„Wien ist ein einziger Rand“: Wo Künstler noch scheitern dürfen

Die von Renald Deppe initiierte „Strenge Kammer“ im Wiener Jazzlokal Porgy & Bess fördert die Abenteuerlust der Musiker und sensibilisiert die Hörer.

Renald Deppe
Renald Deppe
(c) Voithofer Valerie

Veröffentlichungswütig im klassischen Sinne ist er nicht gerade. Die lange Karriere des Renald Deppe hat bislang exakt null Tonträger abgeworfen. Wie es das geben kann? „Für mich ist Musik etwas, was sich der Fixierung entzieht. Aus Prinzip mache ich keine CDs. Nur einmal war ich versucht. Es war ein Kinderbuch von Elfriede Gerstl, das ich vertonen wollte.“

All die Jahre hat Deppe, ein aus Bochum gebürtiger Klarinettist und Saxofonist, lieber Locations initiiert als Platten aufgenommen. Er war 1993 Mitbegründer des Jazzclubs Porgy & Bess und machte über die Jahre auch als Kurator viel von sich reden. Seit sechs Jahren leitet er die sogenannte Strenge Kammer im Porgy & Bess, ein Laboratorium für den Nachwuchs.

„Hier darf man gern auch scheitern“, sagt Deppe mit leuchtenden Augen. „Es ist der einzige Ort in der Stadt, wo junge Musiker unter professionellen Bedingungen drei Abende hintereinander spielen können.“ Im großen Saal des auch international gerühmten Jazzclubs in der Riemergasse wäre das wegen des Kostendrucks nicht möglich. Im kleinen, im Eingangsbereich situierten Raum schon. Der Besucher zahlt, was ihm möglich ist oder ihm richtig erscheint. Das Geld geht dann zu 100 Prozent an die Künstler.

 

Der Klang von Alfred Prinz

„Wir versuchen, das System der Selbstausbeutung ein wenig zu korrigieren. Was sich an der Kassa abspielt, ist ein Spiegel der Gesellschaft“, sagt Deppe. „Es gibt mittlerweile sehr viel ältere Leute, oft Akademiker, die wenig Geld haben. Ein Phänomen ist auch, dass viele weniger betuchte Touristen aus Italien und aus dem Osten in die Strenge Kammer kommen.“

Gern erinnert sich Deppe daran, was ihn in den Siebzigerjahren selbst nach Wien gelockt hat. „Es war der Klang von Alfred Prinz, dem damaligen Soloklarinettisten der Wiener Philharmoniker, der hat mich genauso fasziniert wie der Sound von Jazzer Jimmy Giuffre“, erzählt er. Sein erstes Zimmer in der Stadt befand sich kitschigerweise in einem Jagdschloss der Kaiserin Maria Theresia. Später bezog er ein Zimmer bei einer Philharmonikerwitwe im ersten Bezirk. „Die hat fast ein bisserl zu viel auf mich geschaut.“ Heute zählt es zu seinen Glücksmomenten, den künstlerischen Fortgang junger Menschen zu fördern und zu beobachten: „Es ist ganz wichtig, dass man sich am Erfolg der anderen erfreuen kann. Das hab ich auch erst lernen müssen.“

Im eigenen künstlerischen Leben bewegte er sich zwischen Jazz, Klassik und Neuer Musik. Der belastete Terminus „Innovation“ schwebt wie ein Halo über Deppes Haupt. Kann es so etwas überhaupt noch geben? Die provokante Frage macht den gemütlich Aussehenden lebhaft: „Das große Geheimnis sind ja nicht die zwölf Töne, mit denen man es zu tun hat, sondern wie und wann ich von einem Ton zum anderen wechsle. Da gibt es Tausende von Möglichkeiten in der Phrasierung, in der Artikulation, im Sound, im Material.“ Im Jazz sind viele alte Musiker aktiv, die von ihrer juvenilen Virtuosität längst schon ablassen mussten.

„Naturbedingte Reduktion kann magische Ergebnisse erzielen“, so Deppe. „Lee Konitz ist das beste Beispiel. So was ist nur in der Musik möglich. Auch der alte Horowitz ist für mich berührender als der junge Virtuose.“

Welche andere Form von Magie entwickelt sich in der Strengen Kammer? „Als Besucher in diesem intimen Raum kann ich ein Naheverhältnis zum Künstler entwickeln“, sagt er. „Ganz abgesehen von ästhetischen Befindlichkeiten ist so ein Konzert nämlich immer auch eine Übung in Toleranz. Es lässt sich nicht schnell wegzappen. Da muss man durch. Dabei gibt es Scheitern, Korrektur und zuweilen Magie. Für die, die öfter kommen, ist die Strenge Kammer eine Schule der Wahrnehmung.“

Deppe, ein treuer Freund des Randständigen über die Stadt, in der er hängen geblieben ist: „Wien ist ein einziger Rand. Hier konnte man in den Siebzigerjahren etwas verändern und kann es immer noch. Es scheint, als käme die Globalisierung vor den Toren Wiens zum Stehen. Das ist gut so.“

ZUR PERSON

Musiker und Kurator. Renald Deppe wurde 1955 in Bochum geboren und ist Saxofonist und Klarinettist. Er war 1993 Mitbegründer des Jazzclubs Porgy & Bess und machte über die Jahre auch als Kurator viel von sich reden. Seit sechs Jahren leitet er die sogenannte Strenge Kammer im Porgy & Bess, ein Laboratorium für den Nachwuchs – dem, wie er betont, „einzigen Ort, wo junge Musiker unter professionellen Bedingungen drei Abende hintereinander spielen können“. Dabei zahlen die Besucher, was sie können – oder eben wollen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2017)

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