Stefanie Sargnagel: "Ich bin ein Beisl-It-Girl"

Kunst, Literatur und Callcenter: Die Konstanten in der Welt der Wiener Facebook-Schriftstellerin Stefanie Sargnagel.

Stefanie Sargnagel
Stefanie Sargnagel
Stefanie Sargnagel – Katharina Roßboth

Ein bisschen traurig liegen zwei luftleere Bälle auf dem Grund des herrschaftlichen Swimmingpools in Währing, der schon zur Überwinterung vorbereitet wurde. Gerade die rechte Szenerie für einen Fototermin mit der Autorin und Künstlerin Stefanie Sargnagel, deren zweites, weitgehend aus Facebook-Statusupdates bestehendes Buch "Fitness" dieser Tage erscheint. Mit Sport im engeren Sinn habe es aber gar nichts zu tun, versichert Sargnagel, die mit ihren unkonventionellen Texten eine rasch wachsende Fangemeinde zu begeistern vermag. Großer Beliebtheit erfreuen sich etwa Sargnagels Lesungen, bei denen sie, von Brotberuf Callcenter-Mitarbeiterin, das Publikum unter anderem durch den Vortrag ihrer Telefonauskunft-Protokolle unterhält. Mit dem "Schaufenster" sprach Sargnagel im nasskalten Blätterwald über ihr Dasein im Dazwischen der Genres, den Smartphone-Effekt in ihren Büchern und Literatenmeerschweinchen.

Als ich vor einiger Zeit für ein Interview auf der Suche nach Wiener It-Girls war, nannte Martin Amanshauser Sie als ein It-Girl der Literaturszene. Können Sie damit etwas anfangen?

Ich habe den Witz ja selbst gemacht in einem Post auf Facebook, weil ich mich in dem, was ich mache, oft schlecht positionieren kann. Ist es Humor, ist es Literatur, ist es etwas dazwischen keine Ahnung. Darum finde ich It-Girl ganz passend. Aber natürlich bin ich kein glamouröses It-Girl, sondern eher so ein Beisl-It-Girl oder ein Subkultur-It-Girl. Eine It-Sandlerin.


Ein It-Girl des Anti-Establishments in jedem Fall?

Nicht zwingend, aber mich zieht das Untergründige mehr an als das Glamouröse. Darum gab es für mich auch kaum den Anreiz, mich in der Kunstwelt zu etablieren. Ich fühle mich noch eher auf einem Wagenplatz daheim als auf einer Art-Basel-Afterparty.


Sie studieren in der Malereiklasse von Daniel Richter an der Bildenden seit wann genau?

Seit 2006, aber zuletzt habe ich keine Studiengebühren mehr eingezahlt und habe das Studium auch nie ganz ernsthaft betrieben. In meiner Mappe bei der Bewerbung waren lauter Comics, und ich sehe mich nicht als die große Ästhetin. Mir war es immer lieber, trashige Fanzines zu machen als Kunst. Und bezeichnenderweise wurde ich in fast zehn Jahren an der Akademie nie zu einer der Ausstellungen eingeladen, bei denen sich dort alle ständig gegenseitig ausstellen.


Das zieht sich durch: Sie studieren Kunst, ohne in die Kunstwelt zu wollen. Sie schreiben Bücher, haben mit dem Literaturbetrieb nichts am Hut ...?

Alles, was ich mache, ist eben ein Zwischending. Nur humoristisch ist es immer, aber das macht es nicht einfacher. Kunst darf nicht zu lustig sein, sonst wird sie zum Cartoon. Literatur soll auch nicht zu lustig sein, sonst gilt sie als Kalauer- oder Witzesammlung.

Das Lustige hat insgesamt keinen hohen Stellenwert in der Kulturproduktion, nicht?


Nur bedingt. Man spricht allem Lustigen schnell die Tiefe ab, auch Kabarett wird nicht wirklich ernst genommen. Dabei kenne ich nur sehr wenige Leute, die wirklich lustig sein können.


Mich erinnern Ihre Texte, nicht inhaltlich, aber von der Tonalität her, mitunter an Christine Nöstlinger. Ist das legitim?

