Tony Rei: Der Überlebenskünstler

Der Magier Tony Rei brach sich 1987 bei einem Autounfall alle Knochen. Dass er jemals wieder zaubern würde können, glaubte damals niemand. Doch dem Entertainer gelang zumindest dieses Kunststück.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Es war der 5. November 1987, es war ein Uhr mittags, und es war in Kematen (Niederösterreich). Ein Hund wollte über die Straße. Und änderte das Leben von Zauberkünstler Tony Rei für immer. Rei wollte dem Hund mit seinem Auto ausweichen – und wachte Tage später auf der Intensivstation des Landesklinikums Amstetten wieder auf.

Zehn Stunden hatte man ihn operiert: die Lunge aufgespießt, offener Trümmerbruch des linken Knies und Ellbogens; im Knie alle Bänder gerissen; linker Oberschenkel, linke Hüfte, linke Schulter und alle Rippen links gebrochen, Sehnen in der linken Hand ausgerissen, offene Schädelwunde. Als er nach drei Wochen Intensivstation wieder selbst essen konnte, Suppe löffeln wollte, „hatte ich plötzlich wahnsinnige Schmerzen im Kiefer und bekam den Mund nicht mehr zu“. Erst dann wurde der Kieferbruch erkannt.

„Aber ich lebte. Manche meinten, das sei ein kleines Wunder“, sagt der 51-Jährige heute: noch immer schlank, noch immer Wuschelkopf, noch immer respektive schon wieder Herr der Magie. Damals glaubte kaum jemand so recht daran, dass er je wieder zaubern werde können. Tony Rei war nach dem Unfall vier Monate lang ans Bett gefesselt, musste mehr oder weniger bewegungslos auf dem Rücken liegen. Manche meinten, Tony Rei sollte froh sein, wenn er wieder aus dem Rollstuhl kommt. Richtig gehen werde er wohl kaum mehr können, geschweige denn zaubern.

Der Schalk im Rollstuhl. Er selbst hat hingegen nie daran gezweifelt, nicht eine Sekunde. Er hatte es nicht einmal in Erwägung gezogen, dass es aus und vorbei sein könnte mit der Magie. Nicht in den neun Monaten, die er in Krankenhäusern verbrachte, und schon gar nicht in den 13 Monaten im Rehabilitationszentrum Weißer Hof in Klosterneuburg. „Meine Freunde haben mir sehr geholfen.“ Noch mehr aber wahrscheinlich sein Naturell – eine Mischung aus eisernem Willen, viel Optimismus und die ewige Bereitschaft zum Schalk.

Daran änderte auch nichts, dass er im Rollstuhl saß: „Im Weißen Hof habe ich die ein Meter lange Sockenanziehhilfe zu einem Pinsel umfunktioniert und allen Wanduhren im Haus Augen und Lippen verpasst“, erzählt er. Er hat Patienten-Betriebsratswahlen veranstaltet und ein wenig mit der rechten Hand gezaubert. Erwachsen werden scheint nicht so ganz Seines zu sein. Dafür aber die Kämpferqualität eines „iron man“.

So eisern übte er im Rehabilitationszentrum, erst im Rollstuhl, dann mit Krücken, dann am Stock. „Bis zu acht Stunden hab' ich ein Jahr hindurch täglich geübt, physiotherapeutische Übungen gemacht, bin geschwommen, bin zur Ergotherapeutin gegangen.“ Zusätzlich hätte er Glück gehabt und Oberarzt Karl Schrei getroffen. Dieser vermittelte ihm Nachoperationen. Erst kam das Bein dran, dann der Arm. „Vor der Operation konnte ich den linken Ellbogen nur wenige Zentimeter abbiegen, jetzt schaffe ich 90 Grad.“

Zum Mund oder Hals kommt er mit der linken Hand noch immer nicht. Und in die rechte Brusttasche, aus der er früher ein Seidentuch herauszog, dem dann eine Taube entflog, auch nicht mehr. Es wäre nicht Tony Rei, hätte er nicht auch dafür eine Lösung gefunden: „Jetzt nehme ich das Seidentuch halt mit der rechten Hand aus der Brusttasche, gebe es in die linke und dann kommt die Taube.“

Insgesamt hat es sechs, sieben Jahre gedauert, ehe Rei wieder alles machen konnte. Fast alles. Einige Kunststücke klappen nicht mehr: „Jene, wo ich reinspringen oder den Fuß ganz abbiegen muss.“ Er sei heute zu 70 Prozent Invalide, fügt er hinzu. Und wenn er sich übernehme, zahle er dafür: „Schmerzen in Hüfte und Knie, dann muss ich spritzen.“ Mehr als eine Stunde könne er auch nicht mehr ohne Unterbrechung auf der Bühne stehen.

All das würde wohl niemand vermuten, der den am 23. Oktober 1957 im niederösterreichischen Schwarzenbach geborenen Heinrich A. Reisner alias Tony Rei live erlebt. Quirlig, rührig, einfallsreich. Heute „tanzt“ der Sunnyboy-Magier, der sich selbst als Gerechtigkeitsfanatiker bezeichnet, rund sechsmal im Jahr auf Hochzeiten in Dubai, bringt Bühnenmagie ins Theater in der Josefstadt und verdient sich seine Brötchen mit der magischen Spielshow Lottop.

Hobby: Erfinden. Zeit für Hobbys bleibt da wohl nicht? Doch: für Malen, Tauchen, Erfinden, Wohnung umgestalten. So hat er beispielsweise leuchtende Champagnergläser erfunden und unter anderem an Freddy Quinn und Bud Spencer um rund 80 Euro das Stück verscherbelt. In seine Wohnung, in der auch fünf Zaubertauben leben, hat er eine Art kleines Kirchenfenster eingesetzt und das Glas dazu selbst zugeschnitten. Krippen hat er geschnitzt und einen Springbrunnen gebaut. Zugute kommen ihm da sicher seine (teils abgebrochenen) Lehren als Automechaniker, Maurer und Installateur.

Zauberunterricht hat er schon als Lehrling genommen. Der Zauberei will er auch künftig treu bleiben. Und das Leben in all seinen Facetten genießen, zusammen mit Lebensgefährtin Margit. „Denn es kann morgen aus sein“, sagt Tony Rei, „man weiß es nie.“

MAGIER IM ENGEL

Tony Rei wurde am 23. Oktober1957 in Schwarzenbach als Heinrich A. Reisner geboren. Seine ersten Zauberversuche machte er mit 15 Jahren.

Als 30-Jähriger wurde er bei einem Autounfall schwerst verletzt. Manche Ärzte meinten, er werde nie wieder richtig gehen können, geschweige denn zaubern. Er kann beides wieder.

Aktuell ist Rei für alles Magische im Stück „Der blaue Engel“ zuständig. Die Premiere findet am 19. August im Rahmen der Bregenzer Festspiele und am 17. September im Theater in der Josefstadt in Wien statt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2009)

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