Swing ist das Ding

Man spricht von Lindy Hop und Hep Cats, zückt den Zigarettenspitz und liebt das Mondäne. Im Ballsaal, auf der Tanzfläche und auf der Bühne. Denn:Der Swing ist zurück – und mit ihm der Lifestyle der Zwanziger- und Dreißigerjahre.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Damen im Ottakringer Ragnarhof tragen Blumen im Haar und schwingende Kleider. Die Herren Hosenträger und schwarz-weiße Lederschuhe, die klassischen. Durch den Ballsaal klingen Swing und gepflegte Konversation, der feine Aufzug färbt auf die Manieren ab. Und während sich die Tanzfläche zu füllen beginnt, mit johlendem Publikum am Rand, fallen kleine Unstimmigkeiten auf: Die Frau, die zur Musik hüpft wie ein Flummi, hat Turnschuhe an. Solche, wie man sie in einem angesagten Club trägt. Eine andere schält sich aus einem Mantel, der eindeutig aus einem Jungdesigner-Atelier kommt. Überhaupt. Keine rückwärts gewandten Weltflüchtlinge hier, keine peinlichen Schnösel, die den Zug der Zeit verpasst haben. Stattdessen sogenanntes Kreativvolk: Architekten, Designer, Kulturleute. Menschen, die es satt haben, in lässigen Clubs gerade mal mit der linken Zehe zu wippen, weil alles andere uncool ist.

Die Tänze, die für Schweiß und gute Laune sorgen, nennen sich Lindy Hop, Balboa, Shag. Manchmal wird auch Charleston gehüpft oder Boogie – kleine Ausreißer auf der Zeitlinie, doch wen kümmert's? Hauptsache, wir swingen grob um die 30er- und 40er-Jahre.

„Es macht Superspaß“, sagt Modemanagerin Barbara Irma Denk. Ihrer Freundin Katja Nagy, Architektin, ebenfalls: „Lindy Hop macht glücklich.“ – „Die Leute sehen uns die Freude am Tanzen ganz einfach an“, sagt auch Benjamino Cantonati. Er tanzt seit 1994 Lindy Hop, vier Jahre später gründete er den Tanzverein „Some like it hot“. „Am Anfang hat sich's gezogen wie Strudelteig, aber in den letzten drei Jahren entwickelte es sich explosionsartig.“ 170 Mitglieder hat der Verein heute, viele davon sind Akademiker, die meisten zwischen 20 und 30 Jahren alt, kaum einer älter als 40.


Verzaubern lassen. Dabei geht das Ding mit dem Swing längst über die Tanzfläche hinaus. Da geht's um mehr: um eine Art Lifestyle zwischen Hosenträger und Federboa. Bereits seit 2005 lädt die Berlinerin Inga Jacob zur „Bohème Sauvage“ ein. „Das hat sich aus einem Salon entwickelt“, sagt sie. Das Ur-Konzept: Im Vorfeld wurde ein genaues Datum festgelegt – etwa der 23.April 1923 –, und in den Gesprächen hielt man sich strikt an diese neue Gegenwart. Dieses Prinzip ist mittlerweile zwar aufgeweicht, eine reine Mottoparty will „Bohème Sauvage“ trotzdem nicht sein. „Wir verkleiden uns nicht, wir erleben die Epoche.“ Die Gäste nehmen einen Abend lang eine andere Persönlichkeit an – Inga Jacob etwa gibt Else Edelstahl – und inszenieren dafür komplette Lebensläufe: vom verarmten Aristokraten bis zum Revue-Mädchen. „Club New Amsterdam“-Veranstalterin Gabbi Werner will diese Eventreihe nun nach Wien bringen. Unter dem Titel „Burlesque Ballroom“ bittet sie ab Herbst gemeinsam mit Musiker Klaus Waldeck nach Berliner Vorbild ins Moulin Rouge: „Da geht es einfach um das Bedürfnis, sich eine Nacht lang verzaubern zu lassen.“

Mehr als Show. Dann heißt es auch wieder „Mimamusch“. Unter diesem Namen betreibt Donald Padel sein „Kunstbordell“, nimmt Anleihen an den 20er- und 30er-Jahren und rückt Schauspiel und Performance in den Vordergrund: „Ich will mit dem Theater näher an das Publikum heran.“ Die Schauspieler werben um Zuseher; wer will, darf ins Separee und bekommt eine private Vorstellung. „Die wilden 20er-Jahre, eine Zeit, in der musikalisch und künstlerisch wahnsinnig viel passierte, geben meiner Vorstellung einfach das passende Ambiente“, sagt Padel. 1800 Gäste hatte „Mimamusch“ im Vorjahr an sechs Abenden, 1500 von ihnen waren dabei in einer Vorstellung – für ein „Off-Off-Theater“ ein beachtlicher Zuspruch. Und auch Padel selbst spielt an diesen Abenden eine Rolle, denn wenn er sich auf die Bühne stellt und deutsche Chansons gibt, dann heißt er Don Monaco.

„Die 20er- und 30er-Jahre, das war eine Zeit des Umbruchs“, erklärt Stephanie Lang die Faszination. Sie ist Mitglied der Wiener Formation „The Swing Sisters“, die mit ihrem Programm dem Werk der Andrew Sisters huldigen. „Die Frauenbewegung erlebte erste Höhepunkte. Man gab sich aufgeklärter und auch selbstbewusster als heute.“ Das gilt auch für die modernen Hep Cats. Denn wer voller Elan über die Tanzfläche schlittert, dem fehlt eines ganz bestimmt nicht: Selbstbewusstsein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2009)

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