Ja, total, ich sage auch oft, dass ich stark von ihr beeinflusst wurde. Oder nicht beeinflusst, aber ich habe viele ihrer Bücher gelesen. Das Unverblümte und Realistische, Ehrlich-Direkte bei ihr mag ich sehr, auch, wie sie zum Beispiel Außenseiterfiguren darstellt und dabei eben doch extrem lustig bleibt. Nöstlinger und Deix nenne ich immer auf die Frage, wer mich am meisten geprägt hat.

Sie ziehen sich häufig auf Ihre Außenseiterposition und Sonderstellung als Facebook-Literatin zurück. Warum dies?

Ich passe einfach nirgends wirklich hinein, auch als Satirikerin gehe ich eigentlich nicht durch. Der Einzige, der eine ähnliche Position zwischen den Stühlen besetzt und der mir einfällt, ist Tex Rubinowitz. Ich negiere den Literaturbetrieb ja gar nicht, ich sage nur, was ich mache, passt nicht hinein, ebenso wenig wie in den klassischen Kunstbetrieb.

Ihre Bücher nähren sich aus den Status-Updates auf Ihrem Facebook-Profil. Sind diese Einträge gar nicht gefiltert?

Weitestgehend nicht. Für meine Bücher habe ich sie aber schon umgeordnet, durchgekämmt, zum Teil umformuliert oder verlängert. Wirklich lange Texte stressen mich aber eigentlich, ich mag das Kurze. Trotzdem hat sich vom ersten zum zweiten Buch einiges verändert: "Binge Living" geht über einen Zeitraum von fünf Jahren. Bei "Fitness" hatte ich schon ein Smartphone, das heißt, in
den vergangenen eineinhalb Jahren habe ich viel häufiger gepostet, vieles davon ist für das Buch jedoch in meinen Augen zu belanglos.

Ihre Bücher bieten sich für ein Leseverhalten an, das jenem bei Aphorismenliteratur ähnelt: Man schlägt irgendwo auf, kann kurz hineinschmökern und sich unterhalten fühlen.

Ja, wie bei einem Witzebuch. Das funktioniert auf jeden Fall besser bei den gedruckten Büchern. Ich höre manchmal, dass Menschen, denen mein Facebook-Feed empfohlen wird und die ihn abonnieren, anfangs nicht sicher sind, wie das funktioniert oder wie ich drauf bin. Vielleicht ist ein Buch auch gar nicht unbedingt notwendig in meinem Fall, aber es hilft mir persönlich, etwa, um Förderungen beantragen zu können, oder ein Stipendium.

Darum auch in Ihrem zweiten Buch die Widmung "Für mich"?

In erster Linie fand ich das einfach witzig, weil die ganze Angelegenheit ja etwas Egomanes an sich hat.

Printmedien wird oft zum Vorwurf gemacht, dass sie ihre Inhalte im Web gratis anbieten. Ihre Leser könnten auch sagen: Wozu das Buch kaufen, ich abonniere den Facebook-Feed ...

Ich glaube, dass viele mein Buch vielleicht als eine Art von Crowd-funding kaufen. Und es gibt bestimmt Leser, die nicht auf Facebook sind oder mich dort nicht finden würden. Wenn man kein Bestseller-Autor ist, verdient man mit Literatur aber ohnehin nicht das große Geld, da kommen eher andere Einkommensquellen dazu, die über Umwege wegen der Buchveröffentlichungen zustande kommen. Da ich ohnehin nicht den Anspruch habe, Autorin im klassischen Sinn zu werden und zwei Jahre an meinem nächsten Buch zu feilen, bis es perfekt ist, sondern sowieso machen würde, was ich mache, habe ich kein Problem damit, mein Geld zum Beispiel eher mit Lesungen zu verdienen als durch Buchverkäufe. So oder so haben die Aufträge, die ich bekomme, mit meiner Reichweite zu tun; die ist aber nur zum Teil an die Veröffentlichung der gedruckten Bücher gebunden.

Wird auch viel auf Ihrer Facebook-Pinnwand kommentiert?

