Ferruccio Furlanetto: "Wie viele Götter gibt es denn?"

Seit dreißig Jahren singt Ferruccio Furlanetto an der Wiener Staatsoper die größten Bassrollen. Nur in Mozart-Opern wird das Publikum ihn nicht mehr auf der Bühne sehen.

Ferruccio Furlanetto: „Ich glaube nicht. Ich glaube nicht an Götter, die andere kreiert haben.“
Ferruccio Furlanetto: „Ich glaube nicht. Ich glaube nicht an Götter, die andere kreiert haben.“
Ferruccio Furlanetto: „Ich glaube nicht. Ich glaube nicht an Götter, die andere kreiert haben.“ – Die Presse

Sie sind in einem kleinen Ort im Friaul geboren. Verbringen Sie heute noch viel Zeit in Ihrer Heimat?

Ferruccio Furlanetto: Nein, meine Mutter ist vergangenen April gestorben. Bis dahin bin ich, so oft ich konnte, zu ihr gefahren. Jetzt nicht mehr. Ich bin hier in Wien, wo ich mich zu Hause fühle. Mein Sohn lebt in Australien.

 

Das ist sehr weit weg.

Ja, aber es ist sehr schön für mich zu sehen, wie glücklich er und seine Frau – sie stammt aus dem Friaul – dort sind. Australien gibt jungen Menschen eine Zukunftsperspektive, das haben wir hier verabsäumt. Und es ist auch nicht schwierig für mich, dass er so weit weg ist, denn ich bin seit 40 Jahren gewohnt, dauernd zu reisen. Reisen ist Teil meines Lebens. Und dann gibt es ja Skype, das ist ein großer Vorteil. Sogar meine Mutter hat mit 93 Jahren mit mir noch täglich geskypt, wo auch immer ich war. Sie sah mich öfter als meinen Bruder, der nur wenige Kilometer von ihrem Haus entfernt wohnte. Ich habe mit ihr sogar einen Tag vor ihrem Tod noch geskypt, und ich konnte sehen, dass sie wie eine kleine Kerze kurz vor dem Erlischen steht.


Wo waren Sie, als sie starb?

Ich war in New York. Ich erfuhr es am Nachmittag, und ich hatte an diesem Abend Philipp II. in „Don Carlo“ zu singen. Ich habe niemandem davon erzählt und die Vorstellung nicht abgesagt. Ich wollte trotzdem singen. Und ich kann Ihnen eines sagen: Dieser „Don Carlo“ war wohl der beste, den ich je gegeben habe, denn ich fühlte ihre Präsenz. Nun konnte sie ja reisen. Es war ganz besonders. Die Aufführung wurde auch übertragen. Ich finde, man hört, dass es ganz besonders war. Ich hadere auch nicht mit ihrem Tod. Meine Mutter hat ein langes und glückliches Leben geführt.


War Ihre Mutter ein positiver Mensch?

Auf ihre Weise schon. Aber am Ende hatte sie Angst vor dem Sterben.

 

Was fürchtete sie?

Sie war schon gläubig. Sei es auch nur deshalb, weil ja jeder gläubig sein musste. Aber am Ende, da konnte ich ihre Zweifel sehen. Sie wollte nicht gehen . . . Ich vermisse sie. Vielleicht auch wegen des täglichen Skypens. Lange Zeit bin ich in der Früh aufgewacht und zum Computer gegangen und dann – wie ein Blitz: Nein, sie ist ja nicht mehr.

 

Sind Sie gläubig?

Nein. Ich glaube nicht an den Gott, den andere kreiert haben. Religion war immer schon eine gute Rechtfertigung, und zwar für alles: für Politik, für Geld, für Krieg. Denn die Religion verkauft „das Leben danach“. Aber es gibt dafür keinen Beweis. Dazu kommt bei mir noch etwas: Ich habe zu oft König Philipp II. gespielt. Die Beziehung zwischen ihm und der Kirche war sehr eng. Und warum? Philipp hatte davon extreme Vorteile. Nicht zuletzt die Kolonialisierung Amerikas, bei der er mit dem Segen der Kirche Millionen Menschen umbringen ließ.

