbekannten Vaters mitgedacht.

Auch, dass sie beim Theater gelandet ist, habe wohl damit zu tun. „Die Bühne war für mich immer der Ort, wo Magie passiert, wo sich Erwachsene darauf einlassen, dass Geschichten wahr sind. Ein sicherer Ort, wo man alles rauslassen kann: Kreativität, Verrücktheit, Wut.“ Und immer, sagt Kalisch, habe sie sich dabei vorgestellt, dass ihr Vater dabei ist, sich hineinschleicht, sie sieht. Immer gehe es auch darum: ums Gesehenwerden.

Ihren Vater hat sie mittlerweile oft gesehen. Auf ihren Anruf folgte ein langes E-Mail ihrer Tante, das nächste kam von ihren Großeltern: Sie sei das zehnte Enkelkind, man warte auf sie. Zur neuen Familie kam ein neues Gefühl. Jenes von Heimat. „Das kannte ich bis dahin nicht.“ Erlebt hat sie es in der Wüste. „Als ich das erste Mal aus dem Bus gestiegen bin, war ich im Schockzustand.“ Inzwischen hat sie das Land bereist, kennt das von Soldaten geprägte Straßenbild.

Mittlerweile ist über Israel von einer möglichen dritten Intifada der Palästinenser zu lesen. Dass die Schwester dient, sei für sie schwierig, sagt Kalisch. „Ich weiß nicht, worüber ich mit ihr reden kann. Wir leben auf zwei verschiedenen Planeten.“ Dass ihr jüngerer Bruder den Dienst, das verbindende Element der israelischen Gesellschaft, gerade abgelehnt hat, macht sie stolz. Auch deshalb, weil Verweigerung in dem Land „ein Riesending ist“. Gefragt werde man erst ganz am Ende des Stellungsprozesses; da hatte das Militär ihrem Bruder schon eine glänzende Karriere als Pilot in Aussicht gestellt.

Das Stück von Maya Arad sei sehr vereinfacht geschrieben, „aber ich bin dankbar dafür“. Anders sei der verhängnisvolle Knoten aus Ursache und Wirkung in diesem Konflikt nicht mehr nachzuvollziehen. „Jeder ist immer gleich persönlich betroffen.“ Während der Vorbereitungen hat ihr Vater sie zum ersten Mal besucht. Die Probenfotos zum Stück stammen von ihm.

AUF EINEN BLICK

Lena Kalisch wurde 1989 in Hannover geboren und studiert im dritten Jahr Schauspiel am Max-Reinhardt-Seminar. Sie spielt die Hauptrolle in „God Waits at the Station“ der Israelin Maya Arad. Neben Kooperationen mit dem Akademietheater und dem Theater in der Josefstadt ist das Stück der Beginn einer neuen Zusammenarbeit des Max-Reinhardt-Seminars mit dem Volkstheater. Premiere ist heute, Samstag, Abend im Volx in Margareten, dem ehemaligen Hundsturm. Weitere Termine:

11., 13., 14. und 15. Oktober.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2015)

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