Ja, und manchmal ist das auch recht nervig. Am Anfang hatte ich eine recht coole Hipster-Crowd, da waren die Kommentare zum Teil sehr lustig. Das hat sich mittlerweile geändert, manche sagen sogar, sie lesen mich nicht mehr auf Facebook, weil sie die Comments nicht mehr aushalten. Das Nervigste sind gar nicht die Beschimpfungen, die finde ich zum Teil sogar amüsant, sondern ewig lange und fade Kommentare.

Die Versammlung so vieler Statusupdates gibt Ihren Büchern einen eigenen Rhythmus, etwas Staccatoartiges. Aber das Kurze liegt Ihnen, sagen Sie?

Ich finde es immer recht komisch, darauf angesprochen zu werden, ob ich für die Zukunft jetzt einmal etwas Längeres plane, weil ich ja nicht noch ein Facebook-Buch machen kann. Wieso nicht, es hat immer Autoren gegeben, die nur Aphorismen geschrieben haben oder immer nur Kolumnensammlungen herausbringen. Ich weiß ganz genau, wenn ich manche meiner Texte in eine andere Form bringen würde, mit anderen Zeilensprüngen und Abständen, würden sie sofort als Gedichte in einem Lyrikband durchgehen. Aber sobald klar ist, das ist ein Facebook-Statusupdate, werden die Texte ganz anders rezipiert.

Das ergibt sich aus der immanenten Logik des Literatursystems.

Mag sein, aber das heißt nicht, dass ein Kurztext schlechter ist, nur weil er zuerst auf Facebook gestanden ist. Umgekehrt gibt es manche Autoren, die sich auf Twitter spielen und die es aber einfach nicht draufhaben. Das eine ist nicht mehr wert als das andere, es sind einfach unterschiedliche Fertigkeiten.

Stefanie Sargnagel ist Ihr Autorinnenpseudonym. Eine weitere Kunstfigur in Ihren Texten ist dann noch Stefanie Fröhlich, als die Sie Ihre Callcenter-Dialoge führen.

Stefanie Fröhlich ist einfach mein Callcenter-Pseudonym. Überhaupt poste ich diese Dialoge nur, weil ich weiß, dass sie gut ankommen; mich öden sie eigentlich eher an, weil sie so normal sind. Solche komischen Dienstleistungsdialoge kann jeder aufschreiben. Ich finde die Dialoge als Auflockerung in den Büchern wichtig, und auch bei Lesungen kommen sie immer gut an.

Gibt es Sargnagel-Groupies, die im Callcenter anrufen und nach Stefanie Fröhlich verlangen?

Nein, weil ich mich im Callcenter nochmals anders nenne, damit genau das nicht passieren kann. Stefanie Fröhlich ist also nicht das Pseudonym, das ich im Arbeitsleben einsetze.

Werden Sie wegen Ihres steigenden Bekanntheitsgrades vorsichtiger in Ihren Facebook-Postings?

Ein bisschen vielleicht, besonders beim Dissen passe ich mehr auf als früher, weil ich keine Lust habe, dass ein witzig gemeintes Statusupdate von Medien aufgegriffen und zum Thema gemacht wird. Eigentlich ist das schade, weil ich das schon immer gern gemacht habe. Es kann auch sein, dass ich allmählich eine neue Methode entwickle oder wieder größeres Bedürfnis nach Privatheit auf Facebook empfinde, wenn zum Beispiel mit dem zweiten Buch und durch die anstehende Lesereise durch Deutschland eine neue Reichweitensteigerung auf mich zukommt. Vielleicht lasse ich das Profil dann nur mehr jeden zweiten Tag offen und poste sonst nur für meine Freunde. Es passiert mir mittlerweile sogar manchmal, dass ich etwas poste und nach kurzer Zeit von öffentlich auf privat stelle, weil ich nicht will, dass alle meine Follower darauf zugreifen können. Das ist mir früher nie passiert.

Haben Sie selbst den Titel Ihres zweiten Buches ausgesucht, "Fitness"? Um Sport geht es vordergründig ja kaum.

Ja, es gab ein paar Varianten zur Auswahl, auf einmal musste alles sehr schnell gehen, und am Ende fand ich "Fitness" eigentlich ganz passend, weil es auch auf meine momentane Situation ganz gut anwendbar ist. Weil ich selbst fitter werden muss, im Sinne von Erwachsenwerden, weniger slacken als vorher. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Ist es absehbar, dass Sie Ihren Job im Callcenter aufgeben?

