Die Macht des Testpublikums

Regisseur Hüseyin Tabak stellt gerade seinen neuen Dokumentarfilm fertig. Aber bevor er ins Kino kommt, muss er noch von Testsehern abgesegnet werden.

Hüseyin Tabak
Hüseyin Tabak
(c) Stanislav Jenis

Bei einem Spiel- oder Dokumentarfilm hat selbstverständlich der Regisseur das letzte Wort – den sogenannten Final Cut. Er oder sie entscheidet also, welche Version nach Dreh und Schnitt ins Kino kommt. Nun, nicht ganz. Abgesehen davon, dass sich – vor allem bei noch nicht etablierten Filmemachern – manchmal Produzenten einmischen, hat auch das Publikum noch ein gewichtiges Wort mitzureden. Das Testpublikum, um genau zu sein.

Denn üblicherweise werden Filme vor dem Erscheinen mindestens ein Mal einer repräsentativen Gruppe von Zuschauern (bei einem Arthouse-Film etwa der Stammkundschaft eines Programmkinos) gezeigt – und je nach Feedback verändert, also neu geschnitten. Diese Veränderungen können – vor allem bei kommerziellen amerikanischen Produktionen – durchaus gravierend sein. Die letzte Szene in dem Film „Trennung mit Hindernissen“ (2006) beispielsweise, in der sich Vince Vaughn und Jennifer Aniston einige Monate nach ihrer Trennung zufällig auf der Straße wiedersehen und sich eine erneute Annäherung anbahnt, entstand erst nach enttäuschten Reaktionen des Testpublikums. Denn ursprünglich hätte der Streifen mit der endgültigen Trennung der beiden enden sollen.

 

Konzentriert oder unruhig

„Bei Testscreenings geht es vor allem darum, ein erstes Gefühl dafür zu bekommen, wie der Film beim Publikum ankommt und worauf genau die Leute reagieren“, sagt Regisseur Hüseyin Tabak, der gerade mit der Fertigstellung seines neuen Films, einer Dokumentation über den kurdischen Filmemacher und Aktivisten Yilmaz Güney, beschäftigt ist. Am Donnerstag führte er die aktuellste Fassung von „Die Legende vom hässlichen König: Yilmaz Güney“, der nächstes Jahr zum 80. Geburtstag von Güney ins Kino kommen wird, zum insgesamt fünften Mal einem Testpublikum in Wien vor.

„Viel wichtiger als der Fragebogen, den die Zuschauer im Anschluss ausfüllen, ist ihr Verhalten während der Vorführung“, sagt der 34-Jährige. „Bei welchen Szenen lachen sie, wann wirken sie konzentriert oder unruhig, wann reden sie miteinander oder sehen auf ihr Handy? Daran erkennst du, an welchen Stellen die Geschichte funktioniert und wo es noch Änderungsbedarf gibt.“ Auch das Gespräch in der Gruppe nach dem Film könne sehr aufschlussreich sein. „Wenn Zuschauer beispielsweise Dinge in Szenen interpretieren, an die du als Autor oder Regisseur gar nicht gedacht hast.“

Dadurch würden auch Fragen aufgeworfen, die er mit seinem Cutter, Christoph Loidl, ausdiskutiere. Tabak: „Grundsätzlich gilt: Wenn du willst, dass eine Szene rausgeschnitten werden oder im Film bleiben soll, musst du das abseits von deinem eigenen Geschmack auch nachvollziehbar argumentieren können. Wenn du das nicht kannst, kommst du schnell in Erklärungsnot.“ Seit mittlerweile sechs Jahren arbeitet Tabak, der bis 2012 an der Filmakademie Wien Regie und Drehbuch unter der Leitung von Michael Haneke und Peter Patzak studiert hat, an dieser Dokumentation – dem Nachfolgefilm von „Deine Schönheit ist nichts wert“. Damit gewann er 2014 den Österreichischen Filmpreis in vier Kategorien (Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch und Beste Musik). Beim international renommierten Filmfestival von Antalya wurde das Drama sogar sechs Mal ausgezeichnet – darunter in den Kategorien Bester Film, Bestes Drehbuch und Bester männlicher Hauptdarsteller.

 

„Ab und zu ein Risiko eingehen“

Überbewerten will Tabak Testscreenings allerdings nicht. Insbesondere bei kleinen Autorenfilmen. Denn es gebe zahlreiche Beispiele von Filmen, die beim Testpublikum hymnische Reaktionen ausgelöst hätten, später im Kino aber durchgefallen seien.

„Und natürlich umgekehrt“, meint Tabak. „Daher sollte klar sein, dass man vor allem als europäischer Regisseur beim Schnitt keine Kompromisse, sondern auch einmal ein Risiko eingehen sollte. Denn Kompromisse muss man schon bei der Finanzierung zur Genüge machen.“

ZUR PERSON

Hüseyin Tabak (34) wurde in der kleinen Stadt Bad Salzuflen in Nordrhein-Westfalen geboren. 2006 zog es ihn nach Wien, um an der Filmakademie Regie und Drehbuch unter der Leitung von Michael Haneke und Peter Patzak zu studieren. Sein Abschlussfilm, „Deine Schönheit ist nichts wert“, bekam zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Österreichischen Filmpreis. Derzeit stellt er seinen Dokumentarfilm über den kurdischen Filmemacher Yilmaz Güney fertig. Am Donnerstag wurde der Film in Wien einem Testpublikum vorgeführt.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2016)

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