Von der Alchemie des Lebens

Christopher Chaplin hat als Sohn eines Übervaters in experimenteller Musik seine Stimme gefunden. Publik gemacht hat sie ein Plattenlabel aus Wien.

Christopher Chaplin bei seinem jüngsten Besuch in Wien.
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Christopher Chaplin bei seinem jüngsten Besuch in Wien.
Christopher Chaplin bei seinem jüngsten Besuch in Wien. – (c) Katharina Fröschl-Roßboth

Es war in den Tagen von Myspace. Christopher Chaplin hatte begeistert die neue Technik für sich entdeckt, „mit der man alles bei sich zu Hause im Schlafzimmer machen kann“, und postete seine Musik im Internet. Eines Tages landete in seinem Posteingang ein E-Mail aus Wien. Absender war Michael Martinek von Fabrique Records, der ihn fragte, ob er an Bord kommen wolle. „Das war unglaublich. Ich hatte meine Musik bis dahin mehr oder weniger nur für mich selbst gemacht.“

Es ist das 15-Jahr-Jubiläum des Labels, das Chaplin nun wieder einmal nach Wien geführt hat. Heute Abend wird er mit Morrisseys „Musikdirektor“ Boz Boorer oder Loretta Who im Radiokulturhaus auftreten. Gerade aus London kommend gelandet, sitzt er im Café des Hotels Harmonie. Mit seinen Salt-and-Pepper-Haaren, dem gepflegten Rauschebart und den nachdenklichen Augen hätte man sich für ihn auch eine Zweitkarriere als Model denken können: Hipster trifft Almöhi.

Tatsächlich hat der 54-Jährige bis zu seiner späten (Wieder-)Entdeckung der Musik als Schauspieler gearbeitet. Als das besagte E-Mail kam, hatte er seine Karriere schon ad acta gelegt, wobei, eigentlich hatte sie sich ohnehin längst selbst erledigt. „Aber irgendwann habe ich beschlossen: Sollte doch noch ein Angebot kommen, sage ausnahmsweise ich Nein.“

 

„Schiere Menschlichkeit“

Aufgewachsen ist Chaplin, der Name verrät es, in einer Künstlerfamilie. Mit seiner Mutter, Oona O'Neill, hatte Charlie Chaplin acht Kinder, elf insgesamt. Christopher kam als letztes. „Vor Kurzem habe ich mit einem meiner Brüder darüber gesprochen, dass er mit 16 weggelaufen ist. Da war ich noch gar nicht auf der Welt.“ Er wuchs auf dem idyllischen Schweizer Anwesen der Familie auf, erzogen von zwei Kindermädchen, während sich seine Mutter um den alten, kranken Vater kümmerte. „Eine weise, heitere Vaterfigur.“ Vieles über seinen Vater habe er freilich nur über die Filme wahrgenommen, „diese schiere Menschlichkeit“. Er fühle sich oft eher als „Teil des Publikums“ denn als Sohn.

Seinen anderen übergroßen Vorfahren, seinen Großvater Eugene O'Neill, hat er nie kennengelernt. „Er war ziemlich schrecklich zu seinen Kindern. Beide Söhne haben sich umgebracht, meine Mutter hat er mit 18 verstoßen. Sie hat sehr darunter gelitten.“ Die Stücke des Literaturnobelpreisträgers entdecke er erst wieder. Es sei schwer, seine verschiedenen Seiten in Einklang zu bringen. Kein seltenes Phänomen. „Ich lese gerade über Wagner. Auch kein sehr netter Mann.“ Sein größter künstlerischer Einfluss kam, „seltsam genug“ von einem seiner Lehrer in Lausanne. Dieser unterrichtete Philosophie, Französisch und Geschichte und liebte Kunst, „er hat mich zum Malen gebracht. Wenn ich heute komponiere, ist es, als würde ich etwas auf eine Leinwand bringen“. In der Malerei würde man von Großformaten sprechen – ein Stück von ihm dauert schon einmal 20 Minuten.

Erstes Projekt war „Seven Echoes“, eine Kollaboration mit dem Wiener Elektroproduzenten Kava. Auch das „ein Wunder der Technik, wir haben uns bei der CD-Präsentation in Gugging zum ersten Mal gesehen“. Dort traf er auch den deutschen Elektronikpionier Hans-Joachim Roedelius, der in Baden lebt. „Ab da nahm mich Roedelius unter seine Fittiche.“ Durch ihn sei er schließlich auch auf der Bühne gelandet, „daran hätte ich in einer Million Jahren nicht gedacht. Eigentlich wollte ich mich selbst nicht mehr präsentieren, nur noch in meinem sicheren Studio sein.“ Heute sei er dankbar. „Er hat mich dazu gebracht, meine Angst ein wenig zu überwinden. Inzwischen ist das wie eine Droge für mich.“

Im Herbst hat er sein erstes Soloalbum herausgebracht, eine Mischung aus Elektronik, Kammer- und atonaler Musik und Texten wie „Aelia Laelia Crispis“, dem „Rätsel von Bologna“, einer lateinischen Marmorinschrift, über die seit Jahrhunderten spekuliert wird. „Ich war immer von der Alchemie und ihren Inschriften fasziniert“, sagt Chaplin. „Ich verstand die Texte nicht, aber hatte immer den Eindruck, sie bergen ein mächtiges Geheimnis.“

In der Musik, sagt er, habe er nun endlich das Gefühl, „dass ich eine Stimme habe, es ist auch irgendwie therapeutisch. Ich glaube, dass sich großartige Schauspieler auch ausdrücken können, aber mir ist das nie gelungen.“ Für ihn ist es auch eine Art Rückkehr. Als Teenager wollte er Konzertpianist werden, hatte auch Kompositionsunterricht. Beim Eintritt ins Konservatorium in Genf kam die Ernüchterung. „Die anderen hatten alle viel früher zu spielen begonnen. Das hat mich sehr demotiviert, ich dachte, alles wäre umsonst gewesen. Heute weiß ich: So etwas ist nie umsonst.“

ZUR PERSON

Christopher Chaplin wurde 1962 in der Schweiz geboren. Er ist der jüngste Sohn von Charlie Chaplin und dessen vierter Frau, Oona O'Neill. In seiner Jugend wurde er als Pianist ausgebildet, später wurde er Schauspieler, u. a. spielte er in Peter Patzaks „Gavre Princip – Himmel unter Steinen“. Im Herbst erschien bei Fabrique Records sein erstes Soloalbum „Je suis le Ténébreux“, am 26. Mai folgt die Remix-EP „Deconstructed“ auf Vinyl. Heute Abend spielt er bei der Fabrique Label Night im Radiokulturhaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2017)

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