Ich strebe das gar nicht unmittelbar an. Ich gehe da fast jeden Tag hin, also fünfmal die Woche. Nur dass ich Urlaub nehmen muss, um Lesungen geben zu können, finde ich schade, weil ich schon auch gern verreise. Andererseits finde ich den Job gut, weil er meinen Tagen eine Struktur gibt, was ich spätestens seit meiner Bildungskarenz schätze, die sich eher als Desaster entpuppt hat.

Ihre Lesungen sind zumeist gut besucht, es gab zuletzt schon keine Vorverkaufskarten mehr für die Präsentation von "Fitness" im Schauspielhaus am 10. November. Sind Sie also genau genommen eine Facebook-Literatur-Performerin?

Keine Ahnung, es macht mir auf jeden Fall Spaß, vor Publikum zu lesen. Das ist wieder eine andere Form von Entertainment, und weil ich ja lustig sein will, mag ich es auch, wenn ich die Leute zum Lachen bringe. Aber auch da ist, was ich mache, nicht leicht einzuordnen. Ich werde zum Beispiel eher nicht ins Kabarett Niedermair eingeladen werden, obwohl ich das Publikum bestimmt gut unterhalten könnte. Ins Literaturhaus aber auch nicht, weil die ja nicht finden, dass es Literatur ist, was ich mache. Für Literaturinstitutionen darf es nicht zu unterhaltsam sein, sondern lieber langweilig und schwermütig.


Insofern wären Sie aber fast perfekt für den Bachmannpreis, wo es ja in erster Linie um das inszenierte Spektakel geht.

Ich würde mir wahrscheinlich schwertun damit, eine Einladung abzulehnen, wenn es eines Tages dazu kommen sollte, auch wenn ich momentan überhaupt keine Lust habe, einen längeren Text zu schreiben. Aber es ist auch nichts, von dem ich sage, das möchte ich unbedingt einmal machen.

In der Literatur sind solche Selbstdarstellungsplattformen weniger zahlreich als in der Kunst.

Definitiv, in der Malerei, so wie ich sie erlebt habe, geht es immer noch mehr um die Person, weil man meiner Meinung nach die Qualität der Arbeit nicht immer gleich fassen kann. Das ist in der Literatur tendenziell anders, finde ich, darum gibt es dort auch noch mehr Nerds, reine Schreibtischtäter, die über ihren Texten brüten und keine besonders glamouröse Persönlichkeit haben müssen. Im Unterschied zu Musikern und Künstlern, die ich kenne, sind Schriftsteller weniger unterwegs und insgesamt irgendwie normaler. Das war auch der Eindruck, den ich hatte, als ich mich um Aufnahme in das Sprachkunst-Studium der Angewandten bemüht habe. Bei vielen Literaten kann ich mir ganz gut vorstellen, dass die daheim ein Meerschweinchen haben.

Haben Sie eine Ahnung, wie Ihre Karriere jetzt, nach der Veröffentlichung des zweiten Buches, weiter verlaufen könnte?

Nein, keine Ahnung. Mit dem Verlag hatte ich einen Vertrag über zwei Bücher, die sind jetzt erschienen. Ich bin mir echt nicht sicher, ob ich so ein Facebook-Buch noch einmal machen würde, ich wollte das zweite phasenweise eigentlich schon nicht machen. Ein befreundeter Künstler hat einmal zu mir gesagt, er findet, man sollte nichts zweimal machen. Vielleicht würde ich als Nächstes lieber einen Rap machen als noch so ein Buch. Einen Kurzfilm, ein Kleidungsstück. Den Gedanken finde ich ganz lustig. Dass ich nirgends reinpasse, entpuppt sich oft auch als Vorteil, weil ich viele verschiedene Angebote bekomme.

Bücherherbst

"Fitness" erscheint im Redelsteiner Dahim ne Verlag und wird im Wiener Schauspielhaus am 10. 11. um 20 Uhr vorgestellt. Ein weiteres
Launchevent folgt am 12. 12. im Wiener Flex. facebook.com/stefanie.sargnagel

 

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