Stefan Slupetzky: "Das eigene Leid kann nie so groß sein"

Schriftsteller Stefan Slupetzky wollte Ordnung in seine Erinnerungen bringen: Herausgekommen ist ein zutiefst persönlicher Roman, bei dem der Tod eine zentrale Rolle spielt.

Stefan Slupetzky: „War immer klar, wo wir hingehören.“
Stefan Slupetzky: „War immer klar, wo wir hingehören.“
Stefan Slupetzky: „War immer klar, wo wir hingehören.“ – Die Presse/Clemens Fabry

„Der letzte große Trost“ ist Ihr erster Nichtkriminalroman. War der Sprung schwierig?

Stefan Slupetzky: Es war einerseits schwierig, weil ich nicht auf das gewohnte Grundgerüst vertrauen konnte: Spannung aufzubauen, nicht zu viel zu verraten. Aber andererseits war es auch eine Erleichterung, weil ich nicht so viel konstruieren musste. Letztlich wurde formal aber doch einiges durcheinandergeschüttelt. Anfangs war die Geschichte linear geschrieben. Die Zusammenarbeit mit dem Lektorat war für mich die bisher schwerste Arbeit. Manchmal bin ich zu Hause gesessen, die Anmerkungen meiner Lektorin vor mir, und habe begonnen, wild mit ihr herumzubrüllen. Sie saß aber in Hamburg. Ich habe sozusagen virtuell mit ihr gestritten. Nachher war ich ihr sehr dankbar. Recht hat sie gehabt. Es ist halt schwierig, etwas, was man sich in harter Arbeit abgerungen hat, noch einmal vollkommen aufzurollen.

 

Ist es ein Seitensprung oder eine neue Schaffensphase?

Fürs Erste ein Seitensprung, aber wer weiß? Ich sitze gerade am fünften Lemming. (Anm. Bisher sind vier Kriminalromane rund um die Kultfigur Lemming erschienen.)

 

In den Roman ist viel Persönliches geflossen. Ist der Protagonist, Daniel, Ihr Alter Ego?

Zu ungefähr 60 Prozent.

 

Und der Rest der Familie?

Der Vater im Roman ist meinem Vater sehr ähnlich. Die anderen Familienmitglieder und Protagonisten musste ich auch aus dramaturgischen Gründen fiktiver gestalten. So zum Beispiel meine Mutter: Sie lebt, ist wohlauf und gesund. (Anm.: Im Roman landet sie nach einem Schlaganfall im Pflegeheim.)

 

Die Eltern werden als sehr gegensätzlich beschrieben.

Ja, die Geschichte braucht diesen Kontrast. Ich glaube, dass Beziehungen von Eltern zueinander immer im Nebel bleiben. Als Kind versteht man nicht, was sich zwischen Eltern abspielt. Oder einmal abgespielt hat.

 

Der Vater hat eine sehr belastete Familiengeschichte. Ein Teil seiner Familie ist daran beteiligt gewesen, Zyklon B für die Konzentrationslager zu entwickeln. Er heiratet eine jüdische Frau, von deren Familie kaum jemand den Holocaust und die Folgen überlebt hat. Ist diese Ehe auch der Versuch, etwas zu kompensieren?

Ich kann nur vermuten. Ich glaube nicht, dass es bei meinem Vater so war. Er hat sich wirklich zutiefst in meine Mutter verliebt und wollte sie heiraten, um mit ihr glücklich zu sein.

 

Während der Vater zum Experten im Judentum wird, versucht die Großmutter mütterlicherseits alles, um das Jüdischsein zu verstecken, die Enkel sollen auch keine jüdischen Namen tragen.

Ich glaube, das ist bei vielen heute noch so. Der Wunsch, sich nicht als Juden erkennen zu geben. Es gibt sicher auch viele Menschen mit Zivilcourage, die sagen, das bin ich, so bin ich auf die Welt gekommen, und dazu stehe ich. Aber wenn es dann um ihre Kinder geht, ist in erster Linie der Wunsch da, sie vor allem zu schützen, was da noch kommen möge.

