Flüchtlinge und Obdachlose vor der Linse

Die Fotografin Aleksandra Pawloff hat das Kochbuch zum Vinzi-Rast-Lokal Mittendrin herausgegeben. Ein Gespräch über Begegnungen.

Aleksandra Pawloff
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Aleksandra Pawloff
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Etwas, was Aleksandra Pawloff eigentlich nie machen wollte, war, Essen zu fotografieren. Und an Kochbücher hat sie nicht einmal gedacht. „Nichts“, sagt Pawloff, „lag mir ferner.“ Nun ist sie, die sich „keine besonders gute Köchin nennt“, aber derart oft in der kleinen Küche im Mittendrin gestanden, hat Koch Shahab Jahanbekloo über die Schulter geschaut, sich die Rezepte erklären lassen, und so ist es dann doch passiert, dass ihr ganz unangemeldet die Kochbuch-Idee in den Sinn gekommen ist. Denn das, was Jahanbekloo da regelmäßig auftischte, hatte seine eigene Sprache. Lachsfilet auf Tajine, Lammreistörtchen, Safranhuhn und Marzipan-Baklava.

Monatelang ist die Fotografin Pawloff nicht von Jahanbekloos Seite gewichen, hat notiert, das Essen und vor allem die dazugehörigen Menschen fotografiert, bis sie das Mittendrin druckfrisch in den Händen gehalten hat. Ihr Buch will Pawloff aber nicht als reines Kochbuch verstanden wissen: Mit Kurzporträts werden auch die Mitarbeiter sowie das Projekt Mittendrin vorgestellt, das zu Cecily Cortis Vinzi-Rast-Einrichtung für Obdachlose gehört. „Für mich“, sagt Pawloff, „ist das Buch im Kleinen eine Demonstration dafür, wie Integration, Toleranz und Fantasie funktionieren können. Um wie viel mehr der Outcome ist als der Input.“ So arbeiten im Mittendrin in Wien Alsergrund ehemalige Obdachlose und Flüchtlinge, Studenten helfen mit, die Gäste sind von überall her. Ohne sie, ihre Biografien, hätte sie das Buch gar nicht gemacht, sagt Pawloff.

13 Jahre lang war die Fotografin, Jahrgang 1963, ehrenamtlich für Vinzi-Rast tätig, hat zuletzt mit Flüchtlingen gearbeitet, kennt die Einrichtung und ihre Menschen. Pawloff ist eine, die zugeht. Als sie vor zwei Jahrzehnten den Auftrag bekommen hat, behinderte Kinder zu fotografieren, war da diese Art von Angst: Wie wird es sein? „Dann“, sagt sie, „bin ich dort zwei Tage gehockt, und ich wollte nur noch dort hocken und mit den Kindern spielen. Das hat mir so gutgetan.“ Mit Bettlern, Obdachlosen, Flüchtlingen, mit allen, über die es irrsinnig leicht scheint zu urteilen, kann Pawloff nur die Begegnung empfehlen.

„Das Hässliche ist so leicht zu sehen“, sagt sie dazu, und definiert damit auch gleich ihre Arbeit, denn beim Fotografieren suche Pawloff grundsätzlich das Schöne, das jeder Mensch hat, auch ohne Photoshop. Über drei Jahre lang war sie Assistentin bei der Überfotografin Elfie Semotan, ehe sie ihr eigenes Studio gründete. Ihre Reportagen und Porträts erschienen unter anderem im „Geo“, „Falter“ und in der „Presse“, 2013 brachte sie ihren Porträtband „Selbstbewusst. Frauen, die ihren Weg gehen“ heraus (Metroverlag). Insgesamt 60 Frauen stellt sie darin jeweils zwei Fragen, darunter auch der Grünen-Doyenne Freda Meissner-Blau, Pawloffs Mutter.

„Sie hat die Dinge immer infrage gestellt“, sagt die Tochter, „es ist nicht einfach so, wie man es dir sagt.“ Etwas, das Pawloff geprägt hat. „Und auch die Neugier auf das Leben hat sie mir mitgegeben. Den Respekt vor Menschen, egal welche Position sie haben. Dass das Materielle nicht das Glück bedeutet, das war für uns klar.“

 

Kein idealistischer Traum

Dass ihre Eltern selbst Flüchtlinge waren, ja, das präge einen schon. „Vielleicht habe ich deswegen ein bisschen mehr Mitgefühl für diese Menschen. Es war sehr hart für meine Mutter und meinen Vater.“ Ihr Einsatz für die Flüchtlinge führte Pawloff näher zur Kirche, als sie sah, dass der Pfarrer so viel Bereitschaft zeigte. „Die Kirche könnte da wirklich was verändern“, ist sie überzeugt. Einem idealistischen Traum müsse sich die Gesellschaft aber nicht hingeben, dass alle, die kommen gut seien, dass es keine Schwierigkeiten gebe. Aber helfen, das sei nun einmal ein christlicher Grundsatz.

Wenn jedes Dorf, jede Pfarre, zwei bis drei Flüchtlinge aufnehme, die dann in der Gemeinde helfen, eine Arbeit bekommen, Rasenmähen, Gemüsegarten, dann könne so viel mehr weitergehen als jetzt. Sie selbst wird im Sommer einen Flüchtlingsbuben in Deutsch unterrichten, im Dorf, wo sie ein Häuschen hat. Und sie hofft, dass es dort zu Begegnungen kommen wird.

DAS BUCH

Kochen und Menschen. Die Fotografin Aleksandra Pawloff hat die Gerichte, die der persische Koch Shahab Jahanbekloo im Restaurant

Mittendrin (Währinger Str. 19, 1090 Wien) auftischt, aufgeschrieben und fotografiert. Das Restaurant gehört zu Cecily Cortis Vinzi-Rast-Einrichtung für Obdachlose. „Mittendrin“, Pichler Verlag, 208 Seiten, 26,90 Euro.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2016)

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