Hannah Lessing: "Wir können Versöhnung nicht erzwingen"

Seit zwei Jahrzehnten leitet Hannah Lessing den Nationalfonds für Opfer des NS-Regimes. Und so lange beschäftigt sie sich auch mit den Themen Flucht und Fluchtwege.

„Du kannst ka Wienerisch?“, hat ein im Exil lebender Wiener Hannah Lessing entsetzt gefragt.„Du kannst ka Wienerisch?“, hat ein im Exil lebender Wiener Hannah Lessing entsetzt gefragt.
„Du kannst ka Wienerisch?“, hat ein im Exil lebender Wiener Hannah Lessing entsetzt gefragt.„Du kannst ka Wienerisch?“, hat ein im Exil lebender Wiener Hannah Lessing entsetzt gefragt.
„Du kannst ka Wienerisch?“, hat ein im Exil lebender Wiener Hannah Lessing entsetzt gefragt. – Die Presse

Den Nationalfonds für die Opfer des Nationalsozialismus gibt es seit 20 Jahren – und so lange stehen Sie dem Fonds vor. Sie sagen auch immer, dass es eine Wiedergutmachung nicht geben kann. Wenn Sie zurückblicken: Was ist Ihnen zumindest als eine Art von Wiedergutmachung besonders in Erinnerung geblieben?

Hannah Lessing: Die jüdischen Überlebenden haben in ihren Exilländern ganz gut zu sich gefunden. Roma und Sinti waren da weniger gut vertreten. Es gab außerdem ganz kleine Gruppen, wie etwa die Kinder vom Spiegelgrund. Dort waren österreichische, meist nicht jüdische Kinder, die als schwer erziehbar galten, Ausreißer, Kinder mit einem Handicap – sie alle hatten nie eine Vertretung und sind nach dem Krieg als Opfergruppe nicht anerkannt worden. Wir haben recherchiert, 14 Überlebende gefunden und ihnen eine Therapiegruppe eingerichtet. Die Betroffenen haben gesagt: „Ihr habt uns unser Leben zurückgegeben.“ In diesen Situationen habe ich gesehen, dass die Arbeit Sinn hat. Das hatte wirklich wenig mit Geld zu tun.

 

Die Zahlungen des Nationalfonds sind als Geste zu verstehen, trotzdem ist das Geld wichtig: Viele Überlebende – etwa in Israel – leben unter dem Existenzminimum. Wie konnte es so weit kommen?

Die Lebensqualität, medizinische Versorgung und das soziale Sicherheitsnetz sind in Österreich besser gegeben. Als wir begonnen haben, konnte im Ausland Pflegegeld nur bis Stufe zwei zuerkannt werden. Das wurde 2001 durch das Washingtoner Abkommen geändert, seither kann man das Pflegegeld bis Stufe sieben auch im Ausland bekommen. Ein wichtiger Punkt ist, dass die Gestezahlungen des Nationalfonds nur Einmalzahlungen in Höhe von ursprünglich 70.000Schilling waren. Dann gab es durch den Allgemeinen Entschädigungsfonds finanzielle Abgeltung für Verluste sowie die Möglichkeit der Naturalrestitution. Aber was diese Menschen im hohen Alter brauchen, sind regelmäßige Zahlungen wie Pensionen, Sozialleistungen, Pflegegeld.


Vor Ihrem Jobantritt haben Sie noch Ihren Vater, den Fotografen Erich Lessing, nach seiner Meinung gefragt . . .

Er hat lang nicht geantwortet, und ich glaube, er wollte nicht wirklich, dass ich diesen Job annehme, denn diese Arbeit hat viel mit schrecklichen Geschichten zu tun. Er hat mich gefragt: „Kannst du mir meine Mutter aus Auschwitz zurückbringen? Kannst du mir meine Kindheit zurückgeben?“ Mit diesen Fragen im Kopf bin ich an die Arbeit herangegangen. Nein, ich kann die Mutter nicht wieder zurückbringen, das wäre die einzig mögliche Wiedergutmachung. Wir können Versöhnung nicht erzwingen, aber wir können den Menschen den Glauben an die alte Heimat zurückgeben. Wien ist für viele alles gewesen.


Wie hat man Wien bei sich behalten?