 

Aber Kirche und Gott, diese beiden Begriffe sind nicht gleichzusetzen.

Okay, wir haben ein Welt voll Schönheit geschaffen – denken Sie an die Kunst. Aber trotzdem: Wir sind im Verhältnis zum Universum so klein. Aber wir bilden uns ein, all das ist aufgrund unseres Gottes passiert. Übrigens: Wie viele gibt es denn eigentlich? Jede Religion hat ihren eigenen. Noch etwas: Dieser Tage spielen wir an der Wiener Staatsoper „Macbeth“. Zu seiner Zeit spielte Hexerei eine große Rolle, sie war nichts anderes als eine Religion. Die Hexen rechtfertigten Macbeths Handeln. Und glücklicherweise haben wir auch Schriften der alten Griechen und der Ägypter. Heute lachen wir über ihre vielen Götter. Vielleicht brauchen Menschen eben einfach „etwas“ – aus welchen Beweggründen auch immer.

 

Haben Sie je mit Herbert von Karajan über dieses Thema gesprochen? Gegen Ende seines Lebens sagte er einmal sinngemäß: Wenn Gott einem Menschen so viel Fähigkeiten, so viel Genie gibt, muss er doch auch für ein zweites Leben sorgen.

Ich weiß, er dachte so, und er hat vollkommen recht. Wenn wir im Leben in etwas gut sind, dann haben wir es von der Natur bekommen. Ich will nicht „Gott“ dazu sagen. Aber wie wollen Sie die Natur erklären? Diese Chemie, die Sie, mich, Karajan oder Mozart zusammengebaut hat. Wobei – Mozart, glaube ich, war ein Alien. Niemand kann schreiben, was er geschrieben hat, ohne diesen außerirdischen Spirit.

 

Was würden Sie Mozart sagen wollen, könnten Sie ihn treffen?

Bitte mach weiter!

 

Was hätte wohl ein 50-jähriger Mozart zu komponieren vermocht?

Denken Sie nur an sein Requiem. Dieses Werk ist der Grund, weshalb ich glaube, dass er ein Außerirdischer war. Es ist jenseits menschlicher Möglichkeiten. Wobei auch das Verdi-Requiem ausreicht, um ein Supergott zu sein. Aber Mozart . . .

 

Heute singen Sie keine Mozart-Opern mehr. Wieso nicht?

Weil er all diese Rollen für „Giovanotti“ geschrieben hat. Don Giovanni, Figaro, Leporello – sie alle sind junge Männer. Mich hat ein Erlebnis vor vielen Jahren aufgerüttelt. Da habe ich an der Met die „Figaro“-Produktion von Jean-Pierre Ponnelle gesehen. José van Dam, ein großartiger Interpret, sang den Figaro. Er war damals 55 Jahre alt. Er war perfekt – das heißt – fast: Am Ende hatte er die Stiegen hinaufzugehen. Und das tat er. Und er tat es wie ein 55 Jahre alter Mann, nicht wie ein 35-Jähriger. Damals sagte ich mir: „Vergiss nie, dieser Tag wird auch bei dir kommen.“ Und er kam.

 

Wann?

Ich habe meinen letzten Figaro in New York 2004 und den letzten Don Giovanni 2005 in Wien gegeben. Stimmlich könnte ich diese Rollen leichter denn je singen. Das tue ich auch bei Konzerten, und es macht mir sehr viel Spaß. Aber ich fühle mich nicht mehr wie jemand, der auf der Bühne herumspringt und -rollt. Jetzt will ich Boris Godunow und Don Quichotte sein. Meine Persönlichkeit verlangt nach diesen Charakteren. Ich bin in der glücklichen Situation, ein Bass zu sein und ein großes Repertoire zu haben. Das gibt mir ganz viele Möglichkeiten.

