Zurück in die Zukunft

Vier Gesichter, vier Geschichten, zehn Jahre Vienna Design Week: Das "Schaufenster" zeigt einen Querschnitt des Festivals, seine Formate und seine Ansätze zwischen Luxus und Social Design.

Talia Radford mit Hauskatze Freya.
Talia Radford mit Hauskatze Freya.
Talia Radford mit Hauskatze Freya. – Christine Pichler

Ihren ersten richtigen Arbeitgeber nach dem Studium lernte Talia Radford während der Vienna Design Week 2009 kennen. Ihr erster kleiner Job, das war aber die Vienna Design Week 2009: Radford hatte da gerade ihr Industriedesignstudium an der Wiener Universität für angewandte Kunst abgeschlossen. Seitdem ist Radford nicht nur Wien, sondern auch der Design Week treu geblieben: Mit nur einem Jahr Pause war sie involviert in deren Gestaltung, sei es mit Ausstellungen oder Projekten. "2009", erinnert sich Radford an ihr erstes Jahr Vienna Design Week, "war das Festival noch richtig kuschelig." Über die Jahre wuchs nicht nur die Design Week weiter, sondern auch Radfords eigenes Studio, TaliaY (mit Kunden wie z. B. Osram, NUK, Soulbottles); in diesem Jahr, 2016, wächst vor allem Radfords Bauch: Sie wird Mutter.

Talia Radford - mit Hauskatze Freya. – Christine Pichler

Natürlich empathisch. Und aus der Design Week des Vorjahres entwuchs das Projekt, an dem Radford heuer mitarbeitet. "Youarehere" heißt es; ein Guide durch den Stadtteil Margareten soll es werden, der Zugezogene zu New Locals, zu neuen Einheimischen, machen soll. "Migration ist das Thema des 21. Jahrhunderts", meint Radford, die selbst spanische und britische Wurzeln hat. Und sie ist sich sicher, dass "Gestaltung nicht mehr weggelassen werden kann bei gesellschaftlichen Fragen". Was für sie auch erklärt, warum auf der Vienna Design Week das Social Design eine immer größere Rolle spielt. "Der Designer ist in seinem Wesen empathisch. Und er ist darin geübt, Lösungen zu finden. Zugleich muss er den Nutzer, den Menschen, verstehen, um Lösungen zu finden." Social Design findet bei der Vienna Design Week vor allem im Format Stadtarbeit Platz, so auch das Projekt "Youarehere". "Die Stadtarbeit macht das Festival besonders", findet Radford, "sie befördert den Dialog. Auf der Vienna Design Week geht es nicht nur um Industrie es geht auch um das Intellektuelle."

Martino Gamper in der Werkstatt von J. & L. Lobmeyr. – Teresa Maier-Zötl

Zehn Jahre sind vergangen, seit Martino Gamper das erste Mal bei der Vienna Design Week sein Werk schaffen und zeigen konnte. In den zehn Jahren ist viel passiert. Umso passender, dass der Südtiroler nach 2006 ein zweites Mal, 2016, zum Festival nach Wien kommt und, damals wie heute, dabei mit der Glasmanufaktur Lobmeyr für die "Passionswege" zusammenarbeitet. An einem warmen Julitag steht der Designer wieder in der Glasschleifwerkstatt im dritten Wiener Gemeindebezirk, diskutiert mit einem der Handwerker, wie das Glas geformt werden könnte. Zu dem Zeitpunkt steht noch gar nicht fest, welchen Entwurf Gamper mit Lobmeyr ausführen wird einen Tag Zeit haben der Designer und die Mitarbeiter des Unternehmens dafür, das herauszufinden.

Internationale Karriere. Denn Gamper ist ein gefragter Mann; die vergangenen zehn Jahre haben den aus Meran stammenden Designer zu einer international renommierten Figur gemacht. Nach dem Studium blieb er in London wobei Gamper auch in Wien studiert hatte, Bildhauerei an der Bildenden, doch die Stadt konnte ihn damals nicht halten, "eine Entscheidung, die sich für ihn in jeder Hinsicht gelohnt hat", meinten Vienna-Design-Week-Gründungsmitglied Tulga Beyerle und Kulturautor Peter Stuiber einmal in der "Presse" tatsächlich kann Gamper Ausstellungen und Produktionen für das Londoner Victoria & Albert Museum, die Serpentine Sackler Gallery im Hyde Park, im Pariser Palais de Tokyo, in Neuseeland, Australien, Dänemark, in der Schweiz nachweisen, entworfen hat er auch für Kvadrat oder Moroso. Wie schön ist es da, so zurück zu seinen Wurzeln zu kommen? Gamper muss ob der zehn Jahre ein bisschen grinsen, während er ein massives Lobmeyr-Glas in seinen Händen abwiegt. "Es macht einfach Spaß, hier so mit den Handwerkern zusammenzukommen."

