Betty White: Geriatrisch gut im Geschäft

Das ehemalige »Golden Girl« Betty White ist in ihrem siebenten Jahrzehnt im Showgeschäft beliebter und besser als je zuvor. In »Selbst ist die Braut« stiehlt sie jetzt ganz ungeniert Sandra Bullock die Schau.

(c) Reuters (Phil McCarten)

So richtig berühmt ist man, wenn man einmal unabsichtlich für tot erklärt wird. Und das ist Betty White erst kürzlich passiert. In der Aufregung um den Verbleib des Sargs von Michael Jackson auf dem Prominentenfriedhof von Los Angeles erzählte ein eifriger Journalist, dass Betty White auch schon hier ruhe. Mitnichten. Die eine von zwei Überlebenden der „Golden Girls“ (neben Rue McClanahan) erfreut sich nicht nur bester Gesundheit, sie ist auch noch auffallend gut im Geschäft. Im Film „Selbst ist die Braut“, eigentlich ein Sandra-Bullock-Vehikel, spielt die 87-Jährige Mensch und Tier (immerhin einen Hundewelpen) mühelos an die Wand.

In den 80er-Jahren hierzulande sozialisierten Fernsehzuschauern ist Betty White hauptsächlich als atemberaubend naive Rose Nylund aus St. Olaf bekannt. Der von den anderen „Golden Girls“ am öftesten an sie gerichtete Satz lautete: „Halt die Klappe, Rose.“ Weniger bekannt ist hier, dass White in den USA eine Ikone der Fernseh-Historie ist. Sie spielte bereits in den 70ern in der Sitcom „Mary Tyler Moore Show“ die einprägsame Rolle einer Hausfrau, so ordnungsliebend wie nymphomanisch. Die Rolle hatte sie damals nur bekommen, weil sie, wie es Mary Tyler Moore ausdrückte, „zum Kotzen süß“ aussah. Danach war sie Stammgast in diversen Spieleshows (wo sie auch ihren Ehemann Allen Ludden kennenlernte) und wurde zur „First Lady of Game Shows“. Jetzt ist Betty White bereits im siebenten Jahrzehnt im Showgeschäft tätig. In einer Branche, die den Jugendwahn praktisch erfunden hat, grenzt das an ein Wunder.


Beliebteste Seniorin aller Bildschirme. In den letzten Jahren griffen Fernseh- und Filmemacher immer wieder gerne auf die langjährige Erfahrung der TV-Pionierin zurück – am liebsten, wenn es um Rollen ging, die ihrem putzigen Altes-Tantchen-Äußeren zuwiderliefen. In bester Erinnerung blieb dabei ihr Auftritt in der Horror-Satire „Lake Placid“, in der sie sich ein gigantisches Krokodil als Haustier hielt, an das sie ihren Gatten verfüttert hatte. In der Anwaltsserie „Boston Legal“ wiederum spielte sie die charmant entrückte Catherine Piper, die mit einer selten gesehenen Beiläufigkeit Morde, Überfälle und Beleidigungen an blonden Frauen beging – ohne je dafür belangt zu werden, immer mit einem zuckersüßen „Darling“ auf den Lippen. In einer Folge ging sie mit den US-Sendern dafür ins Gericht, dass sich ihre Programme nur an junge Menschen richten. Dafür ausgerechnet die beliebteste Seniorin aller Bildschirme zu gewinnen, ist schon ein hübsch ironischer Schachzug.


Emmy-nominiert.Soeben wurde sie für ihre Gastrolle in der Comedy-Serie „My name is Earl“ mit dem Emmy nominiert. Es ist ihre 16. Nominierung, vier Emmys hat sie schon. In der hierzulande wenig beachteten Telenovela-Parodie „Ugly Betty“ spielte sich Betty White schließlich selbst, als lebende Legende – und sagte den schönen Satz: „Ich liebe alle meine Fans. Außer die, die lesbische Pornos schreiben, mit mir und („Golden Girls“-Kollegin) Bea Arthur.“ Die Kunst der Selbstironie ist demnach wohl das Geheimnis des geriatrischen Karrierehochs: So findet man im Internet sowohl Interviews mit White, in denen sie ganz sittsam antwortet, wie es sich für eine weißhaarige Dame gehört. Und dann gibt es die diversen (inszenierten) Late-Night-Show-Auftritte, wo sie die Gastgeberin ein Luder nennt und sich selbst auch. Wo sie Bier-Pingpong spielt und von Sex mit Kollegen kurz vor der Show erzählt („gar nicht gut fürs Make-Up“). Oder wo sie sich deftig verbittet, dass der verdutzte Moderator mit ihr flirtet. Das macht den Regisseuren nämlich den größten Spaß, die alte Lady so richtig schmutzig daherreden zu lassen.

Deswegen gibt es auf der Homepage „funnyordie.com“ auch eine Art Extratrailer mit einem Making-Of zu „Selbst ist die Braut“ (ab 30. Juli im Kino). Da schickt Betty White, ganz die intrigante Diva, Kollegen Ryan Reynolds, den sie Brian zu nennen pflegt, um den Kaffee. Sandra Bullock glaubt Reynolds dann nicht, dass White ihm den Mittelfinger gezeigt hat – natürlich, denn Betty White ist immerhin „ein verdammtes nationales Kleinod“.


Schweigsame Sandra Bullock. Bei der Pressekonferenz in München sagte Reynolds über sie: „Sie kann dich mit einem einzigen Satz fertigmachen. Man muss bedenken, sie ist 87. Und ihr Witz wird immer besser, geschliffener und lustiger.“ Nur Sandra Bullock antwortete nicht auf die Frage, wie es war, mit Betty White zu arbeiten. Vielleicht war sie ja noch sauer, dass ihr ausgerechnet eine alte Frau in jeder einzelnen Szene die Show gestohlen hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2009)

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