 

Sie erwähnen das Gefühl von Schuld bei Angehörigen von Opfern des Holocaust. Die Schuld, überlebt zu haben. Haben Sie das auch verspürt?

Ich glaube nicht, nein. Ich bin in der glücklichen Situation, dass sich mein Vater von den Dingen, die teilweise von seiner Familie verbrochen wurden, völlig gereinigt hat. Ich bin dadurch schon gereinigt auf die Welt gekommen. Ich habe keine Spannungen mit mir mitgetragen. Bei uns daheim war immer klar, wo wir hingehören.

 

Aber die Hauptfigur relativiert den eigenen Schmerz anhand des Schmerzes der jüdischen Verwandtschaft.

Das ist für mich eine grundsätzliche Frage der zweiten Nachkriegsgeneration. Die betrifft auch stark die Literatur. Wenn ich eine große Tragödie schreiben will, liegt es nahe, auf den Zweiten Weltkrieg zurückzukommen. Das war die letzte wirklich große umfassende Tragödie in unseren Breiten. Das macht schon etwas mit den Menschen, die heute leben, auch mit den Schriftstellern. Irgendwo im Hinterkopf taucht die Frage auf, wieso wiegt mein Leben weniger, warum ist mein Leben weniger erzählenswert? Weil es zufällig in einer Friedenszeit stattfindet?

 

Wer sagt, dass es weniger erzählenswert ist?

Mir hat sich diese Frage gestellt. Das individuelle Schicksal muss doch immer vor dem kollektiven Schicksal verblassen, nicht? Das ist auch ein Zwiespalt gegenüber der eigenen Befindlichkeit. Das eigene Leid kann nie so groß sein wie das Leid dieser Generation.

 

Bleiben wir beim Tod. Auch der Titel leitet sich davon ab. Empfinden Sie den Tod als tröstlich?

Das ist von Tag zu Tag unterschiedlich. Es gibt vielleicht schon Situationen, in denen ich ihn als tröstlich empfände. Aber meistens nicht. Da denke ich mir, ich muss noch dieses oder jenes reparieren oder, jetzt ist es gerade so schön, es wäre schade zu sterben.

 

Der Tod des Vaters bringt den Sohn in eine Ausnahmesituation. Er vermeint über längere Zeit, ihn plötzlich zu sehen.

Es ist eine Geschichte des Nicht-loslassen-Könnens. Das war auch der Auslöser für das Buch. Die Synapsen im Gehirn, die liegen auf der Lauer und warten auf ihre Chance. Es ist ein Bereitsein dafür, das Unglaubliche zu glauben. Dass jemand gar nicht gestorben ist. Dass er plötzlich dasteht. Daniel träumt ein Jahr lang jede Nacht von seinem Vater. Das war bei mir genauso. Und jedes Mal derselbe Schock beim Aufwachen wie in dem Moment, als ich die Todesnachricht bekam.

 

Warum ist es so wichtig loszulassen?

Weil man sonst nicht mehr glücklich wird im Leben. Weil man nicht weiterleben kann. Nur existieren, nicht leben.

Hat das nicht Nicht-loslassen-Können nicht auch mit der Angst zu tun, dass Erinnerungen verblassen, dass einem jemand ins Nichts entgleitet?

Bei meinem Vater habe ich das interessanterweise nicht. Ich kann ihn sofort imaginieren.

 

In welcher seiner Lebensphasen erinnern Sie sich an ihn?

Wie er zuletzt war. In meiner Erinnerung ist er nun fast gleich alt wie ich. Er war 58, als er starb.

Sie wollten eine Ordnung in Ihren Erinnerungen schaffen. Warum? Erinnerungen sind doch per se ungeordnet, diffus.