In Israel haben wir die Vereinigung der österreichischen Pensionisten. Man trifft sich, liest das wöchentliche „Profil“, das ich hinüberschicke. Oder der Stammtisch des Ehepaars Glückselig in New York. Dort gab es unkoschere Salami, und es wurde wienerisch gesprochen. Bei Wien strahlen immer die Augen. Sie kennen alle Wiener Lieder, singen mit und schunkeln. Ich kann ja nicht wirklich Wienerisch. Ein Antragssteller aus Los Angeles war der Beste, er sagte zu mir: „Du kannst ka Wienerisch? Spuck aus und schwimm haam!“ Das war ein richtiger Strizzi! Man hat natürlich diese Vorstellung von den gebildeten Exilanten, aber nein, es waren viele simple Schusterbuben. Mit dem Vorurteil „Ihr gebt's lauter Rothschilds Geld“ haben wir auch aufräumen können. In der Wiener jüdischen Gemeinde von damals 200.000 Personen gab es ein paar sehr reiche Familien und eine gutbürgerliche Mittelschicht – der mein Vater angehörte –, aber die riesige Masse, das waren Arbeiter, Handwerker.

 

Wie überlagert das schöne Bild Wiens die Schikanen, die sie erleiden mussten?

Wir reden über das Wien der 1920er. Viele Antragssteller erzählen von ihrer goldenen Jugendzeit. Mein Papa, ein klassischer Überlebender, hat mit uns nie darüber geredet, was 1938 passiert ist, sondern über die Zeit davor. Man hat Schikanen erleiden müssen, aber ein assimilierter Jude, der keine Pejes und keinen Schtreimel getragen hat, hat meist recht normal leben können.


Hat Ihr Vater über die Zeit nach 1938 gesprochen, über seine Flucht nach Palästina?

Gar nicht. Wir sind in einer typischen „Schweigefamilie“ aufgewachsen. Erst nachdem ich mich mit meiner Religion auseinandergesetzt und diesen Job gefunden habe, habe ich nachgefragt. Als Jugendliche hatte ich eine gewisse Hemmschwelle, meinen Vater über die Flucht zu befragen. Ich wollte ihm nicht das Gefühl geben: „Warum hast du deine Mutter sterben lassen?“ Die Kinder haben Angst, Wunden aufzureißen. Ich bin überzeugt, dass mein Vater – wie so viele Holocaust-Überlebende – das schlechte Gewissen des Überlebens hat.

 

Ihr Vater ist mit einem Boot nach Palästina, musste absteigen und in Richtung Land waten. Ähnliche Bilder haben wir vergangenen Sommer zuhauf gesehen . . .

Er hatte zwar Papiere, aber viele Boote legten in der Nacht an, weil die Engländer die Quoten gesperrt hatten. Natürlich sind beide Situationen nicht vergleichbar, aber menschliches Leid bleibt menschliches Leid, und Asyl ist ein Recht. Auf dem Westbahnhof habe ich afghanische Jugendliche getroffen, die erzählt haben, wie sie bis nach Österreich gekommen sind. Ich habe mich so hilflos gefühlt, hatte Tränen in den Augen – die Buben haben dann mich getröstet! Sie wollten weiter nach Schweden. Ich hoffe, dass sie gut angekommen sind. Sie haben mich berührt.


Flucht und Fluchtwege haben Sie in den vergangenen 20Jahren permanent beschäftigt. Welcher Aspekt ändert sich nie?

Ich weiß, dass die meisten dieser Menschen am liebsten zu Hause bleiben wollen. Ihr Zuhause ist nicht Wien, Berlin oder Stockholm, sondern zum Beispiel Homs. Aber dort gibt es kein Spital mehr, keinen Fleischer mehr, kein Essen mehr, kein Leben mehr. Daher ist Flucht für mich gekennzeichnet durch den Verlust der Heimat, der Wurzeln. Exil ist schmerzhaft.

 

Nun gibt es die Befürchtung, dass mit der neuen muslimischen Community auch der Antisemitismus steigen wird. Haben Sie das beobachten können?

