"Wir sind Nobelpreis": Bob Dylans Filiale in der Josefstadt

Eines von 200 Büchern über den neuen Literatur-Laureaten? In der Lerchenfelder Straße 50 wird man von zwei Dylan-Kennern gut beraten.

Der Kärntner Posautz, Kunsthistoriker, und der Wiener Bernhard Bastien, gelernter Buchhändler, sind nicht nur Bob-Dylan-Fans.
Der Kärntner Posautz, Kunsthistoriker, und der Wiener Bernhard Bastien, gelernter Buchhändler, sind nicht nur Bob-Dylan-Fans.
Der Kärntner Posautz, Kunsthistoriker, und der Wiener Bernhard Bastien, gelernter Buchhändler, sind nicht nur Bob-Dylan-Fans. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

"Natürlich haben wir am 13. Oktober die Meldung über den Nobelpreis an Bob Dylan hier gemeinsam gehört und gejubelt", erzählt Buchhändler Wolfgang Posautz: „20 Sekunden später haben schon Leute angerufen und uns gratuliert. Das hat uns schon sehr gefreut.“ Seither hängt eine Flagge mit der stolzen, freilich leicht selbstironischen Aufschrift „Wir sind Nobelpreis“ in der Auslage.

Verdient haben es sich die beiden. Der Kärntner Posautz, Kunsthistoriker, und der Wiener Bernhard Bastien, gelernter Buchhändler, sind nicht nur Bob-Dylan-Fans, sie zeigen es auch: An die 200 Bücher zum Thema Dylan sind in Sortiment, am meisten empfehlen können die beiden – neben der prächtigen neuen Ausgabe sämtlicher Songtexte – Heinrich Deterings Abhandlung „Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele“, in der Germanist Detering u. a. zeigt, wie oft sich Dylan auf Shakespeare bezogen oder wie er ganze Sätze aus einer neuen Ovid-Übersetzung in seine Songs gepackt hat.

Natürlich gibt es in der Buchhandlung Lerchenfeld nicht nur Primär- und Sekundärliteratur zu Bob Dylan und Kluges über Pop und Rock, sondern auch ein reiches Angebot an Belletristik – zum Beispiel, wie ein kleiner Test ergab, mehr von H. C. Artmann als in so manchem deutlich größeren Laden – und Kulturwissenschaft. „Esoterik wird man bei uns nicht finden“, sagt Bastien, „auch kaum klassische Lebensratgeber. Als wir 2002 – damals arbeiteten wir beide in der Amadeus-Filiale im Kaufhaus Steffl – beschlossen, uns selbstständig zu machen, war uns eines klar: Es soll ein Buchgeschäft werden, wie wir es selbst gern besuchen würden.“

Dazu gehört, dass man dort ziemlich oft Bob Dylan hört, und zwar durchaus nicht nur allgemein Bekanntes. Da kann es durchaus passieren, dass z. B. eine seltene Version von „One More Cup of Coffee“ aus dem Jahr 1976 läuft, und darüber kann man mit Posautz oder Bastien bestens fachsimpeln. Oder man kann mit ihnen darüber sinnieren, welcher Songtext von Bob Dylan denn gut auf den Beruf eines Buchhändlers passe. „Idiot Wind“ fällt uns gleich ein – aber heißt es darin wirklich „She inherited a million books“ oder nicht doch „a million bucks“? Vielleicht passt eher „Ballad of a Thin Man“ mit den bösen Zeilen: „You've been through all of F. Scott Fitzgerald's books, you're very well read, it's well known.“ Jedenfalls kommt man von Dylans Texten nicht nur auf Fitzgerald, sondern auch auf Ezra Pound und T. S. Eliot (in „Desolation Row“), nur zum Beispiel.

Und wie sind die beiden selbst auf Bob Dylan gekommen? Posautz früh, schon als Teenager hat er sich als „More Bob Dylan's Greatest Hits“ gekauft, sein erstes Dylan-Konzert war dann 1984 in Wien. „Ich bin ein Spätberufener“, sagt dagegen Bastien: „Bei mir war es erst 1999, auch in der Stadthalle. Doch das war ein Erlebnis, fast wie eine Erleuchtung.“

„Hier wird noch gelesen“

Just, als Bastien das erzählt, kommt ein vielleicht fünfzehnjähriger Bub ins Geschäft: Er sucht „etwas auf Englisch, nicht viel mehr als 70 Seiten“. Bastien empfiehlt ihm Hemingways „The Old Man and the Sea“. „Zu uns“, sagt er, „kommen viele Schüler, aber auch Familien, wir führen auch viele Kinderbücher.“ Das Geschäft gehe überhaupt sehr gut, der siebte und achte Bezirk seien für Buchhandlungen ein gutes Pflaster: „Hier wird noch gelesen.“

Und Bob Dylan gehört. Was sagen Bastien und Posautz dazu, dass der alte Sänger und Dichter nicht selbst nach Stockholm reist? „Vor uns braucht er sich nicht zu rechtfertigen. Aber schön, dass die Patti Smith kommt und ein Dylan-Lied singt.“ Versteht sich, dass auch von ihr und über sie etliches in den Regalen steht.

NOBELPREISE

Am Samstag, zu Alfred Nobels Todestag, wurden in Stockholm die Nobelpreise für Physik, Chemie, Medizin und Wirtschaft verliehen. Der als Literaturnobelpreisträger erwählte Bob Dylan aber wird nicht persönlich kommen, er fühle sich sehr geehrt, habe aber „andere Verpflichtungen“, ließ er wissen. Er hat nur eine Rede geschickt, die beim Nobel-Bankett verlesen werden soll. Bei der Zeremonie wird die US-Rocksängerin Patti Smith statt Bob Dylan auf der Bühne stehen und dessen Song „A Hard Rain's a-Gonna Fall“ singen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2016)

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