Einordnen heißt auch, den Wert, die Bedeutung einer Sache zu erkennen. Wenn ich etwas nicht einordnen kann, verstehe ich es nicht. Einordnen hat auch mit Begreifen zu tun.

 

Sie erwähnen immer wieder die Suche nach einem Spiegelmenschen. Ist das Einander -Ergänzen die Idealform der Liebe?

Ich habe lang gedacht, dass man allein nicht ganz sein kann, aber ich bin draufgekommen, dass das nicht stimmt. Mittlerweile glaube ich, dass es genau umgekehrt ist. Man kann nur den Menschen finden, der zu einem passt, wenn man allein ganz ist.

 

Glauben Sie, dass es Menschen gibt, die einfach mehr Glück haben als andere?

Die Frage ist, wie viel davon selbst gemacht ist. Nach meiner Erfahrung gibt es Knotenpunkte, an denen sich das eine oder andere häuft. Es gibt Zeiten, da läuft einfach alles schief. Da kann man die Hand draufhalten, dass da noch was dazukommt und dann noch etwas. Aber es gibt auch viele Menschen, die sich ihr Pech selbst basteln.

 

In dem Roman heißt es, dass eher die Zeit den Charakter formt als das Erbgut und die soziale Umgebung. Welche Charaktere wird denn unsere Zeit formen?

Die Zeit formt natürlich auch die soziale Umgebung. Entsprechend den stetig wachsenden globalen und nationalen Ungerechtigkeiten findet heute eine große Radikalisierung statt. Es gibt viele Klüfte, nicht nur finanzieller und politischer, auch menschlicher Natur.

 

Weil man besser leben will als der Nachbar?

Das ist etwas, was ich nie verstanden habe. Da fehlt mir offenbar ein Gen dafür. Ich hab mich nie besser gefühlt, weil es dem Nachbarn schlechter geht.

 

Wie ist das mit Schriftstellern? Es ist wohl auch nicht lustig, wenn jemand mit einem mittelmäßigen Buch einen Erfolg landet?

Nein, natürlich nicht. Wenn einer gute Bücher schreibt, die sich besser verkaufen als meine, bin ich neidisch, wenn er schlechte Bücher schreibt, die sich besser verkaufen, bin ich neidig.

 

Gibt es Freundschaften unter Schriftstellern?

Selbstverständlich. Solange sie nicht mehr verkaufen als ich.

 

Herr Slupetzky, darf man Sie auch fragen...


1. . . ob Sie gern reisen?

Ich bin gern weg, aber ich fahre nicht gern weg. Und wenn ich dort bin, mag ich nicht mehr zurück. Aber wenn ich da bin, mag ich auch nicht weg.

 

2. . . ob Sie gern auf der Bühne stehen?

Ja. Ich lasse gern mal die Rampensau raus. Das ist das Schöne am Wienerliedtrio: Es ist ein guter Kontrast zur Einsamkeit des Schreibens.

 

3. . . ob es auch schreibfreie Phasen gibt?

Bisher habe ich nach jedem Buch eine Pause gemacht, und das war immer schlecht. Die Pause hat sich plötzlich ausgeweitet, von zwei Wochen auf drei Monate, und es war richtig schwierig, danach wieder reinzukommen.

Steckbrief

1962
Geboren in Wien.

1981–1990
Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Saxofonist und Schauspieler.

Seit 1991 Schriftsteller und Illustrator.

2005–2012
Slupetzky dramatisiert Romane und Novellen (Stefan Zweig, Arthur Schnitzler) für die Festspiele Reichenau.

Texter und Sänger der Wienerlied-Combo Trio Lepschi mit Tomas Slupetzky und Martin Zrost.

Kinderbücher, Kurzgeschichten, Romane: „Der Fall des Lemming“, „Lemmings Himmelfahrt“, „Das Schweigen des Lemming“, „Lemmings Zorn“ (alle Rowohlt), „Polivka hat einen Traum“ (Kindler). Jüngste Publikation: „Der letzte große Trost“ (Rowohlt, 2016)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2016)

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