Antisemitismus ist nicht erst jetzt mit der Flüchtlingskrise gekommen. Dieser neue Antisemitismus, von dem wir hier sprechen, kommt oft daher als Kritik an Israel. Jetzt kommt eine neue muslimische Generation nach Österreich, die sehr wohl mit Israel im Konflikt ist, das könnte auch hier ein Problem darstellen. Wir müssen vermitteln, dass Menschenrechte respektiert werden müssen, dass Frauenrechte, Schwulen- und Lesbenrechte nicht anzutasten sind. Auch nicht im Namen der Religion.


Ein anderes Argument, das man oft hört, ist: Die NS-Zeit wurde bereits ausführlich aufgearbeitet!

Vor allem an Schulen bin ich natürlich mit dieser Holocaust-Fatigue konfrontiert. In Deutschland, wo 1945 die Schuldfrage nicht zu diskutieren war und man früher mit Aufarbeitung, Restitution, Entschädigung und Reparationszahlungen begonnen hat, kann ich mir vorstellen, dass gesagt wird: „Jetzt haben wir's dann bald.“ Aber in Österreich, wo zwar auch viel gemacht wurde, aber wir uns Ewigkeiten hinter der Opferthese versteckt haben, wo es jahrelang keine aktive Einladungspolitik an Überlebende gegeben hat, wo erst 1988 im Schulcurriculum stand, dass der Holocaust zu thematisieren ist, sind wir noch nicht so weit. Besonders bei Projektförderungen des Nationalfonds treffen wir immer wieder auf Themenbereiche, die noch nicht genügend aufgearbeitet sind, zum Beispiel, wie viele Österreicher aufseiten der Täter waren.

 

Die ewige Frage, ob wir aus der Geschichte lernen können, beschäftigt Sie auch?

Ja, und ich bin leider nicht sehr optimistisch, wenn ich sehe, wie die Welt funktioniert. Genozide und genozidale Situationen wiederholen sich.

 

Wie können wir das machen? Kürzlich hat die Weltöffentlichkeit erlebt, wie die Bewohner der syrischen Stadt Madaya am Rande des Kannibalismus standen. Oder: In Nordkorea gibt es heute noch Arbeitslager.

Was kann man angesichts solcher Grausamkeiten tun? Man kann so schwer von außen eingreifen – wir haben gesehen, was passiert, wenn die USA oder Russland sich nicht verständigen. Es ist meistens noch viel schlimmer geworden. Wir müssen immer wieder erkennen, dass sich die Natur des Menschen im Lauf der Geschichte nicht wesentlich geändert hat. Ich bin aber überzeugt: Wir müssen immer aufs Neue versuchen, aus der Vergangenheit zu lernen. Es ist der einzige Weg.

Frau Lessing, darf man Sie auch fragen...


1...welches Ihr Lieblingsfoto von Ihrem Vater, Erich Lessing, ist?

Das ist schwer. Ich habe eine Ausstellung im Jüdischen Museum gezeigt („Lessing zeigt Lessing“), in der viele seiner Frauenfotos zu sehen waren. Mir gefallen auch die simpleren Bilder. Etwa das Foto vom früheren Stalinplatz in Wien, wo die Alliiertensoldaten aus dem Fenster schauen.


2...ob Sie selbst fotografieren?

Mein Bruder fotografiert sehr schön, meine Schwester und ich sind Handyknipser. Mein Vater hat uns oft gesagt, dass die Fotografie ein sehr schwerer Beruf ist. Es ist auch die Kunst daran verloren gegangen.


3...ob Sie Angela Merkel zustimmen, wenn sie angesichts der Flüchtlingskrise sagt: „Wir schaffen das!“

Wir müssen es schaffen. Ich glaube nicht, dass wir eine Wahl haben. Es muss auch unser Anliegen sein. Nur zu sagen: „Die Flüchtlinge sollen sich integrieren“, ist viel zu einfach.

Steckbrief

1963
Hannah Lessing wird als Tochter des Fotografen Erich Lessing und der Journalistin Traudl Lessing in Wien geboren – von ihm stammt unter anderem das Foto von der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrags. Hannah Lessing absolviert das Lycée Français in Wien und studiert Handelswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität.

1995
Lessing wird Generalsekretärin des Nationalfonds für NS-Opfer – ein Amt, das sie bis heute ausübt. Vergangenes Jahr hat die Tochter im Jüdischen Museum Wien eine Ausstellung über den Vater kuratiert: „Lessing zeigt Lessing“ ist ohne die Mithilfe des Vaters entstanden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2016)

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