 

Planen Sie, neue Rollen zu singen?

Nächstes Jahr nicht. 2017 werde ich bei den Salzburger Festspielen in „Lady Macbeth von Mzensk“ den Boris singen. Mariss Jansons hat mich gefragt, und ich habe sofort zugesagt – seinetwegen. Aber viel wichtiger als neue Rollen ist für mich, das fortzusetzen, was ich gerade mache. Es gab nur zwei Rollen, von denen ich mir eingebildet habe, ich müsse sie unbedingt spielen. Vergeblich. Das war jugendlicher Leichtsinn.

 

Welche Rollen waren das?

Die eine war Falstaff.

 

Falstaff ist ein Bariton.

Ich sah 1980 eine Ponnelle-Produktion, in der Renato Capecchi, ein sehr dunkler Bariton, den Falstaff sang. Aus irgendeinem Grund glaubte ich, wenn ich lang Zeit hätte, könnte ich das auch machen. Die Oper in San Diego besetzte mich. Ich begann, den Prolog zu studieren. Aber ich sah schnell, dass Falstaff nur ein Bariton singen kann. Ich sagte San Diego eineinhalb Jahre vor der Premiere, sie sollten besser jemand anderen nehmen.

 

Und das zweite Trauma?

Das war der Baron Ochs im „Rosenkavalier“. Da bin ich an der deutschen Sprache gescheitert. Die Textmenge ist enorm. Ich musste die ganze Zeit daran denken, welches Wort als Nächstes kommt. Und wenn das so ist, kann man keinen Charakter darstellen. Daher entschied ich, dass ich weder mir noch Richard Strauss noch dem Publikum das antun konnte.

 

Wenn Sie Franz Schuberts „Winterreise“ singen, haben Sie sich auch eine Fülle an Text zu merken. Wie kriegen Sie das hin?

Es ist einfacher, weil es kleine Einheiten sind, viele Lieder. Und bedenken Sie eines: 1991 habe ich das erste Mal mit dem Gedanken gespielt, irgendwann einmal „Winterreise“ zu singen. Und erst vor vier Jahren habe ich sie aufgenommen. Es hat also eine lange Zeit gebraucht. Nicht deshalb, weil die „Winterreise“ so schwierig ist. Vielmehr hatte ich davor nicht das Gefühl, es wäre der richtige Zeitpunkt, sie zu singen; emotional, geistig, ich hatte sie zuvor noch nicht richtig verdaut. Und das wird sie auch niemals sein.

 

Wollen Sie auch Schumann-Lieder singen?

Ja, und Brahms' „Vier ernste Gesänge“. Ich liebe sie. Aber ich nehme mir die Zeit, die ich brauche. Wie immer.

 

Herr Furlanetto, darf man Sie auch fragen...


1. . . ob sich Wien, seitdem Sie hier leben, verändert hat?

Ich lebe hier seit 2002. Nein, die Stadt ist immer noch großartig, sauber und sicher. Das haben sie in keiner anderen großen Stadt. Aber London ist immer noch meine Lieblingsstadt.


2. . . ob Sie sich vorstellen können, wieder in Italien zu leben?

Ich könnte nicht mehr zurückgehen. Als ich das erste Mal 1980 nach England kam, hatte ich das Gefühl, auf einem anderen Planeten gelandet zu sein. Ich hielt die Mentalität nicht aus. Heute ist es genau umgekehrt. Ich fühle mich dort extrem wohl und halte die der Italiener nicht mehr aus.


3... was Sie an Italien stört?

Das Land ist großartig. Aber ich ertrage das politische System nicht. Es ist korrupt, und Korruption verbreitet sich wie Krebs. Politiker haben nicht mehr wie früher das Gute für das Land im Sinn, sondern nur den eigenen Vorteil vor Augen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2015)

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