Ebru Kurbak auf dem Wiener Volkertmarkt. – Christine Pichler

"Die Idee hatte ich selbst, als Mensch", meint Ebru Kurbak über ihr Projekt "Infrequently Asked Questions", das sie 2015 auf der Vienna Design Week zeigte und das in diesem Jahr als Siegerprojekt des Mehrwert-Designpreises im Wiener Volkskundemuseum gezeigt wird. Kurbak, bald Mutter von Wiener Zwillingen, stammt eigentlich aus Istanbul. Das Indus-triedesignstudium brachte sie vor zehn Jahren nach Österreich: "Ich hatte damals das Gefühl, Wissen zu verlieren. Ich war warmes Klima gewohnt, plötzlich musste ich mit Schnee leben und konnte mich irgendwann nicht mehr so recht an das Warme anpassen." Dieses "geheime" Wissen, das plötzlich an einem neuen Wohnort nicht mehr gebraucht werde und das einem seltsam unnütz vorkomme , wollte die Designerin anzapfen und besuchte vergangenes Jahr Kurse des Caritas-"Lernsprung"-Programms. Dort fragte Kurbak die Teilnehmer: "Worin bist du gut?"

Rollentausch. Die Antworten wurden so analysiert, dass daraus Workshops entstanden: Flugdrachenbauen zum Beispiel, oder das Kochen von Spezialitäten aus der Heimat. Auf dem Viktor-Adler-Markt in Wien-Favoriten wurden die Fremden, die Österreich verstehen lernen mussten, plötzlich zu den Lehrenden, die den Einheimischen ihr Wissen vermittelten. Die klassischen Rollenbilder vom Lernenden und Lehrenden wurden getauscht. "Design kann auch das Entwerfen von Situationen sein, von Kontexten, es kann Beziehungen zu Dingen und Menschen verändern", sagt Kurbak, die mit den "Infrequently Asked Questions" eine weitere Vertreterin des Social Designs auf der Vienna Design Week gibt. Die Ergebnisse des Projekts des vergangenen Jahres werden nun im Volkskundemuseum visuell aufbereitet, dazu kommt ein Katalog als Zusammenfassung.

David Tavcar im Botanischen Garten in Wien – Christine Pichler


"Wenn man in Wien Design studiert, wird man ständig vom Traditionshandwerk  begleitet."

Er habe sich darin versucht, so fein zu sticken wie die Stickerinnen bei Maria Stransky, erzählt David Tavcar. Er sei gescheitert. Tavcar, 24 Jahre alt und damit wohl einer der jüngsten der teilnehmenden Designer auf der diesjährigen Vienna Design Week, präsentiert während dieser seine Kooperation mit der Wiener Petit-Point-Manufaktur Maria Stransky, wo die Stickerinnen durch große Lupen blicken müssen, um überhaupt zu sehen, was sie machen, so fein ist die Arbeit; sie dürfen nur wenige Stunden am Tag sticken Millimeterarbeit. "Ich bin mit sehr großem Respekt an das Projekt herangegangen", sagt Tavcar, der im Rahmen der "Passionswege" mit der Manufaktur zusammenarbeitet. Und spricht er von der Handarbeit, die dort geleistet wird, spürt man seine Bewunderung dafür: "Ein Jahr lang wird an einer Tasche gearbeitet. Das ist echtes Handwerk." Tavcars Arbeit bei Stransky wird die Feinheiten unter der Stickerinnenlupe im wahrsten Sinn des Wortes vergrößern: Mit einem Elektronenmikroskop hat Tavcar die Zellstrukturen echter Blumen fotografiert und sie sticken lassen. Eine Neuinterpretation der klassischen Motive der Manufaktur Rose, Edelweiß, Windröschen, Kamelie.

Vom Kleinen zum Großen. Bei so viel Botanik ist es nur passend, dass der Slowene den Botanischen Garten zu seinem Lieblingsort in Wien erkoren hat: Inspiration für Motive. In Wien hat Tavcar Industriedesign an der Angewandten und Architektur an der Bildenden studiert, sein Arbeitsschwerpunkt liegt im Textilen. Er selbst, sagt er, liebe Traditionshandwerk: "Ich glaube, wenn man in Wien Design studiert, wird man ständig davon begleitet. Porzellan, Keramik, Stoff, das Handwerk lernt man", und zusätzlich arbeite man immer wieder im Kleinen mit Manufakturen zusammen. Der Sprung zum Großauftrag war da für Tavcar spannend. "Ich bin jetzt schon zufrieden mit der Arbeit."

 

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