Klangketten durch die Stadt

Die Musikuni feiert ihr 200-Jahr-Jubiläum heute Nachmittag ausgehend vom Musikverein in der ganzen Innenstadt – Mitmachen explizit erwünscht.

Initiator Dietmar Flosdorf beim Wiener Stadtpark. Der Park ist eine der vielen Klanginseln, im Anschluss wird hier gefeiert.
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Initiator Dietmar Flosdorf beim Wiener Stadtpark. Der Park ist eine der vielen Klanginseln, im Anschluss wird hier gefeiert.
Initiator Dietmar Flosdorf beim Wiener Stadtpark. Der Park ist eine der vielen Klanginseln, im Anschluss wird hier gefeiert. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Eigentlich war ja der Mittwoch der Vorwoche als Termin fixiert gewesen. Doch dann sah es schwer nach Unwetter aus – am Dienstag wurde in enger Absprache mit Meteorologen der ZAMG beschlossen, die Veranstaltung zu verschieben. Dietmar Flosdorf kann mit der Entscheidung gut leben – auch wenn die Gewitter am Ende nur rund um Wien niedergingen. Es habe immer einen Ersatztermin gegeben. Und die Firma Bösendorfer stelle ihre Flügel eben nicht ins Freie, wenn Regen dräut.

Nun, eine Woche später, ist dieser Ersatztermin da, auch das Wetter sollte mitspielen, wenn die Musikuni heute Nachmittag ihr großes 200-Jahr-Jubiläum hinaus in die Stadt trägt. „Klangketten“ heißt das Konzept, Dietmar Flosdorf hatte die Idee – er ist der Experte der Musikuni für Musikvermittlung und hat ein Semester lang mit Studenten daran gearbeitet. In der gesamten Innenstadt werden dabei Klanginseln gebildet; überall dort, wo die Musikuni ein Institut oder einen Standort hat – und das sind einige. Jedes der 24 Institute ist für eine eigene Klanginsel entlang der Route verantwortlich, und durch die Musik, die von einer Insel zur nächsten dringt, sollen ganze Klangketten entstehen.

Mit dabei sind aber nicht nur die eigenen Institute, „sondern auch die vielen Institutionen, die unsere Arbeit erst ermöglichen“ – Schulen, Musikschulen und Vereine etwa. Aber auch Musiker, Chöre und Bands waren eingeladen, sich zu beteiligen. Insgesamt haben sich 1500 Menschen vorab für Beiträge angemeldet, vom Ukulelen- oder Dudelsackensemble über den Knopfharmonikaspieler bis zum Pianisten am Kinderklavier. Abgesehen davon sei jeder eingeladen, spontan mitzumachen – oder zuzuhören.

In Summe soll das Projekt mehrere Brücken gleichzeitig schlagen. Eine Brücke in die Geschichte (nicht umsonst ist der Musikverein Ausgangspunkt, war es doch die Gesellschaft der Musikfreunde, die sich um die Gründung eines Konservatoriums nach Pariser Vorbild bemühte und Antonio Salieri eine erste Singklasse leiten ließ), aber dank der Einbindung von Schülern auch eine Brücke in die Zukunft – und angesichts der Internationalität der Uni in die ganze Welt. Nicht zuletzt ist es das erste Projekt, das eine Zusammenarbeit aller Institute nach außen trägt – und (und das ist die Spezialität Flosdorfs), zu Menschen abseits der Konzertsäle. „Musik zum Anfassen“ heißt sein Projekt, das er noch als Student in München mit Kollegen am WG-Küchentisch gegründet und später nach Österreich gebracht hat. Schon damals sei es für ihn bereichernd gewesen, Menschen nicht nur von einer Bühne herunter zu begegnen, und „spontane Reaktionen zu bekommen für das, was mir am Herzen liegt – und nicht nur die ritualisierte Reaktion in Form von Applaus.“

 

Musik am Land und im Gefängnis

Damals ging er mit seinen Kollegen „aufs Land, in die Nervenheilanstalt, ins Gefängnis“. Nicht um bloß ein Konzert zu geben, sondern um gemeinsam eines zu erarbeiten. Heute nimmt er jedes Semester Studierende mit hinaus in die Welt, „in die Realität“ ins Seniorenheim, zu Flüchtlingen oder zu Lehrlingen in die Kfz–Werkstatt. Die Lehrlinge, erzählt Flosdorf, haben dann aus ihren Materialien einen Klangkörper geschweißt, mit dem nun wiederum Flüchtlingskinder spielen.

Wer heute um 16.30 Fanfaren in der Innenstadt hört, soll sich also nicht wundern, das ist dann Flosdorfs „Klangkettenspiel“: 50 Bläser geben das Thema der neu komponierten Fanfare der Uni von Insel zu Insel weiter (vom Musikverein über Ringstraßengalerien und Oper über die Kärntner- zur Krugerstraße und über weitere Stationen in den Stadtpark) und damit das Signal für 200 Sekunden Improvisation rund um ein G – das in ein gemeinschaftliches „Happy Birthday“ mündet.

Auf einen Blick

Dietmar Flosdorf (geb. in Würzburg) ist Bratschist im Wiener Kammerorchester. Er leitete u. a. acht Jahre lang das Musikvermittlungsprogramm der Wiener Symphoniker und lehrt an der Universität für Musik und Darstellende Kunst, die heuer ihr 200-Jahr-Jubiläum feiert. Gestern Abend fand dazu der Festakt statt, am 15. Juni folgt das große Aufspiel im Konzerthaus, heute ab 14 Uhr lädt man zu den Klangketten: Programm: mdw200.at/klangketten

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2017)

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