Die „Geilheit“ der Wiener Musik

Die Neuen Wiener Concert Schrammeln feierten ihren 20er mit Weggefährten wie Robert Meyer, Karl Markovics und Karl Ferdinand Kratzl.

 Neuen Wiener Concert Schrammeln
 Neuen Wiener Concert Schrammeln
Neuen Wiener Concert Schrammeln – (c) Photo: Stephan Mussil

Ein Schrammelquartett besteht, wie der Name schon sagt, aus vier Musikern: Peter Uhler, Johannes Dickbauer, Nikolai Tunkowitsch, Helmut Stippich, Walther Soyka und Peter Havlicek. Moment, Korrektur: Ein Schrammelquartett besteht, wie der Name schon sagt, aus sechs Musikern.

Eigentlich ist es nur konsequent, dass die Neuen Wiener Concert Schrammeln (NWCS) das Widersprüchliche, die Unschärfe, das notorische „Entweder-und-oder“ der Wiener Musik – einer Musik, in der sich ein richtig gespielter Marsch dadurch auszeichnet, dass man dazu nicht marschieren kann – auch in ihrer Besetzung widerspiegeln. Seit einigen Jahren ist dieses Quartett also zu sechst, wobei freilich immer nur vier gleichzeitig auf der Bühne sind. Es hat sich so ergeben. „Ein Glücksgriff, wir haben es keine Sekunde bereut“, sagt Havlicek.

Beim Jubiläumskonzert zum 20er im Wiener Konzerthaus frönte man dem fliegenden Musikerwechsel, und auch die prominenten Gäste wechselten im Zehn-Minuten-Takt – musikalische Wegbegleiter, mit denen die NWCS in den vergangenen zwei Dekaden Programme realisierten: Mit Volksopern-Chef Robert Meyer erkundeten sie den Venusberg (Tannhäuser in 80 Minuten), mit Wolfgang Böck stiegen sie in die Seelen „fon de hausmasda und de möada“ hinab, mit Wolfram Berger erörterte man jene Fragen, die nach den letzten kommen („Sind in der Sahara, die Wirte wirklich rarer?“).

Zur Auferstehung ein Zapferl

Dass Traude Holzer als „Vamp von Favoriten“ in einer eigenen Liga spielt, musste zwar nicht mehr bewiesen werden, ist aber immer wieder erfrischend; ebenso, was Karl Ferdinand Kratzl zum unterschätzten Thema der „Auferstehungszapferln“ mitzuteilen weiß, was indes wenig mit Gisela Salchers „Himmlischem Behagen“ zu tun hat. Mit dem „Laternderl“ heimgeleuchtet haben dem Publikum schlussendlich Karl Markovics und Wolf Bachofner. Ein wüstes Kompott also, und das Unglaubliche daran: Der Abend hat funktioniert, zusammengehalten von dem sechsköpfigen Quartett.

Von Beginn an war es das Markenzeichen der NWCS, nie ein Stück zweimal gleich zu interpretieren und besonders bei den Tempi die Extreme auszureizen. Nun, mit den wechselnden Besetzungen, hat sich dies noch einmal verschärft, „und diese Entwicklung ist noch lang nicht zu Ende“, meint Havlicek, der gerade darin die „Wahnsinnigkeit, Schönheit und Geilheit dieser Musik“ ausmacht. Auch wenn es historische Vorbilder wie die Spilar-Schrammeln oder das Waldschnepfen-Terzett gibt, die wesentlichen Impulse zieht man aus der Musik selbst, erklärt Geiger Nikolai Tunkowitsch: „Wie wir ein Stück spielen, verschiebt sich, je öfter man es vor Publikum spielt, je tiefer man hineinhört.“

Die NWCS, die deshalb auch nach 20 Jahren das „neu“ mit vollem Recht im Namen tragen, sind also kaum festzunageln, und trotzdem ist ihr Sound unverwechselbar geblieben. Da ist er wieder, der unverwüstliche Wiener Widerspruch, in dessen ausschließlichem Sinne auch die letzte der 20 von Otto Brusatti eingangs verlautbarten Thesen zu interpretieren ist: „Die Neuen Wiener Concert Schrammeln gehören verboten.“ Kann eigentlich nur heißen: Man schreibe sie umgehend in der Verfassung fest.

AUF EINEN BLICK

Die Neuen Wiener Concert Schrammeln wurden 1995 gegründet, von der damaligen Besetzung sind noch Primgeiger Peter Uhler und Kontragitarrist Peter Havlicek an Bord. Zum Jubiläum legte die Gruppe ihre achte CD „Zwanzig“ vor, erschienen bei Col Legno.

Zu hören sind die NWCS unter anderem jeden ersten Montag im Monat im Liebhartstaler Bockkeller (www.wvlw.at): Am „Schrammelmontag“ ist nicht nur zuhören, sondern auch mitschrammeln gefragt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2015)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Die „Geilheit“ der Wiener Musik

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.